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SpVgg Unterhaching:Hand in Hand mit Einlaufprofis

Kurz vor dem Saisonstart in der dritten Liga gibt die SpVgg Unterhaching mit einem Inklusionsfest ein beeindruckendes soziales Statement ab.

Ein Wackler mit der Hüfte genügte, dann zog Albin Hofmayer seinen Sprint an, und keiner der Abwehrspieler der SpVgg Unterhaching vermochte ihn aufzuhalten. Im Gegenteil: Den ersten ließ er stehen, der zweite kam von der Seite angerauscht und grätschte ins Leere, der dritte rannte den vierten gar über den Haufen, und Hofmayer stand nun frei vor dem Torwart. Er schaute. Schaute lange. Und erzielte ziemlich ungestört den Ehrentreffer.

An diesem Samstag beginnt für den Drittligisten in Kaiserslautern (14 Uhr) der Ligaalltag, und spätestens mit der Entscheidung, an die Börse zu gehen, ist klar, dass Hachings Weg so rasch wie möglich nach oben führen sollte. Doch ob sie das, was sie da am vergangenen Sonntag im heimischen Sportpark zeigten, wirklich mit einem guten Gefühl in die Saison starten lässt? Und ob es wirklich ein gutes Zeichen war, dass Klubchef Manfred Schwabl dem Treiben am Sonntag mit feuchten Augen und einem Klos im Hals zusah? Auf beide Fragen dürfte die Antwort klar sein: Ja!

In professioneller Begleitung: Albin Hofmayer (vorne, mit Mittelfeldspieler Niclas Anspach) geht mit dem Team der Special Olympics aufs Feld.

(Foto: privat)

14:1 endete das Duell mit den "Stars des Münchner Amateurfußballs", einer extra für diesen Anlass per Voting zusammengestellten Auswahl. Aber darum ging es nur am Rande. Der Sonntag hatte nicht wirklich unter dem Motto "Haching fällt hin" gestanden, er hieß "Haching schaut hin" - unter diesem Slogan fasst der Verein sein soziales Engagement zusammen. Was er da vor einigen Tagen gemeinsam mit dem Bayerischen Fußball-Verband (BFV) im Sportpark auf die Beine gestellt hatte, hat es in dieser Form vielleicht noch nirgends gegeben. Einen Inklusionstag, der diesen Namen wirklich verdiente, weil er an einem Tag alles zusammenbrachte, was im Fußball möglich ist: Profis mit Amateuren und Spielern mit Handicap und Fans. An die 1500 Menschen, so schätzte Münchens BFV-Kreisvorsitzender Bernhard Slawinski, saßen auf den Rängen, weil die SpVgg Unterhaching auch gleich noch ihr Fanfest auf diesen Inklusionstag gelegt hatte.

Man muss etwas ausholen, um die Geschichte dieser Aktion zu erzählen. Am Anfang war da jener verheerende Brand vor etwa zweieinhalb Jahren, der große Teile des Vereinsgebäudes des FC Teutonia München samt Ausrüstung zerstörte. Eine Welle der Hilfsbereitschaft erfasste damals den Münchner Fußballkreis, auch die SpVgg Unterhaching brachte sich ein: Sie veranstaltete das Urduell mit einer Münchner Amateurfußball-Auswahl und spendete die Einnahmen. 2018 folgten eine zweite Auflage, zugunsten der Familie eines plötzlich verstorbenen Fußballers beim FC Kosova, und Schwabls Angebot, künftig den Sportpark für derartige Aktionen zu nutzen. Und dann gab es da noch die Inklusionsteams vom 1. SC Gröbenzell und vom FC Español München, die Stammgäste sind, wann immer Slawinski in München größere Veranstaltungen plant, und die Schwabl, nachdem er sie mal erlebt hatte, kurzerhand als Einlaufkinder zum Derby zwischen Haching und Sechzig einlud.

Schwabl ist sichtlich gerührt, Slawinski spricht vom schönsten Tag als BFV-Funktionär

Irgendwann hatten Schwabl und Slawinski die Idee, all das zusammenzubringen. Um das Benefizspiel drapierten sie Partien von vier Inklusionsmannschaften - auch das Team Bananenflanke und Special Olympics Bayern nahmen als Co-Veranstalter mit Mannschaften teil -, jede bekam einen prominenten Paten wie Benny Lauth oder Maximilian Nicu; sie spielten in diesem Stadion für bis zu 15 000 Menschen; und als sie einliefen, hatte jeder an der Hand einen Hachinger Spieler, der das tat, was sonst Einlaufkinder tun. Zuvor hatte der Verein einen Parcours aufgebaut, an dem sich nicht nur Kinder mit und ohne Handicap tummelten, sondern auch die Profis. "Die haben sich richtig eingebracht", lobte Slawinski, "sie waren den ganzen Tag präsent." Einnahmen und Spenden gingen diesmal an eine aus der Region kommende Familie, die nach Namibia gezogen war, wo der vierjährige Sohn Mirko beim Spielen aus dem Bett fiel und einen Hirninfarkt erlitt. Für die teure Therapie, die nur in Bayern möglich ist, kommt außer der Familie bislang niemand auf.

Die SpVgg Unterhaching hat Steve Kroll verpflichtet, bisher Stammtorhüter des Drittliga-Absteigers Sportfreunde Lotte. Der 22-Jährige (l., neben Trainer Claus Schromm) unterschrieb einen Einjahresvertrag.

(Foto: oh)

All das hatte kurzfristig organisiert werden müssen, denn wegen der unerwarteten Abstiegsgefahr der Hachinger war bis kurz vor Ende der vergangenen Saison gar nicht klar, ob der längst reservierte Termin überhaupt gehalten werden könnte - als Regionalligist hätte Haching nämlich schon am vergangenen Wochenende Ligaauftakt gehabt. "Es war eine Zitterpartie", sagte Slawinski. Dank des Ligaverbleibs aber konnten die Hachinger diesen Tag, der natürlich auch für ein Testspiel ideal gewesen wäre, in den Dienst der Inklusion stellen. "Hier hat sich die ganze Kraft und positive Energie gezeigt, die der Fußball haben kann", schwärmte Slawinski: "Überall nur lachende Gesichter." Dies sei sein schönster Tag als Funktionär gewesen, versicherte er - und vielleicht ja auch beispielgebend für andere Profivereine.

Bei der Spielvereinigung soll dieser Tag zur festen Einrichtung werden. Die Kinder, die an den Inklusionsspielen teilnahmen, sind samt Eltern bereits wieder zum nächsten Drittligaderby eingeladen. Der gerührte Schwabl kündigte an, dass künftig von jeder Eintrittskarte ein Euro an die Stiftung "Haching schaut hin" und an den Münchner Amateurfußball gehen soll.

Albin Hofmayer übrigens, Leichtathlet und Skifahrer, ist Athletensprecher der Special Olympics Bayern. Der 30-Jährige hat das Down-Syndrom. Es war Slawinskis spontane Idee, ihn kurz vor Schluss für die Amateure einzuwechseln, und natürlich taten die Profis dann alles, um ihm für den Ehrentreffer artistisch aus dem Weg zu hechten. Doch es ging einiges schief. Beim ersten Versuch wehrte Hachings Torwart Michael Gurski mit einem versehentlichen Reflex den Ball ab, woraufhin ihm Schwabl die Handschuhe wegnahm. Beim zweiten Mal lief Hofmayer am Tor vorbei. Den dritten Versuch vereitelte der Linienrichter - ebenfalls ein Reflex. Das vierte Solo passte. Erster Gratulant war Markus Schwabl, der zuvor so kunstvoll vorbeigegrätscht war. Und dann kamen alle zum Jubeln, zum Abklatschen und Drücken, Münchner Amateure und Hachinger Profis. Für Slawinski "der Gänsehautmoment".

Ja! Nach so einem Gegentor kann man tatsächlich mit einem prima Gefühl in eine Saison starten.