Talentiade-Preisträgerin:"Wenn du es nicht probierst, bereust du es"

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Die Badminton-Spielerin Ann-Kathrin Spöri wird im Sommer Profi. Ein Gespräch über den mutigen Schritt hinaus in die Welt - und die Verbundenheit zu ihrem Heimatklub.

Von Andreas Liebmann

Vor zwei Jahren hat die Badmintonspielerin Ann-Kathrin Spöri einen SZ-Talentiadepreis gewonnen. Da war sie mehrfache deutsche Jugendmeisterin. Seitdem ist viel passiert: Spöri, inzwischen 18, nahm an den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires teil - eine große Leistung, sie musste dazu die beste Deutsche ihres Alters sein und in der Weltrangliste mindestens Rang 28 belegen. Mit ihrem Heimatverein TuS Geretsried stieg sie vor einem Jahr in die zweite Bundesliga auf - und im Frühjahr wieder ab. Und nun wechselt sie zum Erstligisten TV Refrath. Im SZ-Gespräch erzählt Spöri, wie sie jetzt in ihre Profikarriere starten will.

SZ: Die wichtigste Frage gleich vornweg: Wo stecken Sie gerade?

Ann-Kathrin Spöri: In Mülheim an der Ruhr, meinem Trainingsstandort.

Und wo verbringen Sie das Wochenende?

Tatsächlich auch hier.

Wie? Etwa gar kein Turnier? Keine Auslandsreise? Das ist selten.

Stimmt. Das letzte war das German International vor drei Wochen in Bonn. Das lief, sagen wir mal: verbesserungswürdig. Ich habe in letzter Zeit weniger trainiert, mir wurden Weisheitszähne gezogen, und ich musste mich auf das Abitur konzentrieren. Die Prüfungen hier sind noch nicht vorbei. Jetzt läuft eine Art Aufbauphase. Es geht dann in Asien weiter, erst mit etwas Urlaub, dann mit Trainingswochen, und im August spiele ich dort Turniere.

Sie sind zum Erstligisten Refrath gewechselt. Ihr Lebensmittelpunkt wird aber vermutlich trotzdem in Mülheim an der Ruhr bleiben, am Bundesstützpunkt, wo Sie bisher ein Internat besucht haben.

Genau. Ab 1. Juli ziehe ich hier in eine eigene Wohnung. Damit beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Natürlich weiter mit Badminton im Mittelpunkt, ich werde noch mehr trainieren als bisher. Aber nebenbei versuche ich noch ein Studium auf die Kette zu kriegen, Wirtschaftsmathematik interessiert mich.

Damit fällt der straff durchorganisierte Tagesablauf des Internats weg.

Ach, dadurch ändert sich nicht viel. Mein Tag wird weiter durchgetaktet bleiben.

Sie sind damals mit 15 Jahren in dieses Internat gezogen, fast 700 Kilometer entfernt von Ihrem Elternhaus. Eine mutige Entscheidung.

Ja, weil ich mehr Training haben wollte, auch ein besseres Umfeld. Von Geretsried aus musste ich oft noch nach München fahren zum Trainieren, dafür ging viel Zeit drauf, und natürlich auch für die Schule.

Vermutlich gab es Menschen, die Ihnen davon abgeraten haben?

Ehrlich gesagt: Nein. Klar waren viele traurig, aber niemand hat gesagt: Pass auf, das ist die komplett falsche Entscheidung.

Und Ihre Eltern? Die Tochter wollte ja nicht mal eben zwei Häuser weiterziehen.

Klar war das nicht deren Lieblingsentscheidung, sie waren auch nicht komplett davon überzeugt. Aber sie haben gesagt: Wenn du das willst, unterstützen wir dich. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Und ich bin dadurch doch ganz schön selbständig geworden, das merkt man besonders, wenn man dann mal wieder daheim ist.

Talentiade-Preisträgerin: „Mit der ersten Liga ändert sich jetzt einiges“: Ann-Kathrin Spöri, 18, wird beim TV Refrath Matches bekommen, für die sie bisher durch die Welt reisen musste.

„Mit der ersten Liga ändert sich jetzt einiges“: Ann-Kathrin Spöri, 18, wird beim TV Refrath Matches bekommen, für die sie bisher durch die Welt reisen musste.

(Foto: Claus Schunk)

Es war ja auch nicht nur der Schritt nach Mülheim. Von dort aus ist ihre Tochter ja weiter zu all den internationalen Turnieren gereist, sicher ebenfalls ohne Eltern.

Stimmt. Man durchquert die Welt. Das ist etwas sehr Schönes, weil man dabei viele Erfahrungen sammelt, auch mit anderen Kulturen, man lernt viele Menschen kennen. Nur bei den Olympischen Jugendspielen haben sie dann gesagt, das wollen sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Für die Ligaspiele sind Sie dem TuS Geretsried aber treu geblieben, sind mit ihm in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Und als man Sie im März feierlich nach Refrath verabschiedet hat, gingen alle davon aus, die Mannschaft hätte auch dank Ihnen den Klassenerhalt geschafft. Als dann viel später die Nachricht kam, dass der vorletzte Platz doch nicht reichte, wie war das?

Wir waren anfangs sicher, dass wir in der Liga bleiben. Dann kamen erste andere Gerüchte auf und es wurde ein langes Hin und Her - aber das habe ich aus der Ferne gar nicht so mitbekommen. Ich finde es sehr schade, denn unser Team hat alles gegeben und viel Pech gehabt. Ich hätte es gerne weiter in der zweiten Liga gesehen.

Ist der TuS eigentlich eher dank Ihnen aufgestiegen - oder Ihnen zuliebe, um Sie länger in der Mannschaft halten zu können?

Weder noch. Der Aufstieg war eine Teamleistung, und es gab auch andere gute Spieler, die mal nach oben wollten. Wir sind ja ein sehr junges Team, da war die Neugier auf die zweite Liga groß und auch die Luft, sich dort noch weiterzuentwickeln.

Wäre die zweite Liga ohne Sie jetzt nicht trotzdem zu hoch gewesen? Ihre überragende Einzelbilanz mit 11:1 Siegen fällt für das Team ja nun weg.

Natürlich waren da teilweise zu schwierige Gegner dabei, trotzdem haben alle die Herausforderung sehr gerne angenommen. Nun müssen sie sich wieder in der Regionalliga durchbeißen und schaffen hoffentlich auch ohne mich den Aufstieg.

2017 haben Sie einen SZ-Talentiadepreis gewonnen. Bei diesem Wettbewerb ist es ja so: Die jungen Sportler werden wegen ihrer Leistungen geehrt, der Förderpreis geht aber an den Verein, der sie ausgebildet hat. Als jemand, der ohnehin mit 15 fortgezogen ist, mal Hand aufs Herz: Wie wichtig ist überhaupt der erste Verein?

Für mich sehr wichtig. Er macht den ersten Schritt aus, er macht deine Einstellung zu diesem Sport aus. Das Umfeld in den Kinderjahren bedeutet einem, glaube ich, am meisten, deshalb bedeutet mir mein Heimatverein auch so viel. Und ich weiß, wie viel die für mich getan haben, ob das nur all die Ehrungen waren, die ich dort bekommen habe, oder die Unterstützung durch die Trainer, die zusätzliche Stunden angeboten haben, nur weil ich immer noch mehr spielen wollte. Dahinter steckt ja ein riesiger Aufwand. Und natürlich auch, dass dann das ganze Team versucht hat, mit mir gemeinsam in die zweite Liga zu gehen. Ich kann nur sagen: Ich bin froh, dass ich in Geretsried aufgewachsen bin.

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Vermutlich war es ja auch ein Kraftakt, die Zweitliga-Punktspiele überhaupt in Ihrem Terminkalender unterzubringen.

Manche gingen einfach nicht, weil ich international unterwegs war. Das hatte eine höhere Priorität, dafür spiele ich ja Badminton. Aber wirklich jedes Spiel, das irgendwie möglich war, habe ich mitgespielt.

Haben Turniere für Badmintonprofis nicht ohnehin einen höheren Stellenwert als Ligaspiele?

Nicht unbedingt. Mit der ersten Liga ändert sich jetzt einiges. Da muss ich mich erst dran gewöhnen, das werden harte Brocken. Viele Top-100-Spieler. Solche Matches werden mich weiterbringen. Vor allem, weil ich sie jetzt in Deutschland habe und nicht extra weit dafür reisen muss.

In diesem Sommer beginnen Sie Ihre Profikarriere. Was heißt das konkret?

Dass das Leben noch mehr auf Badminton ausgerichtet ist, dass noch mehr Zeit dafür draufgeht. Nicht nur für das Spiel, sondern auch für Dinge wie Regeneration. Dafür fehlte früher manchmal die Zeit, dass man sich wirklich um seinen Körper kümmern konnte. Ich kann mich noch mehr belasten, mich besser vorbereiten und habe nicht nebenher noch die Schule im Kopf.

Womit verdienen Sie Ihr Geld?

Es gibt Sporthilfen, man bekommt etwas vom Verein und von Sponsoren.

Weil ja nun schon bald die nächste Talentiade-Ehrung bevorsteht: Wenn ein junges Sporttalent Sie fragen würde, ob Ihr bisheriger Weg nachahmenswert ist, was würden Sie ihm wohl antworten?

Ich würde sagen: Probiere es auf alle Fälle aus. Wenn du es nicht probierst, wirst du es bereuen. Das ist eine Standardantwort, ich weiß, aber wenn ich sehe, welche Erfahrungen ich gemacht, welche Turniere ich erlebt habe, das hätte ich vorher nie gedacht. Und ich weiß nicht, ob ich das auch geschafft hätte, wenn ich daheim geblieben wäre. Ich bin sehr gerne zu Hause, trotzdem: Ich bin froh, dass ich gegangen bin.

Mit der Talentiade 2019 zeichnet die Süddeutsche Zeitung zum zehnten Mal die Leistung junger Sporttalente (bis Jahrgang 2000) aus München und den umliegenden Landkreisen aus sowie die hervorragende Nachwuchsarbeit ihrer Vereine. Wir suchen deshalb junge Sportlerinnen und Sportler, die in den vergangenen beiden Jahren - unabhängig von Sportart, Meisterschaften oder Titeln - besonderes sportliches Engagement gezeigt haben. Ausgelobt sind neun Förderpreise und der Schulsportpreis "Klasse!" à 1500 Euro sowie ein mit 5000 Euro dotierter Handball-Sonderpreis. Bewerbungen und Vorschläge bis 18. Juni unter sz.de/talentiade2019.

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