Süddeutsche Zeitung

Synchronschwimmen:Die Chance ihres Lebens

Münchens Synchronschwimmerin Marlene Bojer versucht nach einem schwierigen Jahr, sich mit ihrer neuen Berliner Partnerin Michelle Zimmer für die Olympischen Spiele in Tokio zu qualifizieren.

Von Sebastian Winter, München

Im Dezember waren sie zwei Wochen in Heidelberg, am Olympiastützpunkt, sieben oder acht Stunden Training am Tag, mindestens. Davor: Kienbaum. Leistungszentrum. Danach München, dasselbe Pensum. Eine kurze Weihnachtspause, schon geht es weiter in diesem Dreieck München, Kienbaum, Heidelberg. Bis Anfang März, wenn der große Tag kommt.

Beim Qualifikationswettkampf in Tokio wollen Marlene Bojer und Michelle Zimmer dann den Sprung zu den Olympischen Spielen schaffen, die ein paar Monate später an selber Stelle ausgetragen werden sollen. Die Darbietung muss sitzen, es ist ihre einzige Chance, erstmals an den Spielen teilzunehmen. Und ihre wohl letzte. Bojer, die Münchnerin, wird 28, Zimmer 24, beide sind bald mit dem Studium fertig und stehen am Anfang ihres Berufslebens.

Zeit, sich zu finden, haben sie kaum. Zwei Monate sind es noch bis zur Qualifikation, in einer Disziplin, in der es normalerweise Jahre dauert, um eine überzeugende Kür einzuüben. Landestrainerin Barbara Liegl sagt zugleich: "Das sind die besten Solo-Synchronschwimmerinnen in Deutschland. Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können." Und, ganz wichtig, sie verstehen sich, auch außerhalb des Beckens. "Zusammen Quatschfilme schauen, sich über Ernährung unterhalten, es passt einfach gut", findet Bojer, die kaum Fleisch isst; Zimmer ist Vegetarierin.

"Ich stand vor dem Nichts, weil sich ja alles um dieses Duett gedreht hat. Da fragt man sich dann: Was ist eigentlich dein Lebenskern?"

Noch vor wenigen Monaten war Bojer in ein mentales Loch gefallen. Im Spätsommer hatte ihr die bisherige Partnerin Daniela Reinhardt eröffnet, nicht mehr Teil des Duetts sein zu wollen. Wegen gesundheitlicher Probleme nach einem Bandscheibenvorfall. Wegen ihrer beruflichen Zukunft. Und auch, weil sie nicht mehr mit dem täglichen Leistungsdruck leben wollte. Der Rücktritt traf Bojer und auch Bundestrainerin Doris Ramadan völlig unvorbereitet, Reinhardt hatte ihnen nach einem Training einen Brief vorgelesen, in dem sie ihre Beweggründe schilderte.

Bojer war am Boden zerstört, sie verstand diesen Schritt nicht, ein paar Monate vor dem Ziel, nach Jahren gemeinsamer Arbeit. "Das war ein ziemlicher Downer, ich stand vor dem Nichts, weil sich ja alles um dieses Duett gedreht hat. Da fragt man sich dann: Was ist eigentlich dein Lebenskern?"

Doch dann fand Bojer kurzfristig eine Ersatzpartnerin, die sich inzwischen fast schon als Idealbesetzung für das Olympiaprojekt der SG Stadtwerke München entpuppt. Die Berlinerin Michelle Zimmer hatte eigentlich schon mit dem Spitzensport abgeschlossen und arbeitete als Werkstudentin an der TU Berlin, Fachgebiet Biotechnologie. Den Job hat sie gekündigt, dafür bekommt sie Unterstützung von der Sporthilfe. Seit Ende Oktober ist Zimmer nun stattdessen an Bojers Seite, die junge Münchnerin Jazz Lausch macht als Ersatzschwimmerin mit. "Vor allem in der Corona-Zeit, als ich viel zu Hause war, habe ich gemerkt, wie sehr mir das Synchronschwimmen fehlt. Mit dem Herzen war ich nie richtig weg", sagte Zimmer im November in einer Mitteilung des Deutschen Schwimm-Verbands.

Es ist eine Herkulesaufgabe - mit neuer musikalischer Untermalung und Unterwasserphasen von bis zu 20 Sekunden am Stück

Zimmer ist ähnlich erfahren wie Bojer, seit 2013 war sie Teil der Nationalmannschaft, sie startete unter anderem bei den European Games 2015 in Baku und bei der Weltmeisterschaft 2017 in Budapest. Außerdem war sie Ersatzschwimmerin des Münchner Olympiaduetts - wofür sie sich irgendwann aber nicht mehr motivieren konnte. Denn während Bojer und Reinhardt zusammen in München übten, trainierte Zimmer meist alleine bei ihrer Heimtrainerin Steffi Marx in Berlin. Die räumliche Distanz war ein Problem, 2018 beschloss Zimmer, dass ihr der Aufwand zu groß sei, um dann doch nur im Falle einer Verletzung der Arrivierten einspringen zu dürfen.

Reinhards Rücktritt war für Zimmer auch eine glückliche Fügung. Ein großer Vorteil ist nun, dass sie und Bojer sich schon seit 2013 aus dem Nationalteam kennen. "Das hat uns den Start definitiv erleichtert", sagt Zimmer.

Es ist trotzdem eine Herkulesaufgabe. Unter extremem Zeitdruck müssen sie nun Synchronität einstudieren - ohne Routinen zu haben. Bisher sind Bojer und Reinhardt zum Stück "Toxic" von Britney Spears geschwommen, aber mit Zimmer erfindet sich das Duett auch musikalisch neu. Statt "Toxic" heißt das Hauptthema nun "A big part of a big sun", ein Song der französischen Elektromusik-Künstlerin Delaurentis. Es ist ein anspruchsvolles, schnelles Stück. "An der Kraft, Routine und Kondition müssen wir noch sehr viel arbeiten", sagt Zimmer. Bei 50 Prozent Leistungsvermögen sehen sie sich derzeit, "nach der Hälfte der Kür lassen wir noch zu stark nach", findet Bojer.

Die Kondition ist eines der Schlüsselelemente dieses Sports, der ja oft auch als "400-Meter-Lauf ohne Atmen" bezeichnet wird. Die Schwimmerinnen leiden die meiste Zeit unter Atemnot, wenn sie ihre Figuren zeigen, mit Unterwasser-Phasen von bis zu 20 Sekunden am Stück. Die perfekte Gleichzeitigkeit herzustellen, oder hüfthoch aus dem Wasser zu schießen, obwohl man weder den Boden berühren noch sich von ihm abstoßen darf, ist enorm kraftraubend. Die so oft belächelte Nasenklammer verhindert, dass Wasser in die Nase läuft, besonders dann, wenn die Athletinnen Rollen machen oder bei der Beinakrobatik kopfüber im Becken schweben. Gelatine, die im Topf wie beim Kuchenbacken erhitzt und angerührt wird, lässt ihre Haare betonfest werden und damit nicht ins Gesicht fallen.

80 Wertungspunkte gelten nach wie vor als internationale Schallmauer, die übertroffen werden muss, um sich für Tokio zu qualifizieren. "Inzwischen geht es eher Richtung 82", sagt Bojer

Synchronschwimmen ist ein zutiefst komplexer Sport, der Ballett, Turnen, Schwimmen und Gymnastik mit Kraft, Kondition, Ausdauer und Musikalität verbindet, der extremes Rhythmusgefühl verlangt, hinzu kommt das Schminken, der Ausdruck, die Synchronität. Mit alldem gilt es, die Kampfrichter zu überzeugen. 80 Wertungspunkte gelten nach wie vor als internationale Schallmauer, die übertroffen werden muss, um sich für Tokio zu qualifizieren. "Inzwischen geht es eher Richtung 82", sagt Bojer. Mit Reinhardt hat sie das schon ein paar Mal geschafft, wie bei der Europameisterschaft 2018 in Glasgow, wo sie Zwölfte wurden. "Aber die Karten werden auch international neu gemischt", sagt Liegl, "es gibt einige Duette nicht mehr, andere haben sich wie unseres neu formiert."

Vieles sortiert sich also noch in dieser Zwischenwelt unter und über Wasser, und das ist die große Chance für Marlene Bojer und Michelle Zimmer. Sie können nun unter Volllast und mit größter Motivation auf ein Ziel hinarbeiten, das sie schon deutlich am Horizont sehen. Ohne olympischen Vierjahres-Zyklus, der oft auch zermürbend sein kann. Ob sie es schaffen? "Die Chancen sind eher gestiegen", sagt Liegl. Diesen Satz hätte Marlene Bojer vor drei Monaten noch für undenkbar gehalten.

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