Turnen in München Auf dem Teppich

Die Turner des FC Bayern halten problemlos die erste Liga - für höhere Ziele brauchen sie noch bessere Nerven.

Von Andreas Liebmann

Im normalen Leben gilt der erste Eindruck, den man hinterlässt, als entscheidend. Turner, die vor Kampfrichtern auftreten, sollten hingegen den letzten Eindruck nicht außer Acht lassen: Die Landung beim Sprung ist wichtiger als der elegante Anlauf, ein fulminanter Abgang zählt mehr als die Art und Weise, wie man sich zur Reckstange hat empor hieven lassen. Umso fataler wirkte sich das finale Kunststück des 17-jährigen Lukas Dauser am Samstag im Erstligawettkampf beim MTT Chemnitz/Halle aus: Der C-Kaderturner des FC Bayern München schnellte vom Barren weg und landete spektakulär - auf dem Hosenboden.

"Da geht es um die Erfahrung zu wissen, ob man hinten raus noch genug Stehvermögen hat", sagt Uli Hager. Hager ist Abteilungsleiter des FC Bayern München. Weil er seine Sportart am liebsten durch Vergleiche mit dem Fußball erklärt, fällt ihm der Kopfball von Mario Gomez in der Nachspielzeit gegen Leverkusen ein: "Da habe ich mich auch so geärgert: Den muss er reinmachen", sagt Hager. "Aber einmal blöd geschaut - und schon ist alles vorbei." Soll heißen: Im Fußball wie im Turnen entscheiden in Liga eins Winzigkeiten. Ein Sieg am letzten Wettkampftag wäre jedenfalls möglich gewesen. Dann hätte Bayern das mitteldeutsche Turnzentrum in den Abstieg geschickt, und allein diese Vorstellung ist derart einmalig, dass Hager zugibt: "Dass wir das nicht geschafft haben, ärgert mich riesig." Seine Mannschaft sei mit großer Zuversicht zum letzten Wettkampf gefahren, was ihm - mit der Erfahrung aus 35 Jahren als Abteilungsleiter - "gleich suspekt gewesen" sei.

Letztlich gewannen die Münchner zwar an drei der sechs Geräte, doch die Niederlagen im Sprung (1:8) und an den Ringen (0:8) fielen derart klar aus, dass in der Endabrechnung ein 35:20 für Chemnitz/Halle stand. Noch ärgerlicher war die Niederlage 14 Tage zuvor gegen Hannover gewesen: Da gewann der FC Bayern sogar vier der sechs Disziplinen, doch Ringe (0:12) und Sprung (0:15) fielen so deutlich an die Niedersachsen, dass ihnen der Gesamtsieg blieb.

Die Bayern haben nach ihrem Wiederaufstieg als Sechste die Klasse gehalten, für den erhofften Rang vier hätten sie am Samstag allerdings einen Sieg in Chemnitz gebraucht. "Der Blick nach oben muss jetzt unser Anliegen für nächstes Jahr sein - sonst wird der Uli Hager grantig", kündigt Hager nun an und beruft sich auf Uli Hoeneß beim Fußball: "Der hat auch ein Gespür dafür, wann man mal auf den Teppich hauen muss."

Vorerst beabsichtigt Hager Milde walten zu lassen. Mario Gomez zeige schließlich auch, dass man nicht einfach auf die Spieler respektive Turner draufhauen dürfe. Der Stürmer treffe seit Wochen beständig, dabei sei es gar nicht lange her, dass ihn viele am liebsten mit dem Fahrrad zurück nach Stuttgart geschickt hätten. Da wie dort entscheide eben oft die Psyche, wobei die Turner immerhin den Vorteil "standardisierter Verhältnisse" hätten, sprich: Es gibt keinen "Störfaktor Gegner". Je vier Turner an sechs Geräten, das sei wie 24 Mal Elfmeterschießen. "Wer die besseren Nerven hat, gewinnt."

Die besseren Nerven hatten dieses Jahr zumeist die anderen. Zweimal gewann der FC Bayern in der Achterliga - just jene Duelle, in denen am wenigsten damit zu rechnen war: Einmal gegen die TG Saar, als alles perfekt lief, und einmal gegen Vorjahresmeister KTV Straubenhardt, der an diesem Tag ohne Fabian Hambüchen, Marcel Nguyen und Thomas Taranu antrat. "Zwei Sensationen", fand Hager. Dass beide Duelle zu Hause stattfanden, war wohl weniger entscheidend, denn seit Jahren tingeln die Bayern durch fremde Hallen: Neuried, Weilheim, Dießen, Gröbenzell. "München hat keine geeignete Halle", erklärt Hager, "und wenn wir doch mal hier sind, haben wir vielleicht 150 Zuschauer. Da gehen wir lieber raus aufs Land." Zu Turnvereinen, die sich mal ein Highlight gönnen und zu denen schnell mal 400 Zuschauer kommen. Viel Öffentlichkeit darf die Turnliga nicht erwarten, für die Aktiven ist der Ligabetrieb dennoch unverzichtbar: Dort empfehlen sie sich für die Nationalkader und die großen Turniere.

Am Kader soll sich beim FC Bayern nicht viel verändern. Vielleicht eine Verstärkung für die Ringe ist geplant. Die Berliner Brian Gladow und Muwala-Paulo Lando waren heuer regelmäßig im Einsatz, der Schweizer Claudio Capelli, der Tscheche Martin Konecni und der Pole Roman Kulesza, dazu Bayern wie Hansi Lohr, Wolfgang Priegl oder Markus Etter. Die jungen, von Unterhaching gekommenen Jakob Paulicks und Lukas Dauser hatten zuletzt Pech. Paulicks, 19, riss das Syndesmoseband, er setzte fast die ganze Saison aus. Dauser war im Vorjahr eine Sehne in der Schulter gerissen; er kehrte erst Mitte dieser Saison zurück. "Ausgerechnet ihm passieren in Chemnitz zwei Blackouts", klagt Hager - auch vom Reck war Dauser abgestürzt. "Es dauert so lange, bis man sich nach einer Schulterverletzung zurückarbeitet", weiß der Abteilungsleiter: "Bei so einem kann ich wirklich nicht draufhauen."