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SZ-Serie: Alte Meister:Zurück im Ring

Im Zehnkampf war der Spätstarter Norbert Demmel deutscher Meister, als Werfer hält er nun einen Senioren-Weltrekord. Nur sein Olympiatraum erfüllte sich nie

Man erkennt es nicht auf den ersten Blick, aber etwas stimmt nicht auf dem Foto neben der Treppe. Ein muskulöser Sportler ist darauf zu sehen, wie er seine Oberarme mit geballten Fäusten zum Jubel ausbreitet. Hochglanz, DIN A3. Man sieht den weiten Brustkorb unter dem blauen Shirt, die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln verzogen, dahinter Zuschauer und Fotografen.

Es sind die Augen. Sie strahlen nicht mit, blicken leer in die Ferne. Vor dem Bild steht derselbe Mann, Norbert Demmel, knapp zwanzig Jahre später. Unter seinem olivgrünen T-Shirt tritt immer noch ein beachtlicher Bizeps hervor, sein Haaransatz ist noch etwas höher als damals. Er habe das selbst erst auf diesem Foto bemerkt, erzählt er, einem Abschiedsgeschenk des damaligen Bundestrainers: "Ich habe in diesem Moment schon gewusst, dass etwas nicht in Ordnung ist." Gerade hatte er das Kugelstoßen gewonnen, in Götzis, Vorarlberg, einem international renommierten Mehrkampf-Meeting. Doch kurz zuvor, beim Weitsprung, da hatte es in der Leiste gezwickt, im Hochsprung ging nichts mehr. Trotzdem stand der Zehnkämpfer aus München auch den zweiten Tag durch, im Diskuswurf stellte er sogar einen Rekord auf: 55,14 Meter, diese Marke hat bis heute Bestand. Er wollte unbedingt mehr als 8000 Punkte holen, sich damit für die Olympischen Spiele im folgenden Jahr in Stellung bringen. Doch das klappte nicht.

Drei Ziele hatte Norbert Demmel für seine Karriere: Er wollte deutscher Meister werden, das war 1994 gelungen; er wollte die 8000er-Marke knacken, das hatte er bereits 1989 geschafft. Und er wollte zu Olympia. 1992 war ihm sein Bauingenieur-Studium dazwischengekommen, die Diplomprüfungen ließen sich nicht länger verschieben. 1996 wollte er es umso mehr, doch während er schließlich vor dem Fernseher saß, gewann Frank Busemann in Atlanta Silber. Damals 21 Jahre jung und unverletzt. Demmel war bereits 33. "Ich war gut drauf und dachte, ich hätte noch die Chance", erinnert er sich, doch 1996 hatte er erst Götzis absagen müssen wegen Achillessehnenschmerzen, später auch Bernhausen - die beiden Qualifikationschancen für Atlanta. Demmels Körper streikte.

Norbert Demmel hat keine Pokale daheim, "alle weggeschmissen", wie er sagt. Nur einen Karton mit Erinnerungen gibt es, mit Medaillen und Urkunden, den er bisweilen hervorholt, in ruhigen Zeiten, etwa an Weihnachten. Nun muss er ihn holen, denn manche Details hat er über die Jahre doch vergessen. Etwa seinen letzten Zehnkampf bei den deutschen Meisterschaften 1996 in Vaterstetten. Er musste ihn verletzungsbedingt abbrechen, eine Zerrung, seinen Abgang bekam niemand wirklich mit.

Im deutschen Zehnkampfteam war Norbert Demmel anfangs "das merkwürdige Anhängsel aus dem Süden".

(Foto: privat)

"Der Abschied war schlimm für mich", erzählt er, "zwei, drei Monate danach war ich schwer deprimiert und wusste gar nicht, was ich machen sollte." Er hat alle Zeitungsartikel von damals gesammelt und in diesem Karton verstaut, nur nicht aus dem frustrierenden Jahr 1996, wie er nun feststellt. Nur einen einzigen findet er.

Norbert Demmel wohnt in einem lustigen Haus in Waldperlach, mit seiner roten Fassade und den weißen Giebeln sieht es aus wie eine schwedische Villa. Vor der Terrasse flitzen Zwergkaninchen durch den Garten. Der 53-Jährige lacht, er erinnert sich gerade, wie alles begann: mit einem Purzelbaum über seine allererste Hürde. Er habe schon vorher Leichtathletik gemacht, erzählt er, doch dann hätten ihn zwei Mehrkämpfer beim TSV Unterhaching gefragt, ob er mit ihnen in Hösbach starten wolle, als dritter Mann für die Zahnkampf-Teamwertung. Demmel willigte ein, zu spontan allerdings, um alle Disziplinen wenigstens mal auszuprobieren. "Ich bin bis dahin nie über Hürden gelaufen, ich hatte nur gesehen, dass alle in vollem Tempo auf die erste Hürde los sind - also habe ich das auch gemacht." Als das Hindernis rasant näher kam, sei er in Panik geraten und habe eine Art Rolle vorwärts fabriziert. "Unglaubliche 3,10 Meter" habe er im Stabhochsprung geschafft, aber so viel Spaß gehabt, dass er wusste: Sobald er die nahende Bundeswehrzeit hinter sich hätte, würde er das mal richtig probieren.

Als es soweit war, ging alles ziemlich flott: Im Herbst 1984 durfte er die Uniform wieder abgeben, bei den folgenden deutschen Meisterschaften wurde er Achter, ein Jahr später Fünfter, im dritten Jahr stand er im Nationalkader: "Das ist das Schöne an der Leichtathletik, man kann nicht übersehen werden", sagt er. Leistungen sind messbar, in Zentimetern oder Sekunden. 1989 war er Dritter in Götzis, 1990 Europacup-Sieger, allerdings blieb der Spätstarter, der es ohne jede Förderung so weit gebracht hatte, "immer das merkwürdige Anhängsel aus dem Süden", wie er sagt. Zehnkampf war damals in Mainz etabliert, dorthin wollte ihn auch der Verband lotsen. Demmel blieb lieber in seiner Geburtsstadt. "Aus der Leistungsperspektive war das sicher eine falsche Entscheidung", weiß er heute, "aber ich bereue sie nicht. Ich war immer ortsgebunden und fühle mich wohl in München."

Kürzlich hat Demmel seine dritte Sportkarriere begonnen. Die zweite stand schon gleich nach der Zehnkampf-Laufbahn fest. Die Wurfdisziplinen waren immer seine Stärke, auch beim renommierten Thorpe Cup hat er mit Kugel und Diskus Rekorde aufgestellt. "Es gab immer Wurftrainer, die mich abwerben wollten." Also verlegte er sich unmittelbar nach dem Ende seiner Zeit als Zehnkämpfer aufs Werfen, wollte es eines Tages mit Olympiasieger Lars Riedel aufnehmen. Es begann gut, 58,32 Meter im ersten Diskus-Wettkampf, doch dann brachen ihm beim Krafttraining zwei Rippen. "Ich hatte bei der Beinpresse nicht aufgepasst", sagt er. "Danach ist der Faden gerissen." Fortan konzentrierte er sich nur noch darauf, bayerischer Abonnementmeister zu werden, was ihm mühelos gelang. Demmel warf weiter, bis er 46 war.

In den Wurfdisziplinen brach er zahlreiche Rekorde. In seiner zweiten Karriere wollte er es dann sogar mit Lars Riedel aufnehmen.

(Foto: privat)

Dieser zweite Abschied fiel ihm leichter. Nach dem verpassten Olympiastart hatte er die Leitung eines Fitnessstudios übernommen, dessen Geschäftsführer er bis heute ist. Später kamen zwei Sonnenstudios dazu, seine heute elfjährige Tochter kam zur Welt, dazu sein Sport - es wurde ihm zu viel. "Diesmal war es eine rationale Entscheidung", erzählt er, "mir war das alles über den Kopf gewachsen. Ich habe die Sonnenstudios verkauft und mein Leben wieder in sinnvolle Bahnen gelenkt." So richtig hat das Ende wieder niemand mitbekommen: Bei einem Wettkampf in Bogen zog er sich beim ersten Speerwurf eine Adduktorenverletzung zu. "Da wusste ich, dass das mein letzter Wettkampf wird."

Fünf Jahre dauerte es, bis Norbert Demmel zurückkam. Ein Zufall: Bekannte hatten im Teneriffa-Urlaub beschlossen, nach ihrer Rückkehr die eigene Leistungsfähigkeit zu überprüfen. Demmel wollte sie nur begleiten, doch dann hatte ihn der Sportplatz wieder. Er begann mit Seniorensport, von dem er früher nie allzu viel gehalten habe. "Ich war noch zu sehr dem Leistungsbereich verhaftet. Die paar Jahre Pause habe ich gebraucht, um dazu Distanz zu finden", erklärt er. Inzwischen hat er festgestellt, dass es auch im Seniorensport viele ehemalige Topsportler gibt, die noch immer gut sind, mit ähnlicher Vita und ähnlichen Ansichten, in den USA, in Australien. Mit ihnen steht er über diverse Medien in regem Kontakt: "Das ist eine schöne Verbundenheit". Und natürlich gewinnt er Titel, halbe Sachen mag er nicht: 2015 wurde er Weltmeister mit dem Diskus und im Werfer-Fünfkampf, in diesem April in Ancona Halleneuropameister im Kugelstoßen und Diskuswerfen. Seit Pfingsten hält er im Werfer-Fünfkampf der Altersklasse M50 den Weltrekord. Die alte Marke des Briten Stephen Whyte von 4590 Punkten überbot er um 106 Punkte. "Das war mein Hauptziel", sagt er.

Es hat nicht alles geklappt in der Karriere von Norbert Demmel, aber er ist zufrieden. Sein Diplom als Bauingenieur wird er wohl nie brauchen, er arbeitet lieber im Fitnessstudio mit Sportlern zusammen. Damals, als er für Olympia kämpfte, hatte er sich an der Uni als Philosophie-Student eingeschrieben, nach sieben Semestern brach er ab. Wirklich viel ist davon nicht hängengeblieben. "Vielleicht, dass man sein Leben so verwirklichen soll, wie man es sich selbst wünscht", sagt er nachdenklich. Das ist ihm meist recht gut gelungen.

© SZ vom 19.08.2016
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