Türkgücü München:In der Aufbau-Phase

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"Alles noch nicht so eingefahren hier": Kein Kader, kein Stadion, kein Training - vor dem neuen Drittligisten liegt viel Arbeit. Coach Alexander Schmidt, mal wieder Nachfolger von Reiner Maurer, ist schon jetzt begeistert von den Gestaltungsmöglichkeiten.

Von Christoph Leischwitz

Ein bisschen muss es Alexander Schmidt vorkommen wie eine Zeitreise. "Als ich bei 1860 anfing", sagt er, "da hat das zum Teil genauso ausgesehen". Denn damals war vieles noch lange nicht so modern wie heute an der Grünwalder Straße, zumindest nicht für die Jugendabteilung. Mit Türkgücü München trainiert der 51-Jährige jetzt an der Heinrich-Wieland-Straße auf einer Bezirkssportanlage - als künftiger Drittligist, wohlgemerkt. "Das ist doch spannend, das ist alles noch nicht so eingefahren hier", sagt er. Aufbruchstimmung? Ja, das treffe es eigentlich ganz gut.

Schmidt weiß, wie sich Bodenständigkeit schreibt, immerhin wurde er als Spieler geprägt von Konrad Höß, dem Präsidenten des FC Pipinsried, der ihn einst zum Dorfklub holte. Zuletzt war Schmidt Coach in Österreich, bei St. Pölten, das lief nicht allzu gut. Nun ist er also zurück in München, obwohl er gar nicht richtig weg war, er wohnt am Starnberger See. Er ist begeistert davon, mit welcher "Power der Präsident sein Ziel verfolgt", sagt Schmidt über Hasan Kivran, den Vorsitzenden und Mäzen von Türkgücü. Er spricht von einem "extremen sportlichen Reiz", davon, dass bei Türkgücü so wenig vorgegeben sei, strukturell gesehen, dass man noch sehr viel aufbauen könne.

23.02.2020, TGW Arena, Pasching, AUT, 1. FBL, LASK vs SKN St. Poelten, 20. Runde, im Bild Trainer Alexander Schmidt (SKN; Fußball

Umbruch auf allen Ebenen: Auch Trainer Alexander Schmidt ist neu bei Türkgücü.

(Foto: imago images/Eibner Europa)

Tatsächlich hat er sich bei 1860 einst einen Namen gemacht, weil er aus recht wenig ziemlich viel machte. In der damals neuen Regionalliga formte er die U21 der Löwen überraschend zu einem Spitzenteam, mit Spielern wie Chris Wolf, Bobby Wood, Andy Geipel. Bekannt war er für sein Bauchgefühl und seine spontanen Entscheidungen. Mit der U17 stand er einmal, 2008, kurz vor dem Abstieg. Da ließ er kurzerhand ein paar Stammspieler zu Hause und nahm zum letzten Spiel nach Mainz einen 15-Jährigen namens Kevin Volland mit. Sechzig gewann 1:0 und hielt die Klasse. Unter Reiner Maurer war er Co-Trainer der ersten Mannschaft, stellte dann fest, dass er kein guter Co-Trainer ist. Später übernahm er die Mannschaft von Maurer. So wie jetzt bei Türkgücü. "Die Zeit bei 1860 war natürlich sehr wertvoll", sagt Schmidt. Das kalte Wasser habe abgehärtet. Es sei bestimmt auch von Vorteil, die Münchner Medienlandschaft zu kennen; bei Türkgücü ist auch immer was los. In diesem Zusammenhang spricht Schmidt von sich aus eine Personalentscheidung an, die zuletzt überraschte. Dass der langjährige Kapitän Yasin Yilmaz, 31, eine Identifikationsfigur bei dem Migrantenverein, der Pressemitteilungen stets auf Deutsch und Türkisch formuliert, keinen Vertrag mehr erhält, das sei "kein Alleingang von mir", betont Schmidt.

In der vergangenen Woche hat der Aufsteiger schon einmal vier neue Spieler bekanntgegeben: Torhüter Jordaine Jäger, 18, vom FC Ingolstadt, Abwehrspieler Erol Alkan, 26, zuletzt vereinslos, Mittelfeldspieler Alexander Laukart, 21, aus der zweiten niederländischen Liga und Verteidiger Yi-young Park, 26, als Leihgabe vom FC St. Pauli. Es wird sich wohl noch einiges tun, denn Türkgücü verfügt im Moment zwar über sieben Innenverteidiger, aber zum Beispiel kaum Außenstürmer.

Die Verträge von Co-Trainer Pummer und Torwarttrainer Hofmann wurden nicht verlängert

Die Neuen teilen ein Problem mit den Verbliebenen: Sie alle haben fast keine Spielpraxis. "Die aktuellen Drittligisten haben natürlich einen großen Vorteil", sagt Schmidt, dessen Mannschaft im Kalenderjahr gerade mal ein Pflichtspiel bestritten hat. Aktuell sei wegen der Kurzarbeitsregelung fraglich, wann man ins Training einsteigen könne. Schmidt hofft: sehr bald. Wenn man davon ausgehe, dass die Saison wie aktuell geplant Mitte September beginnt, dann dürfe man nicht erst Anfang August starten. Er hätte gerne "zwei Wochen Aufbau fürs Aufbautraining", damit er es danach nicht mit einer Verletzungsmisere zu tun bekommt. Und das bedeutet eigentlich: nächste Woche sollte es losgehen.

Schmidt verfügt noch nicht einmal über ein Trainerteam. Die Verträge von Assistent Andreas Pummer und Torwarttrainer Michael Hofmann, den Schmidt gut kennt aus seiner Zeit bei Sechzig, wurden bis jetzt nicht verlängert, ebenso der Vertrag mit Linksaußen Sercan Sararer, 30, einem ehemaligen türkischen Nationalspieler immerhin. "Wir sind aber mit allen in Gesprächen", sagt Kaderplaner Roman Plesche, der weitere Zugänge andeutet. Nachdem der Verein zahlreichen Spielern eine Gehaltskürzung abgerungen hatte, geht es weiterhin auch darum, Kosten zu sparen. Die lange Sommerpause könnte dabei helfen, das Transferfenster ist wohl noch bis Oktober geöffnet.

Und so kommt auf Alexander Schmidt tatsächlich ein enormer Umbruch zu. Die Mannschaft weiß ja nach einem sehr holprigen Zulassungsverfahren für den Profifußball im Moment noch nicht einmal, wo sie die Mehrzahl ihrer Heimspiele austrägt. Schmidt hofft aufs Olympiastadion. "Dann hätte ich als Trainer alle Stadien Münchens beisammen", sagt der langjährige Sechzig-Coach. Als erste Teambuilding-Maßnahme böte sich eine Zeltdach-Tour in der neuen Heimat an.

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