Tischtennis Mit Abstand am besten

"Es fehlt nicht mehr viel": Chantal Mantz, 19, macht sich auf den Weg in die internationale Spitze.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Chantal Mantz rückt in den Bundeskader auf. Vorher trifft die Schwabhauserin auf ihren alten Verein Kolbermoor, den sie im Februar im Unfrieden verlassen hat

Von Andreas Liebmann, Schwabhausen

Lin Ye ist 19, sie hat kurze Haare, ist flink, athletisch, 1,65 Meter klein und schlägt eine wuchtige Vorhand. Die gebürtige Chinesin, die für Singapur antritt, sieht nicht recht viel anders aus als unzählige andere Chinesinnen, die für alle möglichen Tischtennisnationen antreten. Chantal Mantz ist ebenfalls 19. Auch die Jugend-Europameisterin von 2014 ist flink, athletisch, unwesentlich größer, schlägt eine wuchtige Vorhand - und wusste über Lin fast nichts. Auch nicht, dass diese auf Rang 54 der Welt stand, knapp 100 Plätze vor ihr. Weshalb Mantz "einfach gespielt" hat - und gewonnen. Später, als sie erfuhr, wen sie da 4:2 bezwungen hatte, "da war ich überrascht von mir selbst".

Fast drei Wochen ist das her, Swedish Open in Stockholm, ein Turnier der World Tour. Mantz schied in Runde drei aus, gegen Yu Mengyu, ebenfalls Singapur, 11:8, 7:11, 10:12, 7:11, 11:8, 9:11. Wieder war sie dicht dran, Yu stand sogar auf Position 24 der Welt. Seit jenem Tag weiß Mantz wieder: "Es fehlt nicht mehr viel bis zu diesem Niveau." Und seit diesem Tag weiß die Schwabhauserin auch, dass sie bald deutsche Kaderspielerin sein wird. Noch während der Swedish Open sicherte ihr Bundestrainerin Jie Schöpp zu, dass sie von Januar an zum B-Kader gehören wird.

Für Chantal Mantz ist es der nächste Schritt in ihrer vielversprechenden Karriere, doch nach Ansicht ihres Klubtrainers Alexander Yahmed ist er überfällig. "Das waren zwei verschenkte Jahre", findet Yahmed. Schon vor zwei Jahren hätte sie an den Bundesstützpunkt Düsseldorf wechseln können, wo alle Nationalspielerinnen versammelt sind. Doch ihr damaliger Vereinstrainer beim Erstligisten Kolbermoor, Zsolt Hollo, habe sie abgehalten, erinnert sich Mantz. "Er hat gesagt, in Kolbermoor werde ich genauso gefördert." Ihre Laufbahn in der Nähe ihrer Familie und Freunde verbringen zu können, habe sie natürlich "cool" gefunden. "Ein Fehler", weiß sie heute. Alles kam anders, im Februar trennte sie sich im Streit von Kolbermoor. Nun spielt sie für Schwabhausen. Yahmed bestärkte sie, nach Düsseldorf zu gehen: "Sie muss jetzt mit den Besten trainieren."

Für Chantal Mantz beginnt nun eine spannende Zeit: Gerade sitzt sie in einem Hotelzimmer in Düsseldorf, Baulärm dringt durch die Wände, nebenan wird saniert. Noch ist sie nur für Lehrgänge zu Gast. Gerade war Vormittagstraining. Im neuen Jahr wird sie zunächst wochenweise herkommen, Anfang April beginnt dann ihre sechswöchige Grundausbildung bei der Bundeswehr. Ab Mai wird sie eine kleine Wohnung in der Hauptstadt Nordrhein-Westfalens beziehen. "Ich freue mich wirklich darauf, ich will das jetzt machen", versichert sie. Andererseits sei ihr durchaus etwas mulmig bei dem Gedanken, künftig so weit weg von ihrer Familie und ihrem Freund zu leben.

Chantal Mantz ist im hessischen Dieburg geboren. Als sie zwei war, zogen ihre Eltern ins bayerische Grabenstätt. Sie spielte in Chieming, in Grassau, dann holte sie Hollo nach Kolbermoor. "Meine Eltern haben gesehen, dass ich für Tischtennis alles machen würde, dass ich ehrgeizig und motiviert bin", erzählt Mantz, "sie haben mich immer unterstützt." Doch bald wurde das ständige Chauffieren zu viel, die Schulnoten litten darunter, dass die Elfjährige immer öfter spät heimkam - also zogen die Eltern mit Chantal und der jüngeren Tochter Sarah kurzerhand nach Kolbermoor um. Sarah Mantz ist heute 15, sie spielt in Schwabhausens Drittliga-Team. Ein Jahr lang wohnten Josef und Caren Mantz sogar mit einer ganzen Gruppe Jugendlicher zusammen in einer alten Villa, die der Bayerische Tischtennis-Verband in Kolbermoor als Stützpunkt-Quartier angemietet hatte, quasi als Herbergseltern.

Nun also wird ihre Ältere eigene Wege gehen. Und auch wenn sie mit etwas Unverständnis darauf hinweist, dass es bei den Männern nicht gar so zentralisiert zugehe, dass da nicht alle in Düsseldorf stationiert sind, glaubt sie, dass sie das Richtige tut. Und sie folgt damit ihrem Vorbild.

Auch Sabine Winter, inzwischen 23 und Nummer 51 der Welt, zog vor mehr als vier Jahren nach Düsseldorf. Etwas widerwillig hatte sich die Hechendorferin, die damals für Schwabhausen in der Bundesliga spielte, dem Druck des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) ergeben. Bald wechselte sie auch den Klub, trat für Kolbermoor an, wo Chantal Mantz ein ähnliches Aushängeschild war wie Winter in Schwabhausen . "Als ich kleiner war, habe ich von Sabine geschwärmt", sagt Mantz, "ein Vorbild ist sie immer noch." Winter, flink, athletisch, 1,68 Meter, schlägt die Vorhand so wuchtig wie kaum eine andere. "Sie ist ehrgeizig wie ich, kämpft sich überall durch", sagt Mantz, "das finde ich faszinierend." Bis ins Nationalteam habe sich Winter gekämpft, was schwer ist - auch der DTTB reichert die ohnehin starke Konkurrenz gerne mit eingebürgerten Chinesinnen an.

An diesem Samstag (14.30 Uhr) empfängt der TSV Schwabhausen den SV-DJK Kolbermoor. Mantz wird als Nummer zwei voraussichtlich erst auf Winter treffen, dann auf Kristin Silbereisen. "Da kann ich zweimal frei aufspielen", sagt sie, ähnlich wie gegen die Frauen aus Singapur. In der Liga läuft es ordentlich für Mantz, wenngleich etwas mehr drin gewesen wäre als eine 3:8-Bilanz. Nach dem Weggang der Kroatin Andrea Bakula befindet sich ihr neues Team jedoch im Abstiegskampf. Zu holen gibt es gegen Kolbermoor wohl nichts. "Ich freue mich total", sagt Mantz, mit den Spielerinnen verstehe sie sich gut. Die Offiziellen werde sie ausblenden. "Am Anfang hatte ich immer im Kopf, dass ich es denen zeigen will", sagt sie. "Aber mit solchen Gedanken läuft es nicht gut." Sie habe einen Weg gefunden, mit der Sache umzugehen. Mit etwas mehr Abstand. Und der wird ja weiter wachsen.