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Tennis:Ein Dutzend zur Wurzelforschung

Tennis - Jan-Lennard Struff

"Gold wert": In Jan-Lennard Struff freut sich der TC Großhesselohe über einen Zugang, der im Einzel und im Doppel zu den Ligabesten gehören dürfte.

(Foto: Helmut Fohringer/dpa)

Der TC Großhesselohe hat Jan-Lennard Struff verpflichtet. Mit ihm und dem Duo Jürgen Melzer und Jurij Rodionov hat der Erstligist künftig ein Paket aus zwölf Deutschen und Österreichern im Kader

Von Andreas Liebmann, Pullach

Aus aktuellem Anlass mal zu etwas völlig anderem, nämlich einem Beitrag des österreichischen Medienmagazins tv-media.at. "Gerade in Österreich lieben wir die typische, unverwechselbare Art, die von der bayerischen Mundart ausgeht", kann man da seit einigen Monaten lesen - soweit erkennbar, ohne Ironie. Die Autorinnen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die besten bayerischen TV-Kultserien zusammenzutragen und anzupreisen, von den "Münchner Geschichten" über den Pumuckl bis zum Bullen von Tölz, sie schwelgten also über "köstliche Charakterschauspieler", und um die angebliche Vorliebe für Sendungen aus dem Nachbarland noch weiter zu untermauern, verwiesen sie darauf, dass Bayern und Österreich einst zusammengehörten und Österreich quasi erst kürzlich im Jahre 976 durch Kaiser Friedrich I. von einer Markgrafschaft zum unabhängigen Herzogtum erhoben wurde. Deshalb gebe es bis heute "die Parallelen in Sprache, Mentalität sowie auch Kunst und Architektur". Aber damit nun wirklich zum Tennis.

Der TC Großhesselohe hat mit all dem nicht unmittelbar zu tun, allerdings erhebt er es seit Jahren zu seinem Konzept, deutsche, vorzugsweise bayerische Tennisprofis mit österreichischen zu einem gemeinsamen Kader zu mischen. Und warum? "Das hat sich so ergeben", sagt Sportchef Bernard Eßmann. Der Erfolg in der Liga basiere auf Teamgeist, auf Zusammengehörigkeit. Eine gemeinsame Sprache und der Umstand, dass sich alle untereinander gut kennen, erleichtere dabei vieles. Eßmann hat sich hier die Kollegen aus Mannheim zum Vorbild genommen, die es ohne übermächtige Einzelspieler zu zwei Titeln brachten, weil alle für die Gruppe besonders starke Leistungen boten. Und so hat vor der neuen Saison sowohl die deutsch-bayerische als auch die österreichische Fraktion im Erstliga-Team des TCG Zuwachs bekommen. Die einen freuen sich über die deutsche Nummer zwei Jan-Lennard Struff, die anderen über den 39-jährigen Jürgen Melzer, der im Doppel schon 17 ATP-Titel auf dem Konto hat - "und alle pushen sich gegenseitig".

Die vergangene Saison fiel corona-bedingt aus, vor der neuen hat die Pandemie sich zumindest auf die Saisonbudgets ausgewirkt

Die einen, das sind Philipp Kohlschreiber, Peter Gojowczyk, Rudolf Molleker, Matthias Bachinger, Florian Mayer und André Begemann. Die anderen, Dennis Novak, Lucas Miedler und Philipp Oswald, haben sogar doppelt Grund zur Freude, weil neben Melzer auch noch der aufstrebende Jungprofi Jurij Rodionov, 21, aus der Alpenrepublik verpflichtet wurde, zurzeit die Nummer 143 der ATP-Weltrangliste - wobei, siehe gemeinsame Wurzeln, sich auch die Deutschen über Melzer und Rodionov und die Österreicher über Struff freuen dürften, über den Eßmann sagt, dass er "Gold wert" sei, weil er im Einzel und im Doppel Stärken hat. Nach acht Jahren in Halle war der 30-jährige Davis-Cup-Spieler aus Warstein zuletzt für Aachen gemeldet. In der Weltrangliste belegt er Rang 97.

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Mit 17 ATP-Titeln bringt der Österreicher Jürgen Melzer vor allem große Erfahrung als Doppelspieler mit.

(Foto: Philipp Brem/imago images/GEPA pictures)

Wer auf den Kader der vergangenen Saison blickt, bekommt zu allererst schmerzlich ins Gedächtnis gerufen, dass überhaupt kein Spieler Einsätze verzeichnete, weil die Saison bereits im April wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde. Molleker zum Beispiel wartet nun im zweiten Jahr auf sein Debüt. Er sei zuversichtlich, dass diese Saison stattfinde, sagt Eßmann. Die Verantwortlichen der Klubs telefonierten häufig miteinander, es herrsche Einigkeit darüber, dass man unbedingt spielen wolle - es sei denn, es würden gar keine Zuschauer zugelassen. Auswirkungen hat die Pandemie allerdings trotzdem schon jetzt auf die neue Saison, die planmäßig Anfang Juli starten soll. "Die meisten Vereine werden von mittelständischen Unternehmen gesponsert", sagt Eßmann. Deren angespannte wirtschaftliche Lage wirke sich natürlich auf die Saisonbudgets aus, das sei auch am Isarhochufer nicht anders. Man sei auf die eigenen Spieler zugegangen mit der Bitte, "uns entgegenzukommen". Und alle hätten Zugeständnisse gemacht.

Die Kollegen aus Mannheim nehmen sich die Pullacher übrigens nicht nur in Sachen Teamgeist zum Vorbild, sondern auch bezüglich ihrer Ambitionen. "Wir wollen oben mitspielen", betont Eßmann. Das deutsch-österreichische Paket ist bereits mehr als zwei Monate vor Meldeschluss fertig geschnürt, ein paar weitere Profis aber braucht es natürlich - und hier ist noch nicht jede Personalie sicher. Hinter dem Georgier Nikoloz Basilashvili und dem Franzosen Jeremy Chardy stehen Fragezeichen, sie wären 2020 die Nummern eins und zwei der Rangliste gewesen. Gerade Chardy sei "eine Waffe", die der Sportchef gerne weiter zur Verfügung hätte. Der Finne Emil Ruusuvuori (ATP-Nr. 87), der Argentinier Federico Coria (91) und der Pole Kamil Majchrzak (107) werden wohl bleiben, der Spanier Alejandro Davidovich hingegen sei derart "hochgeschossen" in der Rangliste, dass er künftig gar keine Ligaspiele mehr bestreitet. Eßmann bedauert die Entscheidung des 21-Jährigen, weil die Liga ja nicht nur Geld einbringe, sondern auch Erfolgserlebnisse und dieses Gemeinschaftsgefühl, das bisweilen doch sehr gut tue, wenn man ansonsten das ganze Jahr über allein auf der Tour unterwegs sei.

Das Komplizierteste an der Personalie Struff: Er ist Dortmund-Fan

Planbar ist der Erfolg natürlich nicht, eigentlich ist kaum etwas planbar. In der zweiten Saisonhälfte geht es für die erfolgreicheren Profis in die USA, davor sollen gerüchteweise irgendwo noch Olympische Spiele stattfinden. Es ist ein kompliziertes Konstrukt, mit dem es die Verantwortlichen um Eßmann und Teammanager Christopher Kas zu tun haben: Wer dürfte mit welcher Wahrscheinlichkeit wann aus welchen Gründen fehlen, wer bleibt, welche Doppel bieten sich an? Zu jedem Profi gebe es entsprechende Gedankenspiele und stundenlange Gespräche.

Auch die Personalie Struff übrigens hat eine heikle Komponente. Der Warsteiner sei glühender Borussia-Dortmund-Fan, bedauert Eßmann und ergänzt schmunzelnd: "Darüber müssen wir reden!" Die meisten im Kader seien FC-Bayern-Anhänger. Eßmann selbst hegt noch größere Sympathien für Fortuna Düsseldorf, was die Sache offenbar nicht besser macht. Die gemeinsamen kulturellen Wurzeln zwischen Nordrhein-Westfalen und dem Alpenraum müssen künftig vermutlich noch etwas genauer erforscht werden.

© SZ/sjo
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