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Tennis:Verspätetes Familientreffen

Debüt mit 28: Verena Gantschnig fehlen nur Nuancen zu ihrem ersten Erfolg in der ersten Bundesliga.

(Foto: Claus Schunk)

Zwei Jahre nach dem Aufstieg geht das Erstliga-Debüt des TC Luitpoldpark München mit 1:8 verloren. Trotzdem hatten die Außenseiterinnen ihre Chancen.

Von Andreas Liebmann, München

Marc Herter ließ sich bis zuletzt nicht in die Karten schauen. Dennoch ahnte Verena Gantschnig, was auf sie zukommen könnte. Vor etwa einer Woche hatte der Coach ihr geraten, viel zu trainieren, und Gantschnig wusste ja, was in etwa einer Woche auf der Münchner Klubanlage stattfinden sollte. Als es dann soweit war, war die 28-Jährige trotzdem "supernervös", wie sie später einräumte. Es war schließlich ihr Debüt in der ersten Tennis-Bundesliga. Dass die Partie gegen den TEC Waldau Stuttgart am Sonntag mit 1:8 verloren ging, fand sie nicht nur deshalb "bitter".

Im Juni 2019 ist der TC Grün-Weiss Luitpoldpark in die erste Bundesliga der Frauen aufgestiegen, es war eine Überraschung damals, und seither ist eine Menge passiert. Oder besser: Eigentlich ist frustrierend lange nichts passiert, denn wegen der Corona-Pandemie wurde die Saison 2020 ersatzlos gestrichen. Fast zwei Jahre lang hatte der Verein, der sich selbst den Spitznamen Lupo verpasst hat, also warten müssen bis zu seiner Erstliga-Premiere. Der Etat, der nach dem Aufstieg um gut 50 Prozent auf einen ordentlichen fünfstelligen Betrag gestiegen war, ist seitdem ungefähr wieder auf das alte Zweitliga-Niveau gesunken, berichtet Herter. Einige Sponsoren hätten sie wegen der Pandemie verlassen. In dieser Kategorie wären sie aber sowieso das Schlusslicht der Liga gewesen, schätzt er, in München sei die Konkurrenz durch andere Sportarten nun mal riesig. Mehr als Abstiegskampf wäre nie möglich gewesen.

Die Planungen sind noch schwieriger geworden. Wer Favorit ist, weiß man oft erst am Spieltag

Das 1:8 am Sonntag, darüber waren sich Herter und Gantschnig später mit den Gästen einig, war für die Münchnerinnen dennoch nicht der frustrierende Auftakt, nach dem das Ergebnis klingt, denn die Niederlage sei viel zu hoch ausgefallen. "Sehr unglücklich", fand Herter. "Es hätte auch andersherum laufen können", versicherte Gantschnig.

Die Gäste kamen ohne die tschechischen Top-100-Spielerinnen Barbora Krejcikova und Katerina Siniakova, die bei den French Open aufschlugen. Es ist normal in dieser Liga, dass die Klubs davon abhängen, wie ihre Profis bei internationalen Turnieren abschneiden; kommen diese weiter als erwartet, fallen sie für die Liga aus. Weil der Kalender der Profitour WTA sich ebenfalls verschoben hat, ist es laut Herter "noch schwieriger, irgendwelche Prognosen zu treffen, das ist noch schlimmer als in den Jahren zuvor". Wer Favorit ist, weiß man oft erst am Spieltag. Die Münchnerinnen verzichteten auf Julia Grabher, ihre Nummer drei. Diese hatte wie ihre österreichische Teamkollegin Barbara Haas die French-Open-Qualifikation mitgespielt, doch während Haas in der ersten Runde ausschied, verpasste Grabher das Weiterkommen erst im Finale hauchdünn. "Sie hätte sich echt qualifizieren können", bedauerte Verena Gantschnig, die nun also an Grabhers Stelle ins Team rückte. Eigentlich ist sie selbst nur die Nummer zwölf ihres Klubs.

"Wir sind schon wie eine kleine Familie", sagt Verena Gantschnig, umso seltsamer sei das gewesen, die anderen so lange nicht gesehen zu haben. Einige träfen sich ja bei internationalen Turnieren, doch Gantschnig selbst hat den Traum von einer Profikarriere lange abgehakt. Etwa mit 15 habe sie das mal probiert, "aber nie durchgezogen", damals aus familiären Gründen. Mit ihrem Einsatz hätte sie bis vor einer Woche "überhaupt nicht gerechnet". Sie ist eine der Vereinstrainerinnen beim TC Luitpoldpark und als Nichtprofi eher eine Ausnahme in der ersten Liga.

Barbara Haas holt den Ehrenpunkt, ein 6:4, 6:4 - immerhin gegen Mona Barthel

Am Sonntag war auch deshalb "eine Riesenstimmung", als sie auf dem Platz stand: "Alle meine Kids haben mich angefeuert." Die Liga hatte ihren Beginn wegen der Pandemie um einen Monat nach hinten verschoben, ganz kurzfristig waren dann auch Zuschauer genehmigt worden. Etwa 50 waren es in München, mehr lässt die kleine Anlage des TC Luitpoldpark wegen der Mindestabstände nicht zu.

7:5, 2:6, 7:10 verlor Gantschnig, mit 6:2 hatte sie im Match-Tiebreak bereits geführt. "Nuancen" fehlten, sagte sie. Ihre Gegnerin Brenda Fruhvirtova ist halb so alt wie sie, trainiert aber mit ihrer älteren Schwester Linda (die sich auf Position zwei gegen Sarah-Rebecca Sekulic durchsetzte) unter Profibedingungen: Die jungen Tschechinnen werden an der französischen Mouratoglou Academy ausgebildet. Einen Netzroller habe sie beim Stand von 6:6 gegen sich gehabt, haderte Gantschnig, dann zwei Linientreffer - Pech. Münchens Italienerin Verena Meliss an Position vier vergab gegen die Belgierin Kim Zimmermann sogar vier Matchbälle. Statt 0:3 hätte es nach der erste Runde durchaus auch 2:1 stehen können. Dia Evtimova verlor später ebenfalls im Match-Tiebreak. Punkten konnte einzig Barbara Haas, die sich 6:4, 6:4 durchsetzte, immerhin gegen Mona Barthel. "Ich habe schlecht geschlafen die Nacht", erzählte Gantschnig tags darauf, so groß war der Ärger über ihre nicht genutzte Chance. Aber Grund zur Freude hatte sie ja auch - darüber, ihre Teamkolleginnen nach so langer Zeit wiedergesehen zu haben.

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