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Turnen:Sprechstunde mit Dr. Glück

Promotion in Prag: Jakob Glück hat erst sein Medizinstudium zu Ende und sich dann in Form gebracht.

(Foto: Claus Schunk)

Trotz offener Fragen zum Saisonstart hofft Exquisa Oberbayern auf den Aufstieg.

Von Andreas Liebmann, Unterhaching

Vielleicht sollte man Claudia auch von dieser Stelle aus grüßen, unbekannter Weise, schließlich hat sie eine wichtige Rolle gespielt am vergangenen Wochenende. Da nahmen die Zweitliga-Turner von Exquisa Oberbayern erstmals Tuchfühlung auf mit einer ungewöhnlichen Saison, die für sie an diesem Samstag (18 Uhr) in Unterhaching mit dem Heimkampf gegen die TG Hanauerland richtig losgeht. Es wird eine kurze Saison ohne Zuschauer, zumindest ohne leibhaftig anwesende, ganz egal, wie R-, Inzidenz- und andere Pandemiewerte sich entwickeln.

Die Oberbayern sind der Auffassung, dass sich der aufwendige Umzug in ihre Wettkampfarena mit allen Geräten und vielen Helfern nicht lohnt, solange man dort nur eine Handvoll Menschen einlassen und nicht bewirten dürfte. Alle seien von der Krise hart getroffen, sagen sie, aber sie haben beschlossen, das Beste aus der Situation zu machen. Am vergangenen Samstag probierten sie aus, wie das künftig aussehen soll, da stellten sie von ihrem Testwettkampf gegen die KTV Ries einen Livestream ins Netz, der nach der Absage des Gegners sogar ohne KTV Ries auskam.

Mit solchen Streams soll das Publikum künftig bei Laune, oder besser: bei der Stange gehalten werden. An Kamera und Mikrofon betätigten sich die ehemaligen Teamkapitäne Sebastian Mirz, Uli Ernst und der Vorsitzende Michael Bastier, ein Trio, das es nach Ernsts Schätzung auf "40 Jahre Turnerfahrung" bringt in diesem Zusammenschluss mehrerer oberbayerischer Klubs um den TSV Unterhaching.

Es gab also ein paar teaminterne Duelle an den sechs Geräten zu kommentieren, und wer diesem Test an einem Monitor beiwohnte, durfte sich ("Hallo, Claudia!") rege per Chat einbringen, Fragen stellen oder Anregungen geben. Für die Zuschauer, vermutete Mirz, könnte es Schlimmeres geben, als sich daheim vor dem Fernseher ein Bierchen zu genehmigen und in aller Ruhe beim Turnen zuzuschauen.

Die sportliche Aussagekraft der Generalprobe blieb überschaubar. Zwischen weichen Matten und offener Schnitzelgrube waren ein paar Stürze vom Pferd und Reck zu notieren, die Mirz zu dem Fazit brachten, dass man bis zum Auftakt "noch ein gutes Schippchen drauflegen" müsse. Natürlich wird der erste richtige Wettkampf ohne weiche Matten und Schaumstoffschnitzel stattfinden, in besserer Besetzung, vor mehr zugeschalteten Fans. Die Kulisse der leeren Trainingshallen als Heimstätte aber wird vorerst bleiben und den Kontrast bilden zur Erstliga-Vision.

Die Stimmung in der Halle sei gut, stellte Mirz fest, "einige haben sich seit Monaten nicht gesehen". Trotz aller Bemühungen sei es den Sportlern in den zurückliegenden Monaten schwergefallen, ihr Trainingspensum zu halten. "Ich denke, dass jedem Leistungssportler ein paar Prozent fehlen", schätzte er, zehn oder zwanzig. Weil aber auch das alle Teams gleichermaßen trifft, ändert es nichts an den Ambitionen der Oberbayern. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte Ernst zum Thema Aufstieg, und Mirz berichtete, dass die Turner nach Rang drei im Vorjahr durchaus motiviert wären, den Schritt in Liga eins zu gehen.

Jakob Paulicks, der vor einem Jahr aus der ersten Liga heimkehrte und beim Test fehlte, sieht das ähnlich: Natürlich wolle man die Chance ergreifen, falls sie sich biete. Doch neben der aktuellen Form angesichts oft heikler Trainingsumstände gibt es auch ein Fragezeichen hinter den ausländischen Profis. Deren Einsätze sind im Turnen fast obligatorisch, hängen nun aber an Einreisebeschränkungen und Quarantäneauflagen. Zur Premiere werde sein Team wohl ohne externe Verstärkung antreten, sagt Paulicks, abgesehen vom Wettkampf-Rückkehrer Christian Precup, einem alten Bekannten, der in Deutschland lebt, aber rumänischer Staatsbürger ist. Noah Kuavita etwa stammt aus Belgien - Risikogebiet. Mit einem Tschechen und einem Schweizer sei man gerade in Verhandlungen. Mancher Zweitligist hat bislang gar keine Legionäre gemeldet, vielleicht aus Kostengründen, zumal diese Saison keine Absteiger vorsieht. Paulicks hätte es zum Zwecke der Chancengleichheit bevorzugt, wenn die Liga einmal ganz auf Sportler aus anderen Nationen verzichtet hätte. Denn nun entschieden auch die jeweiligen Gesundheitsämter vor Ort, wer wie welche ausländischen Turner einsetzen darf.

Die Südstaffel der zweiten Liga ist jedenfalls pandemiebedingt in zwei Vierergruppen geteilt worden, macht nur drei Wettkämpfe für jeden. Danach folgt ein Überkreuzvergleich mit der anderen Gruppe. Anders als in den Vorjahren werden sich Süden und Norden nicht zum Aufstiegsfinale begegnen, stattdessen dürfen die Ersten beider Staffeln in Liga eins aufsteigen.

Die Gelegenheit wäre also günstig für die Oberbayern, deren Sponsoren treu blieben und die zurzeit keine Verletzten haben. Im Teststream war etwa das Comeback von Stefan Miedl nach Schulter-OP zu sehen, den man laut Paulicks in der Vorsaison speziell an den Ringen "schmerzlich vermisst" habe. In guter Verfassung zeigte sich auch Jakob Glück, der teils in Prag trainierte, wo er sein Medizinstudium absolviert, mit dem Doktortitel abgeschlossen und danach Zeit gefunden habe, in Form zu kommen. Auch das erfuhr man im Chat. Man dürfe ihn nun offiziell Dr. Glück nennen.

© SZ vom 10.10.2020

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