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Synchronschwimmen:Vollbremsung vor Tokio

Marlene BOJER ( GER ) - Daniela REINHARDT ( GER ) - NATATION SYNCHRONISEE : 9eme Open de France - Paris - 06/03/2020 Fed; Synchronschwimmen

Letzter Auftritt: Daniela Reinhardt (links) und Marlene Bojer im März beim World-Series-Turnier in Paris.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Daniela Reinhardt verlässt ein Jahr vor den Spielen das Münchner Olympiaduett.

Von Sebastian Winter

Ihre Synchronschwimmkarriere, die so jäh endete, wird Daniela Reinhardt noch einige Zeit begleiten. Sie läuft viel, fährt Fahrrad, macht Fitness. Ihr Programm hat sie mit Experten besprochen, die sich darin auskennen, wie man Athleten langsam vom Leistungssport entwöhnt. Das muss sein, wenn man wie Reinhardt viele Jahre lang 20 oder 25 Stunden pro Woche Synchronschwimmerin war. Von 100 auf null, das macht der hochtrainierte Körper nicht so einfach mit.

Reinhardt, 25, Wahl-Münchnerin seit 2009 , war mit ihrer Duettpartnerin Marlene Bojer auf dem besten Weg, sich für die Olympischen Spiele in Tokio zu qualifizieren. Sie kennen sich seit vielen Jahren, seit 2016 bildeten sie das Olympiaduett der SG Stadtwerke München - das einzige, das der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) ins Rennen schickt. Sie verfeinerten, unterstützt durch Bundestrainerin Doris Ramadan und SG-Trainerin Barbara Liegl, ihre Kür, gewannen an Ausdruck in diesem anstrengenden Sport. Sie wurden mehrmals deutsche Meister, erarbeiteten sich auch international langsam die Anerkennung der Kampfrichter, bei der WM 2019 wurden sie 19. und 20. Es war ein steiniger Weg, zumal wegen der prekären Münchner Bädersituation. Doch ihr großes Ziel, sich bei der Olympia-Qualifikation Anfang März in Tokio durchzusetzen, war zum Greifen nah.

Bis Reinhardt irgendwann in diesem Sommer die Reißleine zog und ihre Karriere beendete. "Ich kann mir nicht vorstellen, den Fulltime-Job Leistungssport noch ein Jahr so durchzuziehen, wie es für Olympia sein müsste", ließ sich die 25-Jährige vom DSV zitieren. Erst vor einer Woche hat der Verband die Trennung öffentlich gemacht. Reinhardt, auch das wussten bislang nur wenige, hatte im vergangenen Jahr einen Bandscheibenvorfall, der sie immer noch beeinträchtigt. Sie litt unter anhaltenden Rückenschmerzen, was im Synchronschwimmen ein großes Hindernis ist. "Ich bin seither oft mit angezogener Handbremse geschwommen", sagt Reinhardt. Als Olympia dann auch noch wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr auf Sommer 2021 verschoben wurde, sei der Entschluss in ihr gereift, aufzuhören.

Nach einem Training mit Bojer und Ramadan bat Reinhardt schließlich um ein Gespräch. Sie las ihrer langjährigen Partnerin und der Bundestrainerin darin einen Brief vor, in dem sie ihre Beweggründe für den Rücktritt schilderte. "Sie waren schockiert", sagt Reinhardt. Ramadan bestätigt das: "Es schwingt eine gewisse Enttäuschung mit, das will ich gar nicht abstreiten. Für Marlene war es am härtesten." Für Bojer, die beste deutsche Synchronschwimmerin, brach eine Welt zusammen, immerhin hatte sie vier höchst intensive Jahre lang mit Reinhardt um ihre erste Olympia-Teilnahme gekämpft. Tokio ist wohl die letzte Chance für die 27-Jährige mehrmalige deutsche Meisterin im Solo, das bei Olympischen Spielen nicht angeboten wird. "Es hat schon etwas gedauert, das zu verarbeiten. Ich bin aber nicht der Typ, der andere für sich entscheiden lässt - deswegen gehen wir das jetzt trotzdem mit vollem Einsatz an", sagt sie.

Man muss dies als kleinen Seitenhieb auf Reinhardt verstehen. Sie und Bojer seien völlig unterschiedliche Typen, sagt Ramadan, "Marlene ist sehr ehrgeizig, spricht aber nicht so viel, Daniela hat eher ein sanftes Gemüt". Offenbar war die Chemie zwischen beiden in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr so gut. Reinhardt fühlte sich nicht wirklich ernst genommen mit ihrer Rückenverletzung und "unter Druck", Leistung zu bringen. Kontakt hatte sie nach eigenen Angaben seit ihrer Entscheidung zu beiden nicht mehr. Aber es habe von anderer Seite auch Verständnis und Genesungswünsche gegeben.

Der World-Series-Wettkampf in Paris im März bleibt somit der letzte gemeinsame Auftritt des Münchner Duetts. Bojer muss sich nun in Windeseile nach einer neuen Partnerin umschauen, um doch noch die Qualifikation für Tokio zu schaffen - ein unglaublich schwieriges Unterfangen, wenn man bedenkt, wie viele Jahre Reinhardt und Bojer an Ausdruck, Synchronität und Athletik feilten. Ausgerechnet eine 16-Jährige gilt nun als mögliche Kandidatin. Die Münchnerin Jazz Lausch war bislang Ersatzfrau des Duetts, seit fast einem Jahr ist sie Teil des Teams. Andere Optionen werden gerade noch geprüft. "Die Zeit ist knapp, die ganze Situation ist sehr surreal. Aber wir werden alles versuchen", sagt Bundestrainerin Ramadan.

Reinhardt trainiert inzwischen die Synchronschwimmerinnen ihres Jugendklubs SSG Reutlingen/Tübingen. Im November beginnt in Stuttgart ihr Studium der Ernährungswissenschaften. Es ist ein neuer Abschnitt, sie freut sich darauf. "Auch wenn es für mich total schwer ist zu akzeptieren, dass der Olympiazug abgefahren ist."

© SZ vom 02.10.2020

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