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SV 1880 München:"Karate ist mein Leben"

Mit den Kader-Athleten des SV 1880 München ist für Michaela rein (vorne) das Training in der Halle trotz Corona möglich.

(Foto: Claus Schunk)

Michaela Rein ist eine der erfolgreichsten Kämpferinnen Deutschlands, sie war Europameisterin und achtmalige deutsche Meisterin. Aber am meisten gibt ihr das Training mit dem Nachwuchs.

Von Thomas Becker, München

Wer sich eine Weile mit Michaela Rein unterhält, muss achtgeben, dass er am Ende des Gesprächs nicht plötzlich Mitglied des SV 1880 München ist. Von Badminton über Fuß- und Handball bis zu Boxen und Turnen ist in dem 2200 Mitglieder starken Verein im Westend alles geboten, aber Frau Rein sorgt schon dafür, dass man in der einzig wahren Abteilung landet: beim Karate. 350 Mitglieder zählt diese Sparte, "vor ein paar Jahren hatten wir sogar mal mehr Mitglieder als die Fußballer", erzählt die 30-Jährige stolz. Dass dem so ist, daran hat die junge Frau mit dem ansteckenden Lachen einen beträchtlichen Anteil: Einerseits, weil sie seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten Wettkämpferinnen des Vereins gehört, andererseits, weil sie schon ihr halbes Leben lang als Nachwuchstrainerin wirkt. Auch von einer Pandemie lässt sich eine wie Rein in ihrer mitreißenden Begeisterung nicht aufhalten: Dann wird halt online trainiert, für sich selbst und auch für den Nachwuchs. Und das alles, obwohl sie einen Job hat, der viel Zeit raubt.

Trotz Lehrer-Job in Landshut gibt es keinen Tag ohne Karate - und das seit Jahren schon

Michaela Rein ist Lehrerin an der Fachoberschule - in Landshut. Zwei Stunden braucht sie von ihrem Zuhause in Pasing zur Arbeit, zwei Stunden zurück. Danach geht's zum "Achtzger", in die Turnhalle an der Tübinger Straße. Da Bundes- und Landeskader-Athleten trainieren dürfen und fünf Jugendliche aus dem Verein dieser Kategorie angehören, muss Rein nicht allein mit ihrem Coach trainieren. Das Bundeskader-Training kann derzeit nur online stattfinden, einmal pro Woche, "Technik und Kraft", erklärt sie, "schon anstrengend, aber natürlich kein Vergleich". Und dann ist da noch das Online-Training für die Mitglieder via Zoom, drei Mal pro Woche. Kein Tag ohne Karate, seit Jahren schon. "Karate ist mein Leben", sagt sie, "ich habe sonst keine Freizeit mehr. Aber: Es lohnt sich!"

Ohne Menschen wie Michaela Rein, die ihre Freizeit für den Sport und die Nachwuchsförderung opfern, könnten viele Vereine zusperren. Sie selbst kam mehr oder weniger selbstverständlich zum Karate: Vater und Mutter gingen zum "Achtzger", logisch dass sie und ihr Bruder auch einen dieser weißen Karate-Anzüge bekamen. Rein fing mit sieben an, ihr erster Coach war Mama Dorothea, in der Kindergruppe. Mit zwölf nahm sie Josef Kröll unter seine Fittiche, und über den Sepp, wie ihn jedermann nennt, sagt Rein: "Er hat sein ganzes Leben für Karate geopfert, steckt all sein Herzblut rein. Der macht alles für Karate, seit über 50 Jahren. Karate beim SV 1880: Das ist sein Lebenswerk." Kröll, Jahrgang 1949, war lange Mitglied der Nationalmannschaft sowie des Bayernkaders, kämpfte für Deutschland und Österreich, war deutscher Meister im Team und achtmal bayerischer Meister im Einzel und mit dem Team. Heute ist er Ehrenmitglied des SV 1880, Präsident des Deutschen-JKA-Karate-Bunds (DJKB), Abteilungsleiter und Cheftrainer, steht praktisch jeden Abend barfuß und im Karate-Anzug in der Halle.

So wie Michaela Rein hat Kröll viele geformt, doch wenige waren so erfolgreich: Im Team wurde sie WM-Dritte 2011, WM-Vierte 2014, Europameisterin 2013, Vize-Europameisterin 2017 sowie EM-Dritte 2017 im Einzel, achtmal deutsche Meisterin, darunter zweimal im Einzel. Seit 14 Jahren gehört sie der Nationalmannschaft an, allerdings in dem Verband, der nicht zum DOSB gehört, womit Olympia für sie ein unerfüllbarer Traum bleibt: "Das sind ganz andere Regeln, fast eine andere Sportart." Seit einem Jahr hat sie keinen Wettkampf mehr bestritten. Die WM im vergangenen Oktober: ausgefallen, die EM in diesem Jahr: schon abgesagt. "Alle sagen, ich soll nicht ans Aufhören denken, aber ein bisschen fühle ich mich schon meiner der besten Jahre beraubt."

Wenn ihre Schützlinge im Wettkampf gewinnen, ist es für die Trainerin Rein ein erhebendes Gefühl

Stattdessen gibt sie ihr Können weiter an die Jüngeren, und das schon seit sie 15 ist, erst als Assistentin der Mutter, bevor sie nach und nach mehr Gruppen übernahm: "Wirklich gefragt wurde ich nicht, das wurde halt einfach gemacht. Aber ich bin froh, dass ich diese Gelegenheit bekommen habe, denn das macht schon sehr viel Spaß." Disziplin sei im Kindertraining schon wichtig, "aber es gibt keinen Drill, so wie im Film. Wir haben Spaß, spielen, machen Koordinationsübungen. Ich habe durch das Karate-Training viel für mein sonstiges Leben gelernt: Ich arbeite Vollzeit und betreibe zugleich Leistungssport, habe also gelernt, mich zu organisieren, bei der Sache zu bleiben." Für den Übungsleiterschein war da erst vor fünf Jahren mal Zeit. Als Jugendleiterin ist sie nun für 120 Kinder verantwortlich, die Jüngsten sind sechs, Rein unterrichtet rund 20 Fortgeschrittene von acht Jahren an aufwärts sowie sechs jugendliche Wettkampfkinder im Alter von etwa 16 Jahren. Warum sie sich diesen Stress antut? "Als Lehrer oder Trainer kriegt man viel zurück. Es ist zwar anstrengend, aber wenn man den Erfolg sieht, wie die Kinder weiterkommen aufgrund dessen, was du ihnen gezeigt hast: Das ist erfüllend. Wenn Wettkampf ist und meine Kinder etwas gewinnen: Das ist wirklich so ein gutes Gefühl!"

Dreimal pro Woche übt die ehemalige Europameisterin mit den Vereinsmitgliedern via Zoom.

(Foto: Claus Schunk)

Es sind nicht nur Resultate, die ihr Bestätigung geben: "Allein die Kids aufwachsen zu sehen. Meine Wettkampfgruppe ist das beste Beispiel: Die trainiere ich, seit die acht sind. Beim Felix habe ich mal eine Karate-Geburtstagsfeier zum achten Geburtstag organisiert - jetzt ist der 16, ist dabei geblieben, mittlerweile selbst Assistenztrainer, wird erwachsen, und du begleitest ihn dabei." Drei ihrer Schützlinge sind im Bundesjugendkader, drei weitere im Landeskader: "Das macht mich total stolz. Da hat sich ein Gruppengefühl entwickelt, alle sind ins Erwachsenentraining gekommen. Die interessieren sich einfach und erzählen mir dann: 'Ich hab' gestern Abend auf Youtube Karate-Videos geschaut'. Dieses Arbeiten mit jungen Leuten macht einfach Spaß." Aber wenn ihr Versetzungsantrag bewilligt wird und sie noch mehr Zeit für Karate am "Achtzger" hat, dann ist ihr zuzutrauen, dass sie auch noch die Gruppe 50+ übernimmt, mittwochs von 17.40 bis 18.40 Uhr, Anfänger willkommen. Und das mit der Mitgliedschaft regeln die Michaela und der Sepp dann schon.

© SZ
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