TSV 1860 München Kein Kaugummi

Leidenschaft kommt von Leiden: Vizepräsident Schneider und Geschäftsführer Schäfer argumentieren vor den Löwen-Fans für den Verbleib in der Arena.

Von Markus Schäflein

"1860-Autogrammstunde", stand auf eine Schiefertafel am Eingang der Sportsbar an der Theresienhöhe geschrieben, aber Autogramme des neuen Vizepräsidenten Dieter Schneider und des neuen Geschäftsführers Robert Schäfer wollte kaum jemand. Stattdessen sehnten sich die Anhänger des Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München bei dem Werbetermin des Biersponsors nach Aufklärung in dringenden Fragen: Führt sie noch ein Weg aus der ungeliebten Arena? Kann der Verein eine Insolvenz überhaupt noch verhindern?

Dass nur etwa 50 Fans erschienen, überraschte angesichts der aktuellen Entwicklungen im Verein, und bei denen, die vor der Tür auf den Beginn warteten, herrschte nur wenig Vorfreude. "Wir werden sowieso wieder nichts erfahren", meinte eine Anhängerin, "das wird wieder so ein Kaugummizeug." Von Kaugummi konnte zwar keine Rede sein. Der Abend entwickelte sich trotzdem nicht zur Freude der Löwenfans.

Knapp, klar und unmissverständlich bezogen die neuen Führungsfiguren des Klubs Stellung für den Verbleib in der Arena. "Ich kann die Träume und die Sehnsucht der Fans nach einer eigenen Spielstätte verstehen und ich akzeptiere diese Haltung", sagte Schäfer. "Aber mein Auftrag ist es, die Ziele mit dem Realismus abzugleichen. Ich habe einen gültigen Vertrag, den 1860 eingegangen ist. Wenn wir sagen, wir wollen unsere Probleme anpacken, dann gehört dazu, dass wir ein verlässlicher Vertragspartner sind."

Die Alternative Olympiastadion, deren genaue Prüfung einige Vereinsvertreter weiterhin fordern, scheint aus Sicht der beiden Neuen keine Chance zu haben. Den Hinweis des Moderators auf die kaputte Rasenheizung ergänzte Schäfer um weitere Punkte auf der Mängelliste wie den komplett sanierungsbedürftigen Vip-Raum im Olympiastadion und die nötigen Stahlrohrtribünen, um das Publikum wenigstens behelfsmäßig in die Nähe des Spielfelds zu rücken.

"Es wird ja suggeriert, die Tür zum Olympiastadion sei offen und 1860 müsse nur durchgehen. Aber es ist ein Irrglaube, dass uns irgendjemand diese Kosten abnimmt", sagte Schäfer. "Ich habe mir das Olympiastadion angesehen und kann mir dort selbst nach den Umbauten unter dem Vermarktungsaspekt keinen Profifußball vorstellen."

Vor allem Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, ehemaliger Aufsichtsrat des Klubs, hatte 1860 zu einem Wechsel ins Olympiastadion nachdrücklich eingeladen. Vizepräsident Schneider bedankte sich "an dieser Stelle hochoffiziell bei Herrn Ude für seine sehr hilfreichen Aussagen" (wobei er dann noch erläutern musste, dass es sich um Ironie gehandelt hatte).

Schneider erinnerte an die guten alten Zeiten, in denen er selbst als Fan bei den Heimspielen im Stadion an der Grünwalder Straße gewesen sei. "Ich habe dieses Stadion im Herzen, aber das war nicht nur gestern, das war vorgestern", sagte er. "Auch wenn ich gesteinigt werde: Die Arena ist das schönste Stadion in Deutschland." Da gab es ein paar Buhrufe von der Theke, ansonsten nahmen die Fans die Ausführungen weitgehend ruhig zu Kenntnis.

Dann fragte noch jemand, ob die Zukunft von 1860 finanziell bis Saisonende gesichert sei oder doch nur bis Weihnachten. "Das ist eine gute Frage und eine gemeine Frage", antwortete Schneider. "Natürlich ist das Sanierungskonzept darauf abgestellt, langfristig zu überleben, aber das ist abhängig davon, ob alle Partner mitmachen." Eine interessante Formulierung war das: Alle Partner - das würde schließlich bedeuten, dass auch die StadionGmbH, eine hundertprozentige Tochter des FC Bayern München, mitziehen und günstigere Mietkonditionen gewähren muss, um 1860 am Leben zu halten.

Das Schicksal der Löwen in den Händen der Bayern - auch diese bittere Wahrheit mussten die Anhänger an diesem Abend hinnehmen. Doch aus Schneiders Sicht hängt die Überlebenschance des TSV nicht nur am Stadion: "Wir haben auch zu viele andere Kosten in die Höhe getrieben, bei denen wir ansetzen müssen, zum Beispiel am Kader."

Wie immer war Axel Dubelowski, der Fanbeauftragte, für die großen Wahrheiten über diesen Verein zuständig. Der "Löwenbomber" sagte: "Löwenfans sind so leidenschaftlich, weil Leidenschaft von Leiden kommt."