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SZ-Serie "Auf der Siegerstraße", Folge sieben:Hühnerbrust voraus

Vor mehr als 100 Jahren feierte der Schwimmer Walter Bathe zwei Olympiasiege. In seiner Disziplin wartet Deutschland seitdem vergeblich auf Nachfolger.

München - Wahrscheinlich weiß Walter Bathe schon vor der Reise nach Stockholm, dass der Amerikaner schneller ist als er. Sofern alles normal läuft, wird er bestenfalls Zweiter. Bathe ist 1912 in Stockholm zum ersten Mal bei Olympia. Er ist ein exzellenter Brustschwimmer, auf den 100 Metern hält er sogar den Weltrekord, aber seine Lieblingsstrecke gehört diesmal nicht zum olympischen Programm. Er muss sich auf die längeren Strecken konzentrieren, die 200 und 400 Meter - doch die liegen vor allem dem Ausdauerspezialisten Mike McDermott, diesem Amerikaner.

Gleich im 200-Meter-Vorlauf schwimmen Bathe und McDermott gegeneinander: Bathe ist in Topform, er bricht den olympischen Rekord - und McDermott? Der wird disqualifiziert. Warum? Das steht nicht im offiziellen Bericht, vielleicht springt McDermott zu früh ins Wasser, vielleicht verlässt er seine Bahn. Bei Olympia läuft eben selten alles normal. Bathe jedenfalls ist seinen wahrscheinlich ärgsten Kontrahenten bereits im Viertelfinale los. Im Halbfinale überbietet er seinen Rekord noch einmal, und im Finale erneut. In drei Minuten, einer Sekunde und acht Zehntelsekunden schwimmt er zum Olympiasieg. Später siegt Bathe auch über die 400 Meter, McDermott war wieder per Disqualifikation rausgeflogen.

Bathe

Walther Bathe kam 1892 nahe Breslau zur Welt.

(Foto: Wikipedia)

Nach Olympia gehen viele Schwimmer auf eine Tour durch Europa, auch McDermott und Bathe. Der Amerikaner besiegt Bathe bei den nächsten drei Wettkämpfen, er schwimmt sogar schneller als der Deutsche bei Olympia. Bathe wird nach 1912 nie wieder ein Rennen gegen McDermott gewinnen, so schreibt es die Hall of Fame des Schwimmens, in die Bathe 1970 aufgenommen wird. Walter Bathe aber hat die zwei wichtigsten Rennen gewonnen.

Es gibt eine Geschichte, die erzählt, wie Bathe zum Schwimmen kam. Man kann sie fast gar nicht glauben, so fantastisch klingt sie. Sie geht so: Als Bathe acht Jahre alt ist, sagen ihm Ärzte, dass er eine Kielbrust hat. Sein Brustbein steht hervor, manche nennen die Krankheit deshalb Hühnerbrust. Die Sache ist recht harmlos, die Hühnerbrust kann zwar zu einer Fehlhaltung führen, aber sonst sind keine physischen Beeinträchtigungen zu erwarten. "Geh schwimmen", raten ihm die Ärzte. Also geht Bathe schwimmen. Zwölf Jahre später wird er, der Junge mit der Hühnerbrust, Olympiasieger im Brustschwimmen.

Und nicht nur das: Die Sommerspiele 1916 werden zwar wegen des Ersten Weltkrieges abgesagt, doch Bathe schwimmt noch bis 1930. Er gewinnt 600 Trophäen, davon sechs bei deutschen Meisterschaften. Während des Zweiten Weltkrieges gehen alle seine Pokale und Medaillen verloren, nur zwei nicht: seine beiden Goldmedaillen, die er immer bei sich trägt.

Bathe wurde in der Nähe von Breslau geboren, er startete dort für den ASV. Nach dem Ende des Krieges muss er seine schlesische Heimat verlassen, er zieht nach Augsburg, wo er wie schon in Breslau als Apotheker arbeitet. 1959 macht er einmal Urlaub an der Adria, natürlich schwimmt er im Meer. Aber in seinem Gehirn hatte sich ein Blutgerinnsel gebildet. Vermutlich erleidet er beim Baden einen Schlaganfall, an dem der er wenige Tage später stirbt.

Straßennamen von Sportlern, Straßenschilder

Im Münchner Olympiapark trägt ein winziger Weg seinen Namen, der an der ehemaligen Eislauffläche und heutigen Soccarena vorbeiführt.

(Foto: Florian Peljak)

Bei Olympia hat seit Walter Bathe kein deutscher Brustschwimmer mehr Gold gewonnen. Man muss es noch mal hinschreiben, zur Einordnung: 1912 war das. Der Darmstädter Marco Koch wurde 2015 Weltmeister über 200 Meter Brust, auf ihn haben die deutschen Schwimmfans lange gehofft, aber 2016 in Rio wurde es nichts mit einer Medaille. Auf seiner Homepage hat Koch eine Uhr, sie zählt die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zu Olympia 2020 in Tokio. Koch möchte in Tokio gerne aufs Podest - 108 Jahre nach Bathes Siegen in Stockholm.

Bisher erschienen: Lillian Board (27.12.19), Hans Dülfer und Werner Schaarschmidt (28.12.), Spiridon Louis (31.12.), James Brendan Connolly (3.1.20), Rudolf Harbig (9.1.), Helene Mayer (11.1.).