Tischtennis Auswärts dahoam

4500 Fans kommen in den Audi Dome, um den Europameister Timo Boll zu erleben. Auch wenn dessen Düsseldorfer verlieren, überlegen sie wiederzukommen.

Von Andreas Liebmann

Sein Gegner schlägt Rückwärtssalti aus dem Stand, wenn ihm langweilig ist. Er löst Zauberwürfel in elf Sekunden. Ist ein begabter Leichtathlet und Basketballer. Als Timo Boll in die erste Liga aufstieg, damals mit dem TTV Gönnern, war Hugo Calderano noch nicht mal geboren. Vermutlich könnte dieser 22-Jährige mit seiner brachialen Rückhand im Dschungel seiner brasilianischen Heimat sogar Jaguare erlegen, wer weiß, seine überschüssige Energie bricht sich jedenfalls selbst vor eigenen Aufschlägen Bahn. Sie führt dann zu erstaunlichen Zappelanfällen. Doch all das war egal. 37 Jahre und 352 Tage hatte es gedauert, bis der Tischtennis-Rekordeuropameister Timo Boll erstmals für einen Wettkampf in München aufschlug, und es waren 4500 Menschen gekommen, um sich das anzusehen. Also stemmte sich Boll ein letztes Mal gegen die Wucht, mit der ihm Calderano gerade entgegenschlug.

Es hatte sich viel getan im Laufe dieses Abends. Boll hatte den Auftakt gemacht mit einem 3:1-Sieg gegen den Franzosen Simon Gauzy, den EM-Zweiten von 2016. Im zweiten Satz waren ein paar erste Fans auf die Idee verfallen, "Auf geht's, Timo!" zu rufen, weit hinten in Block G, immerhin. Boll holte einen 1:7-Rückstand auf, gewann am Ende 3:1 (11:8, 11:13, 11:7, 11:6). Anerkennender Beifall. Man merkte, dass es kein echtes Heimspiel war, das der deutsche Rekordmeister Borussia Düsseldorf am Samstag gegen den Tabellenführer TTF Ochsenhausen austrug, sondern das von langer Hand geplante Spitzenspiel vor großer, aber fremder Kulisse im Münchner Audi Dome. Viele Hobbyspieler saßen auf den Rängen, auch viele, die die erste Bundesliga sonst nie verfolgen. Es war also gewagt, als Düsseldorfs hallensprechender Präsident Marcel Piwolinski während des zweiten Einzels laut wissen wollte, wo denn die Fans von Omar Assar seien. Der Ägypter in Diensten der Borussia hatte gerade die ersten beiden Sätze gegen Calderano verloren, doch die Zuschauer blickten stumm zurück, als wüssten sie nicht recht, ob sie dem Mann wohl suchen helfen sollten.

"Es geht darum, wie tief man in den Kopf des anderen eindringt“, sagt Timo Boll.

(Foto: Revierfoto)

Als Assar auf dem Weg zu seinem einzigen Satzgewinn ein Abwehrschlag im Tiefflug mit anschließendem Rückhand-Winner gelang, gab es trotzdem Applaus. Und als dann der kraftvolle Schwede Kristian Karlsson im dritten Einzel einen 0:2-Satzrückstand gegen den Österreicher Stefan Fegerl drehte und die Faust ballte, da jubelte, johlte und pfiff das Publikum plötzlich, als wäre es gerade kollektiv aus Düsseldorf angereist und völlig aus dem Häuschen über die 2:1-Gesamtführung seines Teams. Vielleicht lag es ja an den roten Trikots der Düsseldorfer, Karlsson jedenfalls hatte es geschafft, die Leute mitzureißen, rechtzeitig zum Spitzenspiel, in dem der Weltranglistenfünfte Boll gegen den -sechsten Calderano den Gesamtsieg sichern sollte.

Die Gastgeber hatten ihre Partie in der Landeshauptstadt, die selbst kein hochklassiges Tischtennis beheimatet, perfekt vorbereitet und inszeniert. Der Pianist Joja Wendt und Marie Wegener, Vorjahressiegerin von "Deutschland sucht den Superstar", verliehen dem Abend einen ansprechenden musikalischen Rahmen. Der Oberliga-Spieler Wendt gab mit dem aktuellen Bundestrainer Jörg Roßkopf und dessen Vorgänger Richard Prause auch an der Platte eine Einlage. Roßkopf hatte das deutsche Team in dieser Halle Anfang der Neunziger mal zu zwei Siegen im European Nations Cup geführt, "ganz lange her", sagte er, ein Jahrzehnt etwa vor Wegeners Geburt. "Es sind gute Erinnerungen. Damals haben wir versucht, viele Veranstaltungen in große Hallen zu bringen." Mit Blick auf einige Kinder, die auf Autogramme hofften, sagte er: "Vielleicht sind hier auch Kids dabei, die jetzt in einen Tischtennisverein gehen und in 15 Jahren richtig gut sind."

Gegen Hugo Calderano hatte Timo Boll seine Schwierigkeiten.

(Foto: Revierfoto)

Sportlich ging es ums Prestige, um Platz eins, aber nicht mehr um alles. Ende Oktober, als die Werbung für die Partie in München begann, bangte Düsseldorf noch um den Einzug in die Playoffs, doch dank Bolls Einsätzen hatten sie nun nichts Schlimmes mehr zu befürchten. Ihr Prestigesieg aber misslang. Zwei Sätze verlor Boll gegen Calderano 9:11, den ersten und dritten; im zweiten und vierten zeigte er dem Jüngeren die Grenzen auf. "Niemand spielt gerne gegen ihn, er ist gefürchtet", erklärte Boll später. Calderano habe mit seiner riskanten Spielweise "vielleicht nicht die Konstanz wie ich, der die Bälle auch mal auf den Tisch eiert", aber er könne eben "jeden in der Welt schlagen". Oft gehe es darum, "wie tief man in den Kopf des anderen eindringt" - nach dem 5:5 im fünften Satz sei ihm das nicht gelungen. Da habe Calderano seine Schläge vorausgeahnt. Dann, beim Matchball gegen sich, reichte es nicht mehr für Boll. Gezappel Calderano, Aufschlag, wuchtige Rückhand, erster Vorhandspin, zweiter - den dritten parierte Boll nicht mehr. Die Wucht hatte gesiegt.

Mit dem abschließenden Doppel ging die gesamte Partie 2:3 verloren, nachdem Anton Källberg an Karlssons Seite zwei Matchbälle zum 3:0 gegen Fegerl/Gauzy verschenkte. Danach brachen die Schweden ein. "Bitter für Düsseldorf", fand Fegerl, der nach seiner Einzelniederlage nun seinerseits eine Partie gedreht hatte. Die Veranstaltung selbst fand er "sehr gut gemacht, sehr professionell". Und was Calderano geboten habe, mache ihn sprachlos, "das war von einem anderen Stern". Düsseldorfs Manager Andreas Preuß war trotz der sportlichen Enttäuschung begeistert. "Das war mehr, als wir uns hätten träumen lassen", befand er, "einfach riesig". Sie kämen gerne wieder mal nach München. "Ich glaube sogar, wir werden wiederkommen."