Turnen Unter Wilden

„Ich hoffe, dass er uns einige Jahre erhalten bleibt“: Pavel Karnejenko, aus Estland stammender Schotte, turnt künftig für die Oberbayern.

(Foto: Schreyer/imago)

"Mal gucken, wie er sich macht": Mit einem 18-jährigen Schotten, der aus Estland stammt und EM-Silber für Großbritanniens Junioren gewann, startet die Turngemeinschaft Oberbayern in die zweite Liga. Gegner ist Singen.

Von Andreas Liebmann, Unterhaching

Es ist ein ziemlich seltenes Exemplar, das Tassilo Du Mesnil am Freitagabend vom Münchner Flughafen abholte. Pavel Karnejenko ist, wie der Namen vermuten lässt, Schotte, und zwar der einzige, der bei der Turn-Europameisterschaft in Glasgow in diesem Sommer zum Einsatz kam. Karnejenko holte Silber mit dem Team im Juniorenwettbewerb, natürlich nicht für Schottland, sondern für Großbritannien - dort wiederum ist der 18-Jährige einer von vielen. Die Briten haben zurzeit im europäischen Vergleich die größte Dichte an Spitzenturnern hinter Russland, und das ist einer der Gründe, wieso Du Mesnil Karnejenko am Freitag aufgabelte. Er hatte jemanden gesucht, der nur einer von vielen ist.

An diesem Samstag starten die Zweitligaturner von Exquisa Oberbayern, jener Wettkampfgemeinschaft, zu der federführend auch der TSV Unterhaching gehört, in die neue Saison. Karnejenko ist neu im Team. "Man muss abwarten, wie gut er tatsächlich ist", sagt Abteilungsleiter Oskar Paulicks vorsichtig. Du Mesnil sagt: "Mal gucken, wie er sich macht." 18 Jahre ist sehr jung, besonders für die verantwortungsvolle Rolle, die ausländische Turner üblicherweise im deutschen Ligabetrieb einnehmen. Denn sofern sie richtig eingesetzt werden, sollten sie ja explizite Verstärkungen sein, im besten Falle Punktegaranten. "Wir haben auch schon schlechte Erfahrungen gemacht", ruft Paulicks in Erinnerung; bei den Frauen in der zweiten Liga, wo eine junge Spanierin zu Beginn dieser Saison von sämtlichen Geräten gepurzelt war. "Das war eine Katastrophe", erinnert sich Paulicks mit Grausen.

Ein solcher Fehlgriff ist eher selten, viel häufiger gibt es ein anderes Problem mit Turnern aus dem Ausland: dass sie zu gut sind. So verhielt es sich zum Beispiel mit zwei Ungarn, die über Jahre für die Oberbayern turnten: Vor der vergangenen Saison stellte sich ihr Verband quer, verbot ihnen Liga-Einsätze. Inzwischen hat der eine aufgehört, der andere, David Vecsernyes, holte in Glasgow Bronze am Reck. Unwahrscheinlich, dass er dieses Jahr für die Oberbayern antreten darf. "Das ist ein bisschen schade", findet Du Mesnil, der als einer der Aktiven gleichzeitig an der Kaderzusammenstellung beteiligt ist. Man zucke fast schon zusammen, wenn ein solcher Mannschaftskollege international erfolgreich ist. Im Vorjahr hatten sie neben dem damals 21-jährigen Holländer Casimir Schmidt, der dann nur auf einen, allerdings überzeugenden Einsatz kam, den Belgier Noah Kuavita verpflichtet, ebenfalls als 18-Jährigen. "Er war super, man hat gesehen, wie viel Potential er hat", lobt Du Mesnil. Beide stehen weiter im Kader, doch zählen sie nun mal zu den Besten ihrer Länder. Die Frage ist also, ob und wie oft ihr Verband sie ziehen lässt. Im Oktober ist WM, "richtige Kracher herzukriegen" sei deshalb ohnehin schwer gewesen. Auch Schmidt und Kuavita seien bis dahin auf keinen Fall einsetzbar. Jeder Erfolg ihrer internationalen Verstärkungen sei "Fluch und Segen zugleich".

Du Mesnil setzt nun darauf, dass der aus Estland stammende Schotte Karnejenko etwas mehr Zeit benötigt, um in Großbritannien unverzichtbar zu sein, deshalb (und wegen der Sprache) habe er sich dort gezielt umgesehen. "Ich hoffe, dass er uns vielleicht einige Jahre erhalten bleibt, wenn es ihm hier Spaß macht." Er stamme aus demselben Jahrgang wie Fabian Dauth, Jonas Olbrich und Samuel Dobrovsky, Hachings "junge Wilde".

So kompliziert es auch ist mit der Ausländer-Besetzung: Drei der vier Starter an jedem Gerät müssen ohnehin Deutsche sein. Hier ist der Kader gleich geblieben. Nach zwei vierten Plätzen soll es diesmal Richtung Rang drei gehen, sagt Du Mesnil - wegen einiger berufsbedingter Ausfälle habe man im Vorjahr doch das Gefühl gehabt, "dass mehr drin war". In dieser Saison seien kaum Ausfälle absehbar. Der erste Auftritt in Unterhaching an diesem Samstag (18 Uhr, Utzweg 1) wird allerdings gleich eine echte Standortbestimmung: Der Vorjahresmeister StTV Singen ist zu Gast, der sich in Antonio Huber noch mit einem der stabilsten deutschen Zweitliga-Scorer der vergangenen Jahre verstärkt hat. Als chancenlos betrachte er sein Team aber nicht, sagt Du Mesnil.

Ein Hachinger Vorteil ist, dass die Turngemeinschaft keinen Druck hat. "Wir halten uns die Liga-Mannschaft nicht, um eine möglichst gute Liga-Mannschaft zu haben", erklärt Paulicks, "sondern als Plattform für unsere Talente." Auch Karnejenko wird also wenig Druck haben. Und dass er von allen Geräten purzelt, ist wohl auszuschließen.