Sportschießen Aus dem Stand

Erich Schallmair, 42, reist als Ersatzmann mit Prittlbachs Luftgewehr-Schützen zum Bundesligafinale - und könnte im Halbfinale zum Einsatz kommen.

Von Julian Ignatowitsch, Hebertshausen

Ob er sich noch an seinen ersten Bundesliga-Wettkampf erinnern kann? Erich Schallmair überlegt kurz, dann sagt er: "Das war vor mehr als 20 Jahren - 1997." Eigentlich ein ganzes Sportlerleben. Nach zwei Jahrzehnten ist die Karriere für die meisten Athleten vorbei, beim Schießen gibt es hin und wieder eine Ausnahme. Der 42-jährige Schallmair ging im Gründungsjahr der Luftgewehr-Bundesliga für Germania Prittlbach an den Start - beim Finale in Paderborn an diesem Wochenende ist er wieder dabei. "Das ist schon etwas verrückt", sagt er.

Schallmair fährt zwar nur als Ersatzmann hinter den fünf Stammschützen mit, gewinnt Prittlbach allerdings das Viertelfinale gegen Gastgeber Hubertus Elsen am Samstag (14.15 Uhr), steht bereits fest, dass er im Halbfinale zum Einsatz kommen wird. Denn Nationalkaderathletin Isabella Straub, die derzeit beste deutsche Luftgewehr-Schützin, muss dann wegen eines externen Termins aussetzen und stände erst wieder im Finale zur Verfügung. "Ja, ich bin schon etwas nervös", gibt Schallmair zu. In den letzten Jahren hat er kaum mehr trainiert und nur noch für die zweite Germania-Mannschaft in der Oberbayernliga geschossen. "Im vergangenen Monat habe ich mein Pensum jetzt wieder auf drei Einheiten pro Woche angepasst und mit den Profis trainiert", erzählt er. Die Ergebnisse seien wieder besser geworden, trotzdem ist er in einem möglichen Duell nur Außenseiter.

Sportschützen-Veteran: Erich Schallmair.

(Foto: Toni Heigl)

Wenn Schallmair die Anfangsjahre der Bundesliga mit der heutigen Zeit vergleicht, lacht er kurz auf: "Alles ist viel professioneller geworden", meint er. "Wir haben damals sehr schlechte Ergebnisse geschossen." Der Modus Mann gegen Mann sei ganz neu gewesen, kaum ein Schütze sei über 380 Ringe hinausgekommen. Heute schießen fast alle mindestens 390 Ringe, eher 395, darunter gewinnt man kaum Duelle. Auch die makellose 400-Marke ist keine Ausnahme mehr, Straub erreichte das perfekte Schussbild zum wiederholten Male in dieser Saison. "Davon waren wir damals weit weg", sagt Schallmair.

Sein Ziel bei einem Einsatz jetzt sind "mindestens 392 Ringe". "Das hat er auf jeden Fall drauf", sagt Trainer Ralf Horneber, der Schallmair aber keinen Druck machen will. "Er soll einfach das Beste rausholen." Am letzten Wettkampfwochenende der Bundesliga verfehlte der Schützen-Oldie das Wunschergebnis zweimal (387 und 388 Ringe), in der Bayernliga lag er zuletzt aber darüber (394 und 395 Ringe). Im Finale sind die Bedingungen allerdings besonders schwierig: viele Zuschauer, ein enormer Lärmpegel, ein großer Stand. Selbst mancher Profi verliert hier die Nerven. "Da sind alle Augen auf einen gerichtet", schildert Schallmair, der den Mann-gegen-Mann-Modus zudem nach wie vor nicht besonders mag. "Ich schieße lieber für mich."

HSG mit Glück und Nerven ins Finale

Der Saisonverlauf bei den Pistolenschützen des ältesten Münchner Sportvereins, der HSG München, liest sich ein bisschen wie das Skript einer Daily Soap: Mit neuem Konzept und engagiertem Trainer gestartet, blieben die Erfolge anfangs aus. Die Mannschaft rebellierte, der Trainer setzte sich zu oft selbst als Schütze ein und wurde schließlich von seinem Vorgänger abgelöst. Am Ende hat man es mit fünf Siegen in Serie, alle übrigens so knapp wie möglich mit 3:2 Punkten, dann doch noch ins Finale geschafft. Nervenstark. Und mit Glück. Der Erfolgsgarant heißt Detlef Polter, der alte, neue Trainer; der Verlierer Arben Kucana, der engagiert Gescheiterte. Jetzt in der Endrunde ist die Mannschaft gegen Braunschweig (Samstag, 10.45 Uhr) wieder nur Außenseiter. Und wieder hat das Drehbuch eine besondere Dramatik vorgesehen: Denn mit dem Kampf zwischen den beiden ukrainischen Spitzenschützen und Freunden Olena Kostevych und Oleg Omelchug kommt es zum Duell der beiden besten Pistolenschützen der Liga. Und in Michael und Andreas Heise trifft außerdem das leistungsstärkste Zwillingspaar aufeinander, das vor einigen Jahren noch zusammen in München schoss. Vom Teamschnitt ist die HSG im Finale eigentlich chancenlos. Aber was sind Statistiken, wenn die guten Zeiten die schlechten abgelöst haben.

In seiner besten Zeit trat Schallmair Anfang der 2000er für die Nationalmannschaft an. Er war in der Fördergruppe der Bundeswehr, qualifizierte sich zweimal für die Europameisterschaft und erreichte dort sogar jeweils das Finale mit Platz sieben (2003) und acht (2004). Ein paar Jahre später entschied er sich dann aber dafür, das professionelle Schießen zugunsten seines Kaufmann-Berufs aufzugeben. "Vom Schießen kann ja keiner leben", sagt er. Heute arbeitet er bei einer großen Aluminiumfirma im Produktionsbereich, hat sechs Kinder und verbringt viel Zeit zu Hause mit der Familie.

Für seine Teamkollegen ist so ein geregeltes Leben weit entfernt. Die Nationalkaderschützen wie Isabella Straub oder Sebastian Franz jetten regelmäßig um die Welt, ihr Ziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Dafür versuchen sie Studium und Sport miteinander zu vereinbaren, Zeit für andere Dinge bleibt kaum. Das Bundesligafinale hat für sie in erster Linie Prestigewert. 14 Mal stand Prittlbach bislang in der Endrunde, Meister wurde der Verein aus dem Münchner Norden aber noch nie. Trainer Horneber hat diesmal "ein gutes Gefühl", sagt er. Ohne Straub ist das Team in einem möglichen Halbfinale aber ebenfalls nur Außenseiter.

Dann muss man auf Schallmair hoffen, es wäre sein 90. Bundesliga-Einsatz. Der älteste Teilnehmer in Paderborn ist er übrigens nicht. Denn Schießlegende Sonja Pfeilschifter, die elfmalige Weltmeisterin, geht mit 48 Jahren für Fürth an den Stand. Und ist ein möglicher Halbfinalgegner für Prittlbach.