Surfen Wellen der Begeisterung

Erst nach dem Abitur entdeckte Valeska Schneider das Surfen für sich. Trotzdem hat die Spätstarterin Chancen auf Olympia. Aber darum geht es ihr eigentlich gar nicht.

Von Felix Haselsteiner

Laute Hip-Hop-Musik dröhnt aus den Boxen, auf einem großen Videoscreen läuft Werbung für ein österreichisches Skigebiet, es riecht wie in einem Hallenbad nach Chlor. Unten, auf der großen, künstlich erzeugten Welle, surft eine Gruppe von Unternehmensberatern. Team-Building-Event heißt so etwas. Die meisten von ihnen stehen zum ersten Mal auf dem Brett, ein ums andere Mal wirft die Welle sie nach wenigen Sekunden ab, dann lassen sie sich ein Stück treiben, steigen aus dem Becken und stellen sich wieder hinten in der Reihe an. Die Szenen, die sich in der Jochen-Schweizer-Arena in Taufkirchen abspielen, erinnern eher an die Atmosphäre bei Schulausflügen ins Spaßbad. Mit der allgemeingültigen Vorstellung vom Surfen - tropische Sandstrände, an denen sich rauschende Meereswellen brechen - hat der industrielle Charme einer Actionsporthalle im ausklingenden Winter zwanzig Kilometer außerhalb von München wenig zu tun. Eigentlich gar nichts.

Valeska Schneider sieht die Halle in einem anderen Licht. "Für mich sind das hier optimale Trainingsbedingungen", sagt die 27-Jährige und räumt erst einmal mit einem Vorurteil auf: "Surfen ist keine reine Sommersportart. Im Gegenteil: Im Herbst zum Beispiel im Atlantik in Portugal zu surfen, heißt tagelang durchgefrorene Füße zu haben." Der kurze Neoprenanzug in der Halle sei daher eine angenehme Abwechslung, sagt sie. Außerdem könne man fernab des Ozeans verlässlich an jedem Tag der Woche trainieren: "Am Meer ist mal eine Woche lang Sturm, dann eine Woche Flaute."

Das Rauschen der Brandung und des Adrenalins im Körper: „Beim Surfen setzt einem nur die Natur Grenzen“, sagt Valeska Schneider, hier beim Training vor der Küste Senegals.

(Foto: privat)

Die Geschichte einer der besten deutschen Surferinnen beginnt jedoch nicht in Taufkirchen, sie beginnt noch nicht einmal am Starnberger See, wo Schneider aufgewachsen ist: "Mein Vater hat mich und meine Schwester als Kind mal zum Windsurfen mitgenommen, aber Kontakt zum Brett hatte ich damals nicht wirklich." Erst als Schneider nach dem Abitur nach Australien reiste und dort in einem Surfcamp arbeitete, wurde sie vom "Surf-Virus" infiziert: "Als ich ein paar Monate später zurückgekommen bin, wollte ich nur unbedingt wieder zum Surfen. Ich konnte an gar nichts anderes mehr denken. Hat man einmal eine gute Welle gehabt, will man die nächste. Am liebsten sofort."

Die wenigsten professionellen Surferinnen steigen erst nach dem Abitur ein. "Die meisten, die heute mit mir surfen, standen mit drei oder vier Jahren zum ersten Mal auf dem Brett", sagt Schneider. "Ich musste viel aufholen, also umso mehr trainieren. Damals haben mir viele Leute gesagt, ich sei ganz gut dafür, dass ich so spät angefangen habe." Aber ganz gut zu sein: "Das war nicht mein Anspruch." Nach ihrer Rückkehr aus Australien richtete Valeska Schneider ihr Leben am Surfsport aus: "Damals habe ich mir zum Beispiel ein Praktikum an der französischen Küste organisiert. Da konnte ich vor der Arbeit, in der Mittagspause und am Abend raus aufs Wasser."

Valeska Schneider, 27, aufgewachsen am Starnberger See, hat von 2015 bis 2017 drei Mal nacheinander die deutschen Hochschulmeisterschaften gewonnen.

(Foto: privat)

Nebenbei begann Schneider ein Studium und kam so zu den deutschen Hochschulmeisterschaften: "Mit der Zeit habe ich dann einen Ehrgeiz entwickelt, gezielt auch für diese Contests zu trainieren" - mit Erfolg: 2015, 2016 und 2017 gewann Schneider und gilt seitdem als eine der besten Surferinnen hierzulande. Auch wenn die deutsche Szene weiterhin sehr klein ist, hat sich in den vergangenen Jahren etwas verändert: 2016 entschied das IOC, dass Surfen 2020 in Tokio erstmals eine olympische Sportart wird. Für Schneider und die anderen deutschen Surferinnen ist Olympia ein großes Ziel, doch sie sagt: "Der Weg ist noch weit. Es gibt ja noch nicht einmal genaue Qualifikationskriterien." Ein Effekt der IOC-Entscheidung dürfte den heimischen Surferinnen zudem nicht gerade entgegenkommen: Immer mehr Konkurrentinnen mit deutscher Verwandtschaft, aber ohne Bezug zum Land nehmen seitdem die deutsche Staatsbürgerschaft an, um so den vermeintlich leichteren Weg zu Olympia zu finden. "Wir haben auf der anderen Seite viele heimische Mädels dabei, die sehr hart trainieren und sich Olympia verdient hätten. Aber der Verband muss natürlich nach Leistung sortieren, das verstehe ich", sagt Schneider. Und überhaupt: So reizvoll das Wettkampfsurfen auch sein mag: "Gewinnen hat niemals oberste Priorität." Auf dem Wasser zählen keine Meistertitel. Für Schneider geht es vielmehr um das Lebensgefühl beim Surfen, womit man dann doch wieder an einsamen Stränden bei brechenden Wellen landet: "Beim Surfen setzt einem nur die Natur die Grenzen. Es geht um das Flow-Gefühl, das man hat, wenn man auf einer Welle dahinfährt. Bei jedem Turn spürt man dann das Adrenalin im Körper." Daneben ist Surfen eine Leidenschaft, die man teilen kann: Wenn Schneider zu ihrem Lieblingsspot nach Portugal ("die beste Surfgegend in Europa") oder auf die Kanaren reist, ist sie nicht allein: "Die Menschen, die man beim Surfen trifft, verbindet die gemeinsame Suche nach der Perfektion. Man ist irgendwo auf der Welt, sitzt gemeinsam auf dem Brett im Wasser, unterhält sich und wartet auf die nächste perfekte Welle. Das ist das Schönste."

Nicht selten ist Schneider beim Warten im Wasser die einzige Frau. Neun von zehn Surfer seien Männer, die kraftvoller paddeln und sich dadurch häufig die besseren Wellen erarbeiten können. Ein Problem sieht Schneider darin nicht: "Man darf sich weder von den lokalen Surfern, die einem weismachen wollen, dass die besten Wellen ihnen gehören, noch von den vielen Jungs einschüchtern lassen", sagt sie. Auch der finanzielle Hintergrund lasse sich inzwischen regeln, gerade Olympia habe Sponsoren angelockt: "Im Moment bekomme ich genug Sponsoring, dass ich mich allein aufs Surfen konzentrieren kann. Das ist sehr befreiend."

Zurück in der Halle in Taufkirchen. Die Unternehmensberater-Gruppe hat sich verabschiedet, auch die Musik ist aus. Schneider ist ja nicht zum Team-Building hier, sondern zum Training. Rauf und runter surft sie die aufgestaute Welle, dazwischen dreht sie sich um 360 Grad um die eigene Achse - der "Threesixty" ist auch beim Surfen ein Klassiker. Ihr Plan für den Sommer? Viel Zeit in Portugal verbringen und möglichst viele Contests auf der Qualifikationstour der World-Surf-League, der internationalen Eliteklasse, fahren, um dann bald auf die ganz große Bühne zu kommen. Bis Olympia sind es schließlich nur noch 16 Monate. Doch darauf, diese Botschaft hinterlässt Valeska Schneider im Gespräch immer wieder, kommt es eigentlich nicht an. Wertungspunkte, Tricks und Contests sind nur Nebenwirkungen des Surf-Virus. In Wahrheit geht es allein um die Suche nach der perfekten Welle.