Tennis Fernab von Federer

Der ehemalige Weltranglisten-Zweite Tommy Haas erwägt, bei Dachaus Tennis-Herren 30 aufzuschlagen. Dem Klub würde das große Aufmerksamkeit bescheren, aber es hakt am Termin.

Von Sebastian Winter, Dachau

Tommy Haas macht Winter-Workout, auf Schnee und im eiskalten Pool. Er knuddelt seine beiden Töchter Valentina und Josephine, macht Urlaub auf Hawaii, wo er seine Frau Sara Foster auf Armen trägt und sich mit ihr - samt ihrer Sonnenbrille, die sie dabei fast verliert - in die Fluten stürzt. Er posiert am Rand einer Felsküste, auf sein T-Shirt ist der eigentlich höchst passende Schriftzug gedruckt: Après Tennis. Außerdem: Haas beim Skifahren; neben Dirk Nowitzki; mit Bernhard Langer; in einer Yacht im Whirlpool, gefilmt von einer Drohne, die er selbst aufsteigen lässt. Und, immer wieder: Haas mit Federer. Der 41-jährige ehemalige Tennisprofi, der einstige Weltranglisten-Zweite, der Olympia-Zweite, dem nicht wenige ein ähnliches Talent wie Federer zuschreiben, aber eben auch einen ungleich verletzungsanfälligeren Körper, lebt inzwischen in der Nähe von Los Angeles. Und er wirkt auf diesen Bildern und Videos, die er auf Instagram postet, sehr glücklich, zufrieden mit seinem Leben.

Es ist ein Leben, in dem das Tennis durchaus noch eine Hauptrolle spielt, aber hauptsächlich neben dem Court. Haas, der gebürtige Hamburger, der schon als Jugendlicher in die Nick-Bollettieri-Tennisakademie nach Florida gezogen ist, ist ja seit zwei Jahren Turnierdirektor des Masters in Indian Wells, des wichtigsten Turniers nach den vier Grand Slams.

Es ist zugleich ein Leben, das sich weit weg von Deutschland abspielt, von seiner Familie, den Eltern, die in Bayern wohnen. Exakt 9601 Kilometer sind es von Los Angeles nach München, wo Haas als inzwischen 35-Jähriger 2013 überraschend die BMW Open gewann. Und wo er noch immer gerne auf die Wiesn geht - auch das sieht man bei Instagram.

Was man dort nicht sieht: Haas erwägt, seinen Tennisschläger wieder hervorzukramen, um ihn für den, Achtung: TC Dachau zu schwingen - in der Herren-30-Bundesliga. Das ist kein verspäteter Aprilscherz, sondern eine Initiative von Dachaus Mannschaftsführer Peter Schuster, dessen Bauunternehmen zugleich Hauptsponsor des Tennisclubs ist. Der 37-jährige Schuster, ein früherer Profi, der mal deutscher Jugendmeister war, in der Niki Pilic Tennis Academy in Oberschleißheim "zwei, drei Jahre mit Novak Djokovic trainiert" hat und in der Weltrangliste Rang 1033 vorweisen kann, kennt Haas noch von Jugendturnieren und über gemeinsame Freunde. Als Haas nach Florida übersiedelte, verloren sie sich aus den Augen, aber Schuster hielt losen Kontakt - und bezeichnet Haas heute als "Bekannten".

Schuster möchte dem TC Dachau, wo sich bei Herren-30-Spielen für gewöhnlich 100 oder 150 Zuschauer verlieren, ein wenig mehr Glanz und Strahlkraft verleihen, mehr Jugendliche binden. "Wir wollen Tennis wieder ein bisschen mehr in den Volksmund bringen", sagt Schuster. Haas, der ewige Sunnyboy mit dem Mehrtagebart, wäre dafür natürlich eine exzellente Werbefigur. Ein Magnet, der die Tribünen, die an der Gröbenrieder Straße erst noch aufgebaut werden müssten, samt Mikrofonen, Catering, Pavillons und allem sonst, was dazugehört, spielend füllen würde. Haas hat in seiner Karriere ja 15 ATP-Turniere gewonnen, in Finals gegen inzwischen fast urzeitlich erscheinende Größen wie Jim Courier oder Pete Sampras. Aber auch gegen Roger Federer, Andy Roddick oder Novak Djokovic.

Also fragte Schuster vor ein paar Monaten bei Haas an, ob der sich einen solchen Einsatz vorstellen könne. "Er konnte es sich vorstellen - sollte er im Lande sein", sagt Schuster. Aktuell steht Haas auf der Meldeliste für den TC Dachau an Position zwei. "Ich finde es schon mal toll, dass er überhaupt bei uns gemeldet ist", sagt Schuster, "er ist wohl die größte Nummer in der Herren-30-Bundesliga."

Es gibt da nur noch ein klitzekleines Problem: die Terminfindung. Denn irgendwie stocken gerade die Gespräche. Vor sechs Wochen hatte Schuster zuletzt mit Haas und dessen Management Kontakt, einig wurde man sich bislang nicht. Die Bundesliga-Saison beginnt aber schon am 1. Juni, also in einer Woche, es eilt also. Immerhin hat Dachau, das sich im Siebenerfeld mit gleich drei weiteren Klubs aus der Region - Iphitos München, TC Großhesselohe und STK Garching - misst, zum Auftakt spielfrei. Haas hätte wohl beim Auswärtsspiel in Lohfelden Ende Juni Zeit gehabt, allerdings wollte das Schuster nicht, weil er Haas verständlicherweise viel lieber auf der eigenen Anlage sehen möchte. Im Idealfall am 15. Juni beim Derby gegen Iphitos, ausgerechnet jenem Klub, auf dessen Anlage die BMW Open stattfinden. "Aber diesen Termin kriegt Tommy wohl nicht hin", sagt Schuster. Auch deshalb haben sie noch keine Plakate gedruckt. Blieben noch die Heimspiele gegen Wiesbaden (29.6.) und Frankfurt (13.7.).

"Unser Budget ist begrenzt, einfliegen lassen würde ich ihn also nicht."

Haas hat zugleich immer mal wieder betont, dass er in den US-amerikanischen Sommerferien - seine ältere Tochter ist schulpflichtig - gerne zur Familie nach Bayern reisen würde. Er könnte also das Nützliche mit einem nicht allzu aufwendigen Freundschaftsdienst für den TC Dachau gut verbinden. Wobei: So ganz für lau ist Haas sicher nicht zu haben. Das weiß auch Mannschaftsführer Schuster, der sagt: "Unser Budget ist begrenzt, einfliegen lassen würde ich ihn also nicht."

Aber Schuster hat trotz der Schwierigkeiten weiter Hoffnung, dass der Coup gelingt. Er beziffert die Chance, dass Haas tatsächlich spielt, auf 50:50. Genauso hoch übrigens wie bei einem gewissen Mikhail Kukushkin, Dachaus Nummer eins. Den Kasachen dürften im Vergleich zu Haas weit weniger Tennisinteressierte kennen. Dabei steht er aktuell in der Weltrangliste auf Rang 48 und ist damit der mit Abstand höchstplatzierte gemeldete Spieler in der Herren-30-Bundesliga.

Dachaus Peter Schuster über Haas

"Ich finde es schon mal toll, dass er überhaupt bei uns gemeldet ist. Er ist wohl die größte Nummer in der Herren-30-Bundesliga."

Schuster ließ auch bei ihm seine Beziehungen spielen, er kennt sein Management. Nun könnte er sich gut vorstellen, Kukushkin als Joker in einem möglichen Endspiel um Platz eins einzusetzen. Anders als in den Vorjahren, als es eine Endrunde mit vier Mannschaften gab, qualifiziert sich in dieser Saison nur der Südmeister für das Finale gegen den Nordmeister. Das ist zwar nicht das vorrangige Ziel der Dachauer ("wir wollen uns im oberen Drittel halten"), aber wer weiß. Ein wenig unglücklich ist aber für Dachau, dass nur Spieler im Finale dabei sein dürfen, die zuvor mindestens an zwei Spieltagen für ihren Klub im Einsatz waren. Weder im Falle von Haas noch bei Kukushkin sei das realistisch, sagt Schuster.

Aber es sei ja schon einmal schön, dass überhaupt die Möglichkeit im Raum steht, solche Profis auf die Anlage zu holen. Tommi Haas' letztes gewonnenes Match auf der Tour datiert übrigens vom Juni 2017 in Stuttgart. 2:6, 7:6 und 6:4 bezwang er damals einen gewissen: Roger Federer.