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Turnen:Zukunft vertagt

„Die Luft ist raus“: Für die letzten beiden Wettkämpfe muss sich das oberbayerische Turnteam um Markus Müller noch einmal neu motivieren.

(Foto: Claus Schunk)

Weil den Turnern von Exquisa Oberbayern in den entscheidenden Wettkämpfen entscheidende Akteure ausfallen, verpassen sie den Aufstieg in Liga eins. Für die Entwicklung ihrer Talente muss das kein Nachteil sein.

Die obligatorische Frage - der Holländer oder der Brite? - war längst beantwortet: Es sollte der Russe sein. Zwar gilt analog zu einer kaiserlichen Feststellung, dass nicht nur Schweden, sondern auch Russen keine Holländer sind (und Briten sind sie allesamt erst recht nicht), doch darüber musste sich Daniil Kazachkov keine Gedanken machen. Er begann seine zwölfstündige Anreise nach München mit einem Flug vom sibirischen Nowosibirsk nach Moskau; sein Ziel war der Münchner Vorort Unterhaching, wo ihm dann noch ein bisschen Zeit bleiben sollte, die Reisestrapazen abzuschütteln.

So war der Plan der Zweitligaturner von Exquisa Oberbayern, und wer im Laufe der Saison nicht genau aufgepasst hatte, dürfte sich ob dieses Plans ein bisschen gewundert haben. Denn als die Saison begann, hatte die oberbayerische Turngemeinschaft um den TSV Unterhaching überhaupt nur zwei Profis gemeldet, die die freie Ausländerposition im Wechsel hätten übernehmen sollen: den Holländer Casimir Schmidt und den Briten Pavel Karnejenko, beide wie im Jahr zuvor. Später habe sein Sohn dann diesen Russen "eingetütet", erklärt Unterhachings Abteilungsleiter Oskar Paulicks. Da war diese Saison, in der sie gerne aufsteigen wollten, längst angelaufen. "Das wäre sportlich eine Riesenverstärkung für uns gewesen", sagt Paulicks' Sohn Jakob, der Mannschaftsführer, und es war eine naheliegende Planung, diese Riesenverstärkung gegen Schiltach einzusetzen, im Spitzenduell, das über die Meisterschaft und damit über die Teilnahme am Aufstiegsfinale in Liga eins entscheiden würde. Dann meldete sich Kazachkov aus Moskau. Er habe gerade erfahren, dass er nicht ausreisen dürfe.

"Auf der Ausländerposition ist in diesem Jahr schiefgelaufen, was schieflaufen konnte."

Bis dahin hatten sie nur Videos von dem 26-Jährigen gesehen, sie hatten eine Empfehlung vom Stuttgarter Trainer Waleri Belenki bekommen, und sie hatten zu Kazachkovs bisherigem Verein, dem Erstligisten TG Saar, gute Kontakte - dort turnen die Hachinger Lukas Dauser und Felix Remuta. Die TG Saar hat in Nikita Nagornyy und Oleg Verniaiev aktuell die Nummer eins und drei der Turnwelt im Kader, für den soliden Kazachkov hatten sie deshalb vorübergehend keine Verwendung und stellten ihn den Hachingern deshalb als eine Art Leihgabe zur Verfügung.

"Auf der Ausländerposition ist in diesem Jahr leider schiefgelaufen, was schieflaufen konnte", resümiert nun Oskar Paulicks. "Ohne eigenes Verschulden", wie er betont, "man steht da und kann nichts machen." Der Zug sei nun jedenfalls abgefahren, sagt er - und meint den sprichwörtlichen, den zur Meisterschaft. Das Flugzeug aus Moskau dagegen war ohne Kazachkov abgehoben. Das habe wohl etwas mit finanziellen Verbindlichkeiten zu tun gehabt, erklärt Jakob Paulicks. Tatsächlich ist es so, dass der russische Staat im Kampf gegen steigende Privatschulden seiner Bürger schon vor einigen Jahren die Möglichkeit von Ausreiseverboten geschaffen hat, das gilt offenbar bereits für Summen oberhalb von 160 Euro. Doch weder der Verein noch der Athlet hatten darüber Bescheid gewusst, es traf alle unvorbereitet. Und so war nun ein weiteres Mal ihre erhoffte und fest eingeplante Verstärkung ausgefallen.

Zum ersten Mal war ihnen das Ende September passiert, ausgerechnet gegen die KTV Ries, den aktuellen Tabellenzweiten, den anderen starken Gegner also. Damals hatte Pavel Karnejenko, der junge Brite, seinen Einsatz kurzfristig wegen einer Verletzung an der Bizepssehne stornieren müssen. Die Oberbayern konnten nicht mehr reagieren und mussten ohne ausländischen Akteur antreten. Eine solche Schwächung ist im Turnen erheblich, denn meist handelt es sich bei den externen Verstärkungen um Mehrkämpfer von internationaler Klasse. An jedem der sechs Geräte treten vier Athleten jedes Teams an - solche Topleute können also alleine ein Viertel der gesamten Teamleistung erbringen. Mit 38:43 Scorepunkten unterlagen die Hachinger dann, eine ebenso knappe wie bittere Niederlage, nach der das Team gegen die noch unbezwungenen Schiltacher entsprechend unter Zugzwang stand.

Es wurde dann wieder knapp. Zwei Tage vor dem Wettkampf gegen Schiltach war Kazachkovs Absage gekommen. Der sofort kontaktierte Casimir Schmidt war in seiner Heimat wegen eines Schaukampfs unabkömmlich. Doch Karnejenko buchte tatsächlich kurzfristig einen Flug und kam. "Das ist alles andere als selbstverständlich", wusste Jakob Paulicks. Allerdings war die Schulterverletzung des 19-Jährigen noch nicht ausgeheilt. An Ringen und Reck konnte er gar nicht antreten, an Barren und Sprung gelangen ihm wegen des Handicaps und des Trainingsrückstands keine Punkte. Umso beachtlicher das knappe Ergebnis: 35:41 unterlag das Team Oberbayern. Am Boden hatte es halbwegs mitgehalten, am Pferd eine 16:11-Führung herausgearbeitet, die erneut bewies, dass aus der ehemaligen Wackeldisziplin inzwischen ein Paradegerät geworden ist. An den Ringen war dann aber wenig zu holen. Mit 8:4 Punkten ist das Team Oberbayern zwei Wettkampftage vor Schluss Dritter.

"Unsere Leistung war überragend", lobte Routinier Jakob Paulicks. Gerade einmal drei Stürze gab es in den 48 Übungen in Schiltach. Das sei ein prima Signal für die Zukunft, findet er, dass gerade die Jungen im Team in der Lage seien, in einem solch wichtigen Wettkampf ihre beste Leistung abzurufen. Nur müsse diese Zukunft nun eben um ein Jahr vertagt werden.

Eine Rückkehr von Nguyen, Dauser oder Remuta wäre reizvoll, aber wohl kaum finanzierbar

Andererseits: Gerade für die Teenager Felix Kriedemann, Jonas Olbrich, Fabian Dauth, Samuel Dobrovsky und Moritz Braig, die allesamt eine sehr stabile Saison geturnt haben, muss es kein Nachteil sein, dass ihr Team in der zweiten Liga bleibt. "Sie bekommen ihre Einsätze, können sich ausprobieren", sagt Jakob Paulicks. Für die erste Liga hätte man "einen Kracher" auf der Ausländerposition gebraucht, aber auch sonst Verstärkung - wobei andererseits die Vereinsphilosophie schon immer darauf setzt, eigene Talente zu fördern. Und dass renommierte Hachinger Eigengewächse wie Dauser, Remuta oder Marcel Nguyen von ihren Erstligateams zurückkehrten, sei zwar immer in den Hinterköpfen, geben Vater und Sohn Paulicks zu, finanziell wäre eine Rückholaktion aber kaum zu realisieren. Und in der aktuellen Aufstellung hätten es die Oberbayern in Liga eins wohl schwer. Jakob Paulicks kennt das von seinem ersten Erstliga-Abenteuer vor vielen Jahren mit dem FC Bayern. "Da fährst du als junge Truppe durch die ganze Republik und wirst überall nur abgefieselt. So richtig motivierend ist das nicht."

Apropos: Die Luft sei nun natürlich etwas raus nach dem verpassten Saisonziel. Sie müssten zusehen, dass sie sich noch einmal motivierten. Zwei Wettkämpfe gibt es noch, in denen will das Team die Saison nicht einfach austrudeln lassen. Auch ihre Ausländer sind eingeplant: Diesen Samstag bei der TG Hanauerland soll Karnejenko ran, der Brite. Eine Woche später zum Heimkampf dann der Holländer Schmidt.