TSV 1860 München:Auf eigene Kosten

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Die Angst geht um bei 1860: Die Nachwuchstrainer befürchten, dass der Sparkurs die erfolgreiche Position der Löwen als Ausbildungsverein gefährdet.

Wolfgang Wittl

Natürlich fühlt es sich schick an, wenn alle Spieler in gleichen Schuhen aus dem Bus steigen. Besonders für aufstrebende Talente in einem Profiklub und in einem Alter, in dem Statussymbole hoch geschätzt werden. Über die Qualität eines Fußballers entscheiden aber andere Dinge, also beschloss man beim TSV 1860 München vor geraumer Zeit, dass es solche einheitlichen Ausgehschuhe für Jugendliche nicht mehr braucht. Der Posten wurde gestrichen, wieder ein paar Euro gespart. Ob die Maßnahme ausreicht, die ehrgeizigen Pläne des neuen Geschäftsführers Robert Schäfer zu erfüllen, darf zumindest bezweifelt werden.

1860 München - Hertha BSC

TSV 1860 München - wegen der klammen Finanzlage kriselt es vielleicht auch bei der Jugend.

(Foto: dpa)

Um 1860 am Leben zu erhalten, sieht sich Schäfer zu dramatischen Einschnitten gezwungen, die nun offenbar auch die Ausbildung beim Zweitligisten betreffen. "Unser Nachwuchsleistungszentrum kostet jährlich drei Millionen Euro, der SC Freiburg macht das für 1,8 Millionen, und der macht es auch hervorragend", sagte Schäfer am Montag. Seitdem wächst an der Grünwalder Straße die Sorge, der Verein könne seine Zukunftsfähigkeit ruinieren. Zugrunde gegangen an der eigenen Sparwut, dabei ist die Ausbildung so ziemlich das einzige, was bei 1860 noch funktioniert.

Wer mit Jugendtrainern der Löwen spricht, bekommt Sätze zu hören, die mit Bedacht gewählt werden. Keiner will sich mit dem Geschäftsführer anlegen, alle sehen die Notwendigkeit, ihren Beitrag zum Überleben des Klubs zu leisten. "Dass gespart werden muss, ist ja klar", sagt Nachwuchschef Jürgen Jung. Nur: Wie hoch werden die Einsparungen sein? Wen wird es treffen? Geht es an die sportliche Substanz? Die Geschäftsführung hat sich zu diesen Fragen bisher nicht geäußert. Die Zahlen, mit denen Schäfer öffentlich hantiert, lassen allerdings nichts Gutes erahnen, zumal sie so offenbar nicht stimmen. Im Jahresabschluss 2009 weist 1860 unter dem gemeinsamen Punkt "Amateure/Jugend" Kosten von 2,262 Millionen Euro aus, deutlich weniger also als Schäfers genannte drei Millionen allein für das Leistungszentrum. Mit drei Millionen gibt dafür der SC Freiburg die jährlichen Kosten für sein Jugendzentrum an, nicht die von Schäfer aufgerufenen 1,8 Millionen Euro. Die Botschaft der 1860-Geschäftsführung an die Ausbilder ist offenkundig: Ihr seid zu teuer, andere können es für weniger Geld genauso gut. Nicht nur für Jung musste der Eindruck entstehen, "dass man Jahre über die Verhältnisse gelebt hat".

Er sei "mehr als überrascht" gewesen von den Zahlen des Geschäftsführers, sagt Jung. Robert Reisinger, der Fußball-Abteilungsleiter des TSV 1860, wird deutlicher. "Die Kosten für das Nachwuchsleistungszentrum der KGaA und für die Jugendarbeit des Vereins sind uns gegenüber vom Klub bisher immer mit 2,3 Millionen Euro beziffert worden", sagte Reisinger zur AZ. Und weiter: "Jede weitere Einsparung würde zu Lasten der Qualität gehen."

Alexander Schmidt arbeitet seit neun Jahren im Verein. Er ist Reiner Maurers Assistent bei den Profis, vorher trainierte er die A-Jugend. Auch er habe den Eindruck, dass im Nachwuchsleistungszentrum "eher am Limit" gearbeitet werde, sagt Schmidt. 1860 brauche eine hohe Quote an Nachrückern, "nur dadurch bekommen wir gute Jugendspieler. Bei uns haben sie die Chance, dass sie schnell hochkommen", sagt Schmidt. Der Verein ist längst abhängig vom Geschäft mit eigenen Talenten, laut Reisinger hat der Verkauf selbst ausgebildeter Spieler seit dem Abstieg 2004 fast 20 Millionen Euro eingebracht. "Einsparungen im Scouting und bei den Trainern würden uns sehr hart treffen", warnt Schmidt, durch die Konkurrenz mit dem FC Bayern muss 1860 immer etwas schneller sein.

Etwa 40 Mitarbeiter sind im Nachwuchs beschäftigt, vom Schülertrainer mit 100 Euro im Monat bis zu acht Festangestellten. Die A-Jugend ist derzeit Erster der Bundesliga, die B-Jugend Dritter, vor dem FC Bayern. Die seit Jahren unbestritten großen Erfolge führen Jung und Schmidt vor allem auf die Qualität der Trainer zurück. "Für uns ist das keine Arbeit, sondern Berufung und Leidenschaft", sagt Jung. Schon jetzt wähnt er die Jugendabteilung im finanziellen Grenzbereich, der Etat sei niedriger als vor fünf Jahren, externe Trainer mussten gehen. In der U23 wird sich Sechzig im Winter von Spielern trennen, denen es an Perspektive mangelt. "Wir müssen den Spagat hinbekommen, die Qualität in der Ausbildung zu halten und Geld zu sparen", sagt Trainer Bernhard Winkler.

Falls es mit der Geschäftsführung demnächst ein Gespräch über Einsparungen in der Jugend geben wird, will er "um unsere Position kämpfen", kündigt Nachwuchschef Jung an. Gar nicht mal aus Angst um den Arbeitsplatz, für Jürgen Jung geht es um mehr: "Man blickt mit einer gewissen Sorge um den ganzen Verein in die Zukunft."

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