Tischtennis Überrascht vom eigenen Aufstieg

„Das Phänomen schlechthin“: Michael Plattner hat in der gesamten Saison nur eines seiner 30 Einzel verloren.

(Foto: Claus Schunk)

Der FC Bayern ist mit einigem Glück in die dritte Bundesliga zurückgekehrt. Allerdings kündigen sich bereits personelle Probleme an.

Von Andreas Liebmann

Rudi Kahler stand auf verlorenem Posten. Das heißt: Eigentlich saß er ja während seiner drei 0:11, 0:11, 0:11-Niederlagen in Holzhausen. Gestanden hatte er lediglich auf dem Spielberichtsbogen.

Kahler ist Tischtennis-Abteilungsleiter des FC Bayern München, und als solcher war er im stolzen Alter von 66 Jahren unverhofft zu einem Regionalliga-Einsatz gekommen. Üblicherweise ist er für die achte Mannschaft aktiv, am vergangenen Wochenende half Kahler in der ersten aus, zumindest auf dem Papier. Ein echtes Kuriosum war das nicht, erst drei Wochen zuvor war es dem Ligarivalen TuS Fürstenfeldbruck ganz ähnlich ergangen. Auch da waren für eine Auswärtspartie so viele Spieler ausgefallen, dass sich der mitgereiste Abteilungsleiter, ebenfalls ein Rudi, in die Aufstellung mogeln musste, um einer Strafe wegen unvollständigen Antretens zu entgehen. Fürstenfeldbrucks Rudi heißt Lutzenberger, ist 72 und zog es ebenfalls vor, seine Niederlagen kampflos zu beziehen.

Es gibt eine übergeordnete Gemeinsamkeit zwischen diesen beiden Ereignissen, die der Mannschaftsführer des FC Bayern München, Julian Diemer, in dem Satz zusammenfasste: "Das war spiegelbildlich für die ganze Saison." Er meinte damit jene Vielzahl von großteils verletzungsbedingten Ausfällen, die der FC Bayern während der gesamten Runde hatte wegstecken müssen und die nun in dieser Notformation gipfelten. Der TuS Fürstenfeldbruck hatte da ganz ähnliche Probleme.

Den einzigen Aufstiegsplatz hatten sie verpasst. Doch dann lief in Liga zwei alles für die Bayern

Es gab aber auch gravierende Unterschiede: Erstens ging es im allerletzten Ligaspiel, das die Münchner 7:9 in Holzhausen verloren, um rein gar nichts mehr, weder für die eine noch die andere Mannschaft und auch nicht für den Rest der Liga. Die Fürstenfeldbrucker dagegen hatten vor einigen Wochen noch gegen den direkten Abstieg gekämpft (den sie letztlich mit einem Sieg gegen Holzhausen vermieden). Und zweitens hatten die Münchner ihr Saisonziel bereits vor dieser letzten Partie erreicht: Sie werden in die dritte Bundesliga Süd zurückkehren. Fürstenfeldbruck dagegen muss nachsitzen, Anfang Mai findet die Relegation gegen den Abstieg statt.

Auch zum Wiederaufstieg seines FC Bayern hatte Diemer einen passenden Satz parat, er sagte: "Irgendwie hatten wir wieder unseren Bayern-Dusel." Er erinnerte daran, dass ihnen auch der Verbleib in der dritten Liga einst mal nachträglich am grünen Tisch gelungen war. Erst vor einem Jahr half den Münchnern dann auch kein Dusel mehr. Bei der Rückkehr hatten sie nun sogar noch etwas mehr Glück, denn den einzigen Aufstiegsplatz in der Regionalliga Süd hatten sie knapp verpasst. Und die einzig denkbare Konstellation, in der auch der Zweite noch eine Aufstiegschance bekäme, war etwa so wahrscheinlich, wie es ein Sieg eines der beiden Rudis in einem Regionalliga-Match gewesen wäre. Denn dazu mussten in der zweiten Bundesliga beide bayerischen Vertreter auf der Zielgeraden unbedingt noch an Fulda vorbeiziehen, damit die Hessen absteigen. Genau das passierte am letzten Spieltag. Hilpoltstein gewann gar 6:0 beim Zweiten Dortmund.

Bis zu diesem glücklichen Schlusspunkt hatten die Münchner auch einiges Pech gehabt; vor allem, dass sich im SB Versbach eine zweite Überflieger-Mannschaft in dieser Liga formiert hatte, die unbedingt aufsteigen wollte - und die diesen Zweikampf im Gegensatz zum FC Bayern weitgehend ohne Ausfälle bestreiten konnte. Bei den Münchnern gesellten sich zu Verletzungen etwa ihrer Nummer eins Florian Schreiner oder zuletzt der Nummer vier Felix Wetzel Krankheiten und berufliche Absenzen.

"Für diese ganzen Umstände kommt unser Aufstieg total überraschend", weiß Kahler. Sportlich war er vor allem dem ehemaligen deutschen Jugendmeister Schreiner mit einer 21:9-Siegbilanz auf der Spitzenposition zu verdanken, sowie dem Routinier Michael Plattner, der auf Position drei gar nur eines seiner 30 Einzel verlor, obwohl er neben seinen Aufgaben als Chirurg und Familienvater wenig zum Trainieren kommt. "Er ist für mich das Phänomen schlechthin", schwärmt Diemer.

Ein Ersatz für Felix Wetzel ist nicht in Sicht. Immerhin kommt in Tom Schweiger ein neues Talent

Personell sollte es für die Münchner nun eigentlich einfacher werden, weil sie von einer Liga mit Sechser- in eine mit Vierermannschaften zurückkehren - eine seltsame Schwelle im Tischtennis-Spielbetrieb, die dringend beseitigt werden sollte. Dennoch zeichnet sich bereits ein Problem ab. Denn der Jugendnationalspieler Felix Wetzel, der im vergangenen Jahr seine Profilaufbahn begonnen hat, wechselt in die erste österreichische Liga. "Wir wussten, dass er nicht ewig bleiben wird, aber für uns ist das natürlich sehr schade", sagt Kahler. Die Suche nach einem Ersatz sei bislang ergebnislos verlaufen. Weil seine Abteilung trotz des großen Namens nicht viel Geld habe, hege er auch kaum Hoffnung, dass sich daran noch etwas ändern werde.

Als einziger Zugang steht Tom Schweiger fest, ein 14-Jähriger von der DJK Altdorf, der seit diesem Schuljahr den Olympiastützpunkt München besucht. "Die werden dort alle gut", lobt Diemer die Arbeit des Stützpunkts, dem auch Münchens Nummer zwei Daniel Rinderer und die bisherige Nummer sechs Nico Longhino angehören. Kapitän Diemer will künftig berufsbedingt kürzertreten, deshalb wird er sich seinen Platz an Position vier voraussichtlich mit den Nachwuchsspielern Longhino und Schweiger teilen, die darüber hinaus die zweite Mannschaft in der Oberliga anführen sollen. "Es wird wohl wieder ganz eng werden in der dritten Liga", ahnt Kahler. Wie in den vergangenen Jahren wird es einzig um den Klassenerhalt gehen. Dass Kahler dann erneut zum Einsatz kommt, kann man wohl ausschließen - aber vielleicht ja mal wieder der Bayern-Dusel.