Süddeutsche Zeitung

Volleyball:Auf Asphalt gebissen

Zweitligist Grafing setzt sich nach einer turbulenten Anreise knapp mit 3:2 in Kriftel durch. Ein Spieler hatte zuvor die Abfahrt verschlafen.

Von Katrin Freiburghaus, Grafing

Mit der Grobanalyse war Grafings neuer Trainer Markus Zymmara in der Nacht auf den vergangenen Sonntag schnell fertig. "Wir haben zwei Punkte gewonnen und einen auf der Autobahn verloren", sagte er nach dem 3:2 der Zweitliga-Volleyballer beim Vorjahresaufsteiger Kriftel. Die gut 400 Kilometer Anreise am Spieltag waren von vornherein Herausforderung genug gewesen. Erschwerend kam jedoch hinzu, dass ein Spieler zuvor das NBA-Conference-Halbfinale geschaut und deshalb gründlich verschlafen hatte. Zur Abfahrtszeit schlummerte er noch selig. "Den mussten wir persönlich zu Hause abholen", sagte Zymmara - weshalb einer von zwei Bussen mit einer knappen Stunde Verspätung startete.

Während sich der erste Teil des Teams auf der Autobahn lediglich von einem Stau in den nächsten quälte, blieb der zweite in einer Vollsperrung hängen. Zwar hatten Grafings Verantwortliche einen großen Zeitpuffer eingebaut, zwischenzeitlich stand allerdings dennoch auf der Kippe, ob die Mannschaft rechtzeitig zum Anpfiff komplett sein würde. Zymmara beantragte daraufhin für sich selbst und TSV-Manager Johannes Oswald vorsorglich noch schnell einen Spielerpass, "damit wir wenigstens sieben gewesen wären". Letztlich waren zu Spielbeginn dann aber doch alle da. Auch die Vorfreude auf das erste Punktspiel hatte es bis nach Hessen geschafft.

Gelitten hatte hingegen die körperliche Verfassung. "Wir waren geschlaucht und mussten das ganze Spiel über kämpfen", sagte Zymmara. In den ersten beiden Sätzen reichte die Qualität (25:20, 26:24), im dritten Durchgang "sind wir dann hinterhergerannt" befand er. In der Verlängerung beendete den Satz ein Netzfehler (30:32). Anschließend sei sein Team "mental so ein bisschen eingebrochen". Nach dem ebenfalls verlorenen vierten Satz habe es sich aber "noch einmal zusammengerauft", lobte er. Die zwei Punkte seien ein "guter Sieg für die Moral", grundsätzlich war er mit der sportlichen Vorstellung seiner Mannschaft ohnehin zufrieden. Der 29-Jährige wollte die Leistung des Gegners nicht kleinreden. Die jüngsten Trainingseindrücke hätten ihn in Kombination mit den starken Phasen gegen Kriftel aber in der Einschätzung bestätigt, "dass wir hier immer 3:0 gewinnen würden, wenn wir nah an unseren 100 Prozent spielen".

Dass lediglich 38 abgezählte Zuschauer in der Halle waren, beeindruckte die Grafinger nicht. "Es ist ein bisschen komisch, aber wir konzentrieren uns auf uns selber", sagte Manager Oswald. Zum ersten Heimspiel am kommenden Samstag gegen Mimmenhausen hätte der TSV aber trotzdem gerne deutlich mehr Stimmung auf den Rängen. Ob das Spiel vor 200 Zuschauern in der Jahnsporthalle allerdings stattfinden darf, ist weiterhin unklar. Die Entscheidung über Heimauftakt oder Verlegung hängt unverändert davon ab, ob die zweite Volleyball-Bundesliga offiziell als Profi- oder als Amateurliga eingestuft wird.

Manager Oswald brachte dieses Kriterium am Samstagabend eher zum Lachen. "Es gibt leider immer noch nichts Neues", sagte er. Offiziell gelte der TSV als Profi-Mannschaft. Das mutet einigermaßen seltsam an, weil die Spieler weder Geld bekommen noch Profi-Umfänge trainieren. Am Samstag bekam diese Frage fast eine komische Note. "Am heutigen Tag denke ich, dass wir dreiste Amateure sind", sagte Oswald und lachte. Unter der Hand gehe man davon aus, dass die Beschränkungen ohnehin zum 19.9., also genau dem Tag des ersten Grafinger Heimspiels, auslaufen werden. Für die Organisation eines Spieltags unter strengen Auflagen wäre das jedoch reichlich spät. Es komme deshalb in Betracht, ähnlich wie Samstagsgegner Kriftel zu verfahren und die erste Partie zu Hause in einer Art Test-Modus mit wenigen ausgewählten Zuschauern auszutragen.

Zumindest sportlich muss dem TSV vor diesem Spiel nicht bange sein. "Wir gehen selbstbewusst in die nächste Trainingswoche", versicherte Zymmara, "und wenn wir alle entspannt zum Heimspiel kommen, werden wir eine ganz andere Energie auf dem Feld haben." Sollte doch einer notfallmäßig geweckt werden müssen, wäre zumindest dessen Weg zum Spiel deutlich kürzer.

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SZ vom 14.09.2020
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