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Talentiade 2019:Salti im Kopf

Bestnoten in der Haltungsschule: Bei der Junioren-WM erhielt Valentin Zapf - hier beim Training in Unterföhring - die drittbeste Ausführungswertung.

(Foto: Claus Schunk)

Das Talent von Valentin Zapf war früh zu erkennen. Seine Trainer prophezeien dem Turner vom TSV Unterföhring eine große Zukunft. Erst musste der 17-Jährige jedoch ein Motivationsloch überwinden.

Alles begann im Kindergarten, mit einem Handstand. Kein Handstand, bei dem die Erzieherin die Beine festhält - sondern ein freier, selber einstudiert, wie auch die Räder, die er plötzlich über den Boden schlug, ohne dass ihm das irgendwer beigebracht hätte. Den Handstand und die Räder sah dann die Musiklehrerin, deren Sohn Trainer im Turnverein war.

Damals war Valentin Zapf aus Aschheim vier oder fünf Jahre alt. Jetzt ist er gerade 17 geworden und Teil der Zukunft des Deutschen Turnerbundes. So richtig geriet er auf die Rechnung der Turn-Planer im Jahr 2017, als er bei den deutschen Junioren-Meisterschaften an zwei Geräten gewann. Kürzlich turnte er bei der Junioren-WM in Györ/Ungarn, und 2020 will er sich bei der Junioren-EM schon mal für einen Platz im Männerteam anbieten.

Das wirkt, als wäre Zapf fast am Ziel, doch tatsächlich beginnt die Arbeit gerade erst. "Er hat noch viel Luft nach oben", sagt Junioren-Bundestrainer Jens Milbradt, zum Beispiel am Pauschenpferd. Milbradt und Zapfs Heimtrainer Zoltan Csuka verlangen nun deutlich mehr Training, denn Zapfs Vorführungen sind noch unvollständig. Normalerweise ist das ein Hinweis darauf, dass einem Turner leider eben doch das nötige Talent fehlt. Bei Zapf ist es umgekehrt.

Man erwartet viel von ihm, schließlich ist er binnen zwei Jahren in den Bundeskader gehüpft - obwohl er im Alter von zirka elf kein Turngerät mehr sehen wollte. Wie viele junge Turner hatte auch er nach seiner Entdeckung zunächst großen Spaß am kunstvollen Fliegen durch die Luft - so großen, dass er einige Jahre den langen Weg zum Training nach Mühldorf auf sich nahm. Immer besser wurde er, immer mehr nahm ihn das Turnen in Anspruch, aber dann kam ihm die Lust abhanden. "Im Sport lief nichts mehr", sagt Zapf, er hatte eine Willenskrise, keine Motivation mehr, keinen Bock.

Doch sein Umfeld ließ ihn gewähren, und nach grob zwei Jahren war er zurück. Nicht selten kommen Talente aus solchen Pausen mit neuer Energie wieder, auch deshalb, weil sie sich noch einmal selber für ihre Leidenschaft entschieden hatten. Zapf war nun 13, das Turnen machte ihm wieder Spaß, und zwei Jahre später bewies er seine Vielfalt. Er wurde deutscher Juniorenmeister an Reck und Barren und Zweiter am Boden auch noch - denn: "Ich hab' mich wieder reingehängt."

Allerdings lässt sich ein jahrelanger Entwicklungsrückstand nicht so leicht wettmachen. Besonders wenig in Sportarten mit Jury, wie dem Turnen, das aus zwei sich widerstrebenden Künsten besteht: Möglichst schwerer Akrobatik und möglichst leicht wirkender Eleganz. Lange durften Turner ihre Übungen mit Salti und Schrauben vollpacken, und gerieten sie bei Riesenfelgen aus dem Lot, wackelten sie an den Ringen oder ruderten nach der Landung mit den Armen, dann blieben die Notenabzüge überschaubar.

Doch schon 2016 wurde die saubere Ausführung immer wichtiger. Und bei der EM 2018 gab es derart hohe Abzüge für kleinste Verfehlungen, dass allzu riskante Elemente sich nicht mehr lohnen. Und der junge Zapf, erzählt Coach Milbradt, musste nach seiner Rückkehr aus der Nullbockzeit erst mal Grundlagen üben: sauber turnen.

Es waren die Jahre der symmetrischen Flickflack-Schulung, der Gleichgewichtsübungen auf dem Trampolin, der Längsdrehungsachsen-Koordination und so weiter. Freude macht das keinem Turner, der insgeheim von spektakulären Salti träumt. Dennoch, Zapf ging durch die Haltungsschule, und die Ergebnisse stimmen: Bei der Junioren-WM hatte das deutsche Team die drittbeste Ausführungsnote. "Valentin", findet Milbradt "ist für diese Entwicklung ein Paradebeispiel."

Musterschüler bleibt er aber nur, wenn er auch die zweite Stufe der Entwicklung nimmt. Die macht zwar mehr Spaß, raubt aber auch mehr Zeit. Nachdem die Schüler sauber gestreckt, gehockt und gebückt sind, punktgenau landen, und doch leichtfüßig wirken, geht es daran, die Akrobatik aufzustocken. Bundestrainer Milbradt ist aber ganz zuversichtlich. "Valentin erinnert mich an Lukas Dauser", sagt er. Der mehrfache deutsche Meister und Olympia-Teilnehmer vom TSV Unterhaching hat sich auch durchgesetzt, obwohl er aus der Turn-Nische München stammt, ohne Bundesstützpunkt, ohne starke Trainingspartner. Auch Zapf trainiert viel alleine, doch weil er sich wohlfühlt bei Trainer Csuka und im TSV Unterföhring, macht er Fortschritte.

Weil Zapf auf keine Eliteschule geht, sondern auf ein normales Gymnasium, hat er weniger Zeit für Training. Seinen Abschluss will er daher verschieben, zugunsten möglichst vieler Turn-Elemente. Zum Beispiel am Reck. "Das hat mir schon immer gelegen", sagt er. Nächstes Projekt ist ein sicherer Kovacs - ein Doppelsalto über die Stange, ein Basiselement im hochklassigen Reckturnen. Mit fünf Jahren den Handstand, mit 17 Jahren den Kovacs - Zapf ist voll im Plan.

Zum zehnten Mal hat die Süddeutsche Zeitung in den vergangenen Wochen herausragende Talente gesucht und Sportvereine, die sich besonders um die Nachwuchsarbeit verdient gemacht haben.