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SZ-Aktion "Coaches' Challenge":Zirkus des Miteinanders

Claudius Bicker bei einem Akrobatik-Zeltlager in Mitterndorf.

(Foto: Tobias Hase)

Claudius Bicker macht Kindern und Jugendlichen vielseitige und besondere Bewegungsangebote. Dabei geht es selten um Leistung, wohl aber um die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen.

Von Johannes Müller, München

Im Rahmen der Aktion "Coaches' Challenge" haben die Dr.-Ludwig-Koch-Stiftung und die Süddeutsche Zeitung seit Anfang März besonders engagierte Übungsleiter gesucht. Die zwölf von der Jury ausgewählten Preisträger, bei deren Finanzierung die Münchner Stiftung die Vereine nun ein Jahr lang unterstützen wird, werden aktuell in der SZ vorgestellt. Hier Teil acht über Claudius Bicker:

Seit mehr als 20 Jahren bietet Claudius Bicker, 46, mehrmals wöchentlich seine Kinder- und Jugendsportstunden bei der Freien Turnerschaft München (FTM) Schwabing an. Eine gewisse Routine darf man also voraussetzen. Stehen geblieben ist Bicker in dieser Zeit jedoch nicht. "Ich bin neugierig, andere Herangehensweisen bei der Vermittlung von Bewegung kennenzulernen, auch mal über den Tellerrand hinauszuschauen", sagt er. Und das gelingt ihm auf erstaunliche Weise. Nach wie vor erweitert er regelmäßig sein sportliches Wissen, besucht Fortbildungen und integriert neue Sportangebote wie Slackline, Parcours oder Zirkuselemente in sein Angebot.

Im Vordergrund seiner Arbeit steht der soziale Aspekt der Bewegungsvermittlung. Frühzeitig hat er seine Sportgruppen beispielsweise auch für Kinder und Jugendliche mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung geöffnet. "Wichtig dabei ist, dass man sich auf die Situation einlässt und versucht, die sportlichen Inhalte so zu modifizieren, dass sie machbar sind, aber auch für alle spannend bleiben", sagt Bicker. Kinder seien unvoreingenommen neugierig und redeten offen miteinander. "So entwickeln sich spannende Gespräche, in denen die Kinder sich gegenseitig austauschen, aber auch Barrieren abbauen und Verständnis entwickeln."

Seine pädagogische Arbeit ist unter anderem vom Cirque du Soleil beeinflusst worden

Wesentlichen Einfluss auf Bickers Arbeit hat das Social Circus Training. Ins Leben gerufen wurde es von dem berühmten Cirque du Soleil, um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche zirkuspädagogisch zu fördern. Das Besondere daran sei, dass der Fokus nicht ausschließlich auf der messbaren Leistung der Teilnehmenden liege, "sondern dass die Zirkus- und Bewegungskünste als pädagogisches Medium angewendet werden, um die Kinder und Jugendlichen in ihrer persönlichen Entwicklung individuell zu fördern", so Bicker. Seit einer Fortbildung 2016 ergänzt er seine Arbeit durch Inhalte dieses Programms.

Einige Sportarten könne man unterschiedlich vermitteln, je nachdem ob man sie nur technisch unterrichte oder das Miteinander in den Vordergrund stelle, erklärt Bicker. Trainer könnten zum Beispiel Akrobatik auf die Dimension auslegen, jemandem auf die Schulter zu klettern und dabei nicht herunterzufallen, "oder darauf, wie ich mit einer Person kooperiere, wie sie mich wahrnimmt, wie sie mir hilft." Auch die Kommunikation darüber, wie die Kinder und Jugendlichen bestimmte Bewegungen wahrnehmen, sei Bestandteil der Trainings geworden, berichtet Bicker. Und mit dem gesteigerten Umfang hätten sich auch die Trainingszeiten verändert. "Früher hatten wir immer nur eine Dreiviertelstunde oder eine Stunde Zeit. Inzwischen sind wir bei manchen Gruppen auf zwei Stunden hochgegangen, um solche Elemente mit hineinzunehmen."

Die Situation nach Corona ist für ihn kaum abzuschätzen

Das Angebot wurde bislang sehr gut angenommen. Er habe in den vergangenen Jahren gar nicht alle Kinder aufnehmen können, sagt Bicker. Umso spannender werde daher die Zeit nach Corona. Denn aktuell sei kaum einzuschätzen, wie viele Kinder dann noch dabei sind. "Dadurch, dass der Outdoor-Sport bereits wieder geöffnet hat, die Stadt München die Hallen aber noch nicht wieder freigegeben hat, gehen viele Kinder zum Tennis oder zu anderen Ballsportarten", vermutet Bicker. Möglich, dass neue Gruppen dann erst einmal das Zutrauen ineinander finden müssen. In puncto Bewegung dürfte dann eine Menge Grundlagenarbeit nötig sein.

Sollte es dazu kommen, kann Claudius Bicker immer noch auf die Erfahrungen von zwei Jahrzehnten Arbeit mit jungen Menschen bauen, in denen er gelernt hat, innovativ zu sein. Betreuer müssten vor allem "den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren", findet er. Er persönlich versuche, eine Schnittmenge zu finden zwischen dem, was ihm selbst viel Spaß mache, und den Wünschen der Kinder. Daraus konstruiere er dann ein Bewegungsangebot. Und was macht ihm die größte Freude? "Wenn die Kinder die Halle gar nicht verlassen möchten, obwohl ihre Stunde zu Ende ist, weil sie so viel Spaß haben an der Bewegung mit ihren Freunden."

Bisher erschienen: Miriam Storch, BC Hellenen, Basketball (3.5.); Yusuf Güngörmüs, SC Arcadia Messestadt, Judo (6.5.); Mahmoud Nasser, Bewegung und Spiel e.V., Fußball/Ballsport (8.5.); Carl Eggert, TuS Obermenzing, Hockey (10.5.); Daniel Valin da Silva, Urucungo e.V., Capoeira (11.5.); Nina Stambrau, HC Wacker München, Hockey (17.5.); Inga Rose, RG München 1972, Rudern (18.5.)

© SZ/lib
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