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TSV Milbertshofen:Der knüppelharte Kern

Am 22. März 1970 steigen die Handballer erstmals in die Bundesliga auf. Bis heute trifft sich das Team um Gerhard Ochsenkühn jeden Monat. Die Jubiläumsfeier fällt nun aber aus.

Ob er sich in diesen Tagen überhaupt noch freuen kann? Na ja, sagt Gerhard Ochsenkühn: "Die ganze Situation ist so furchtbar, das macht mich natürlich traurig. Aber ich hoffe schon, dass wir die Feier gesund und munter so bald als möglich nachholen können." Ein halbes Jahr hat er mit den Vorbereitungen zu tun gehabt, erzählt der 78-Jährige. Alles war bereit. Und der Termin am Sonntag hätte ja nicht besser passen können: "Vor haargenau 50 Jahren sind wir in die Handball-Bundesliga aufgestiegen, am 22. März 1970." Gerhard Ochsenkühn war damals Spielführer des TSV Milbertshofen, eines Vereins, der in den beiden folgenden Jahrzehnten und ein bisschen darüber hinaus den bayerischen Handball in die Welt getragen hat. Dem rasanten Aufstieg mit dem Sieg im Europapokal der Pokalsieger 1991 folgte aber nur zwei Jahre später ein Absturz ins Bodenlose. Zurzeit spielen die Männer des TSV in der Bezirksliga, der zweitniedrigsten Klasse im Bezirk Oberbayern. Im Übrigen zusammen mit dem MTSV Schwabing - mit dem Münchner Lokalkonkurrenten lieferten die Milbertshofener sich zu den Blütezeiten des Handballs in der Landeshauptstadt sehenswerte Duelle, die sogar bundesweit Beachtung fanden.

Duell im Spiel TSV Milbertshofen gegen die SpVgg 1887 Möhringen; Handball

Der ganz große Wurf: 1970 steigt der TSV Milbertshofen (vorne Josef Kiener in einer Partie gegen Möhringen) in die Handball-Bundesliga auf.

(Foto: Werek/imago)

Eine blasse Erinnerung in der heutigen Handballlandschaft. Für Gerhard Ochsenkühn aber sehr präsent, wie er erzählt. Fundament des Milbertshofener Aufschwungs war "ein Knüller", wie Ochsenkühn die Verpflichtung des rumänischen Nationalspielers Hans Moser als Spielertrainer nennt. "Im Laufe der Sechzigerjahre hatten wir uns mit guter Jugendarbeit bis in die Bayernliga hochgearbeitet, in der Mannschaft waren hauptsächlich Eigengewächse." Zudem habe sich "Mil", wie der Klub von eingefleischten TSV-lern heute noch genannt wird, als einer der ersten Vereine nur auf die Halle konzentriert und mit Feldhandball aufgehört, "obwohl wir da auch in der Bayernliga spielten". Zugang Moser war für die folgende Blütezeit der "alles entscheidende" Schachzug, denn der damals 31-Jährige "war in Topform", erinnert sich Ochsenkühn. 1961 und 1964 wurde Moser mit Rumänien Weltmeister, beim zweiten Titelgewinn war er Torschützenkönig und bester Spieler des Turniers, 1967 holte er noch mal WM-Bronze. Mit Dynamo Bukarest feierte Moser elf Landesmeistertitel und wurde 1965 Europacupsieger - und nun war der von vielen als Jahrhundert-Handballer bezeichnete 1,92 Meter große Spielmacher plötzlich Ochsenkühns Teamkollege. In der Bayernliga.

Gerhard Ochsenkühn BR Deutschland TSV Milbertshofen mit seiner Bandscheibe im Glas; Handball

Spielführer des Aufstiegs-Teams war Gerhard Ochsenkühn, der 808 Mal für „Mil“ spielte. Eine schwere Verletzung erlitt er nur ein Mal, als er an der Bandscheibe operiert werden musste. Als Andenken bekam er die entnommenen Knochenteilchen im Glas mit nach Hause. Danach war er 30 Jahre als Trainer in der Region aktiv, natürlich auch für den TSV.

(Foto: Werek/imago)

Moser hatte die Erlaubnis bekommen, ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen - er sollte für mehr als ein Vierteljahrhundert in Deutschland bleiben. Zunächst in München: "Er war nicht nur mit seinen Toren wichtig für uns, er hat uns alle besser gemacht", erinnert sich Ochsenkühn. Gerade er als Kreisläufer und pfeilschneller Gegenstoßspezialist habe von Mosers "tollen Pässen" profitiert. Als Bayernliga-Zweiter stieg der TSV alsbald in die neu gegründete Regionalliga Süd auf, in der "wir eine unheimlich gute Saison spielten und mit 28:4 Punkten Tabellenerster wurden". Danach ging es gegen den Südwest-Meister SG Dietzenbach in die Relegation um den Bundesligaaufstieg, zwei Partien, die er "nie vergessen wird". Besonders das Hinspiel, was nicht nur an der 13:15-Niederlage im Südhessischen lag: "Das war ein unheimlich knüppelhartes Spiel. Unser Star Hans Moser spielte mit Kopfverband, weil sie ihm eine Platzwunde geschlagen hatten". Doch nicht nur Moser hatte das Erlittene eine Woche später zum Rückspiel weggesteckt: "Wir wussten, dass wir das aufholen können." In München gab es seinerzeit noch keine große Halle, erinnert sich Ochsenkühn, weshalb "wir an besagtem 22. März 1970 in die Augsburger Stadthalle ausgewichen sind und vor 3000 Zuschauern in einem denkwürdigen Spiel 18:13 gewonnen haben". Die Halle stand Kopf, die meisten waren aus München und Milbertshofen gekommen: "Ich glaube, keiner wird dieses Spiel jemals vergessen." Das Besondere an dem Erfolg sei gewesen, dass "von 13 Spielern sieben aus der eigenen Jugend kamen", so wie er selbst.

Handball

Der Klub erlebte seinen Höhe- und Wendepunkt 1990/91, als Milbertshofen mit Manager Erhard Wunderlich, Trainer Vlado Stenzel und Rückraumspieler Oleg Gagin (Bild links, v.re.) den Europapokal der Pokalsieger gewann. Danach folgte der Absturz.

(Foto: imago)

Exakt 808 Spiele hat Gerhard Ochsenkühn von der Schülermannschaft bis zum Karriereende für den TSV gespielt. Nach dem Aufstieg hielt er noch sechs Jahre die Knochen als "Edelamateur", wie er es bezeichnet, hin. Dann machte er Schluss und wurde vom Klub bald zum Ehrenspielführer geadelt. "Das war die Basis für die zweite Phase", wie es Ochsenkühn nennt, als sich der TSV Milbertshofen eine hochkarätige Truppe zusammenkaufte und den deutschen sowie den Europapokal gewann. Auch daran sollte Ochsenkühn beteiligt sein. Als Trainer stieg er mit Milbertshofen nach zwischenzeitlichen Abstiegen 1984 wieder in die zweite Liga auf, danach "wurde es mir zu professionell". Tägliches Training war für den zweifachen Familienvater neben dem Beruf nicht machbar.

Im Gegensatz zu den Profis treffen sich die Protagonisten des ersten Aufstieg bis heute, der harte Kern einmal im Monat. Groß gefeiert wurde zuletzt 2000, dreißig Jahre nach dem Triumph. "Wir waren schon eine eingeschworene Truppe", sagt Ochsenkühn, daran habe sich bis heute nichts geändert. Und daran wird auch kein Virus etwas ändern.

© SZ vom 23.03.2020
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