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Tischtennis:Schüsse aus dem Spagat

Die Ruhe selbst: Schwabhausens Yang Ting zeigt in ihrem zweiten Saisoneinsatz ihre ganze Klasse.

(Foto: Toni Heigl)

Gegen Uentrop gibt der TSV Schwabhausen seinen ersten Punkt ab. Wichiger als das Zweitliga-Spitzenspiel ist ihm an diesem Wochenende ohnehin die eigene Nachwuchsarbeit.

Alexander Daun hatte Redebedarf. Die Frage an den Tischtennistrainer des TuS Uentrop war harmlos gewesen: Ob sie denn zufrieden seien mit dem Remis beim aktuellen Zweitligameister TSV Schwabhausen, einem 5:5 im Spitzenspiel zwischen den beiden bislang ungeschlagenen Anführern der zweiten Bundesliga. Der 30-Jährige lehnte, lässig im Trainingsanzug, auf dem Kopf ein Basecap, an der gläsernen Eingangsfront der Heinrich-Loder-Halle, draußen war es bereits dunkel, und begann nun wortreich über Nachwuchsmangel im deutschen Frauentischtennis im Allgemeinen und die Nöte der ersten Liga im Besonderen zu referieren.

Ach ja: Zufrieden war Daun mit dem 5:5, sehr sogar, nachdem der Dritte der vergangenen und Meister der vorvergangenen Saison ein 1:3 aufgeholt und bei 5:4-Führung sogar Chancen auf einen Auswärtssieg gehabt hatte. "Für uns ist das ein überragendes Ergebnis", urteilte er und erinnerte daran, wie die Gastgeber in der vorigen Saison noch durch die Liga spaziert seien "wie ein heißes Messer durch Butter". Und Schwabhausens Kader sei ja derselbe geblieben, habe sogar noch die junge Weißrussin Alina Nikitchanka hinzubekommen, "was sicher keine Schwächung ist".

Das Gespräch mit Daun war unausweichlich auf die Frage zugesteuert, die über diesem Duell stand: Ob es für die Kontrahenten in diesem Jahr erneut nur um den Titel geht, oder auch um den Aufstieg in die erste Liga. Denn aus dieser war Schwabhausen ja freiwillig ausgeschert und hatte auch als Zweitligameister keine Veranlassung zu einer Rückkehr gesehen. Auch Uentrop hatte schon zweimal abgewunken. Und Daun ließ keinen Zweifel an den aktuellen Ambitionen: "Kein Interesse", sagte er. Nur sieben statt der üblichen zehn Mannschaften treten zurzeit in der ersten Liga an, die zweite sei da ungleich attraktiver. Und wieso solle sein Verein nach oben gehen? Alle vier Spielerinnen seien über 30, zwei hätten Kinder, der TuS müsste also mindestens die halbe Mannschaft auswechseln, nur um mal im Oberhaus mitspielen zu können. Vielleicht wäre das eher für den TSV Schwabhausen irgendwann mal wieder interessant, der in Mateja Jeger und Alina Nikitchanka zwei junge Profis in seinen Reihen hat und gleichzeitig eigene Talente wie Sarah Mantz ausbildet. "Vielleicht, wenn die mal soweit sind", sagte Daun - aber da könne er nur spekulieren.

Dauns Gegenüber Alexander Yahmed konnte ihm in diesem Moment weder widersprechen noch beipflichten, denn er war gar nicht in der Halle. Der Verein hatte trotz des Spitzenspiels entschieden, dass es wichtiger sei, den Nachwuchs zu betreuen: Angeführt von Sarah Mantz hatten sich gleich sechs Talente für das Top-48-Bundesranglistenturnier qualifiziert. "So etwas gab es noch nie", schwärmte Abteilungsleiter Helmut Pfeil. Yahmed war mit den Schülern nach Usingen gereist. Seit Jahren gelingt dem Klub dieser Spagat zwischen der Bundesliga und der Ausbildung junger Talente. "Riesenkompliment", sagte Uentrops Daun, "eine tolle Leistung".

Im Prinzip stecken ja auch die Profis des TSV in der Ausbildung: Auch mit Yahmeds Hilfe ackern sich die Kroatin Jeger, 22, und Nikitchanka, 20, durch Weltcups und Ligaspiele, um auch international nach vorne zu kommen. Am Samstag war das für Schwabhausen eher ein Nachteil. Beide waren zuvor bei den Belgium Open am Start gewesen, Jeger schied in der Runde der letzten 32, Nikitchanka noch eine Runde früher aus. "Wir hatten eine zwölfstündige Rückreise, ich fühle mich, als würde ich 1000 Kilo mit mir herumschleppen", sagte Jeger. Ihr Doppel mit Christina Feierabend und ihr erstes Einzel gegen Elena Shapovalova hatte sie noch gewonnen, gegen Guo Pengpeng wirkte sie dann fahrig. "Ich hätte fokussierter sein müssen." Nikitchanka auf Position drei hatte weder im Duell der Defensivspezialistinnen gegen Jessica Wirdemann noch gegen Angriffsspielerin Alexandra Scheld eine echte Chance, kämpfte zwar, wirkte aber hektisch. Schwabhausens Teilzeit-Nummer eins Yang Ting indes zeigte in ihrem zweiten Saisoneinsatz ihre ganze Klasse und holte beide Punkte, wehrte gewohnt stoisch ab, dosierte aber auch eigene Attacken fast perfekt.

"Sugar baby love": Am Ende riskiert Christina Feierabend viel und hat das Publikum hinter sich

Es war eine nette Pointe, dass am Ende Christina Feierabend den Punkt rettete. Die 31-Jährige zählt hier seit Jahren zum Inventar, als Gymnasiallehrerin kommt sie nicht mehr übermäßig häufig zum Trainieren. Gemeinsam mit TSV-Eigengewächs Eva-Maria Maier, die diesmal nur im Doppel zum Zug kam, ist sie die Identifikationsfigur. Nun hatte sie es mit der unerhört sicheren Abwehrspezialistin Wirdemann zu tun, die sie "schon aus Schülerzeiten" kennt, ein Fifty-fifty-Spiel. Im ersten Durchgang setzte sie sich knapp durch (12:10), im zweiten (4:11) unterliefen ihr zu viele Fehler. Beim Seitenwechsel zum dritten Satz drehte Pfeil dann kurz Musik auf, weshalb unvermittelt die Rubettes in die gespannte Stille hinein ein "Sugar baby love" trällerten. Schmunzeln. Doch dann kam wirklich Stimmung auf. Immer wieder eröffnete Feierabend mit sicheren Vorhandtopspins und setzte dann mit gewagten Alles-oder-nichts-Schüssen auf Wirdemanns unterschnittene Abwehr nach. Ballte die Faust. Feuerte sich an: "Tschoh!" Das Publikum half mit rhythmischem Klatschen: 11:6. 11:9. "Ein gerechtes Unentschieden", fand Pfeil. Feierabend war glücklich. Dann - so viel zum Thema Profi-Tischtennis - bauten die Spielerinnen selbst die Platten, Banden und Werbebanner ab. Und gingen Pizza essen.