Sportpsychologie Der knifflige Umgang mit Druck

Fußball-Profis, Judoka, Golfer, der Eishockey-Nachwuchs: Alle müssen im Kopf aufgeräumt sein. Viele bringen sich mit Sportpsychologen auf Spitzenniveau - manche wie die Profis des FC Bayern äußern sich lieber nicht.

Von Stefan Brunner

Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns dazu nicht öffentlich äußern", schreibt Dieter Nickles, Klubsprecher des FC Bayern München. Geheimniskrämerisch gibt er sich und soll doch nur sagen, ob die Bayern-Profis von einem Sportpsychologen betreut werden. 25 Personen umfasst das offizielle Betreuer-Team, nachzulesen auf der Homepage. Ärzte, Physiotherapeuten, Zeugwarte, Spielanalysten, Ernährungsberater und Fitnesstrainer. Es fehlt: der Sportpsychologe.

Ist die Heimlichtuerei Strategie? Ist der Sportpsychologe womöglich die Geheimwaffe, von der keiner wissen soll? Um den Gegner im entscheidenden Spiel mit überraschenden Mitteln niederzustrecken? Oder hat einfach nur das antiquierte Bild überdauert, dass jeder, der einen Psychologen braucht, ab Hals aufwärts nicht mehr recht funktioniert? Der Sportler als Weichling, gar auf der Psycho-Couch - kein gesellschaftsfähiges Image, darüber schweigt man dann lieber. "Natürlich gibt es klassische, maskuline Sportarten, in denen diese Zusammenarbeit nicht nach außen getragen wird", erklärt Oskar Handow, promovierter Sportpsychologe am Olympiastützpunkt Bayern. "Im Boxen zum Beispiel. Nach wie vor auch im Fußball."

"Man steht dem Gegner gegenüber, allein, körperlich auf gleichem Niveau. Also entscheidet der Kopf. Dort musst du stark sein."

Doch die Argumentation bröckelt. Im Judo etwa, schon qua Definition Kampfsport und männlich konnotiert, scheut man das Sensitiv-Training mit den Sinnen nämlich nicht. Sportpsychologin Heike Hoelzel geht ein und aus im Dojo des TSV Großhadern, nimmt mit den Judoka - ganz im Judo-Wortsinn - den sanften Weg über Gespräche, Gefühle und Gedanken. Eine ihrer Klientinnen ist Theresa Stoll, eines der großen Talente des Landes. Die 21-Jährige kämpft in der Klasse bis 57 Kilogramm und weiß genau, warum sie mentale Unterstützung sucht: "Man steht dem Gegner gegenüber, allein, körperlich auf gleichem Niveau", beschreibt sie die typische Wettkampfsituation. "Also entscheidet der Kopf. Dort musst du stark sein." Seit mehr als einem Jahr absolviert sie das mentale Krafttraining bei Hoelzel, lässt Handlungs- und Gedankenmuster aufdecken, Schwächen identifizieren, etwa ihre Ungeduld. "Ich warte nicht lang genug auf den Fehler meiner Gegnerin", sagt Stoll.

Auch Ralf Matusche, Großhaderns Stützpunkttrainer, hält große Stücke auf die Arbeit der Sportpsychologin. Früher, in seiner aktiven Zeit, sei er noch skeptisch gewesen. "Meine beste Therapie war, den Kampf zu gewinnen." Heute denkt der 54-Jährige anders und zählt die Erfolge von Theresa Stoll auf, U23-Europameisterin, deutsche Meisterin, im Februar holte sie den ersten Platz beim Grand Prix in Düsseldorf. "Sie hat massiv vom Mentaltraining profitiert."

Die Psychologie schiebt sich mittlerweile in vielen Sportarten in den Trainingsplan: im Skisport, bei den Leichtathleten, den Snowboardern, den Bobfahrern. Sehr offen seien die Golfer, weiß Sportpsychologe Thomas Ritthaler, der die Frauen des Deutschen Golf Verbands betreut. "Man hat ein Bewusstsein fürs Mentale." Das ist nötig, wenn man aus 100 Metern ein kleines Loch anvisiert - Zentimeter entscheiden über Frust und Freude.

Auf mentale Stärke zählen auch die Eisschnellläufer. Um sie hat sich Sportpsychologin Denise Beckmann gekümmert, Selbstmotivation trainiert und Widerstandskraft, die so genannte Resilienz, aufgebaut. Denn "beim Eisschnelllauf muss man beißen können, wenn es weh tut", erklärt Beckmann. Ganz anders die Schützen, um deren Bayernkader sie sich ebenso gekümmert hat. "Leistungsbestimmend ist hier die Konzentration."

Die verheißungsvolle Kunde vom psychologischen Trainingseffekt ist im Sport also inzwischen auch mit der nötigen Verbindlichkeit versehen. 2013 hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) das "trainingsbegleitende sportpsychologische Training am Olympiastützpunkt" für alle verpflichtend ins Konzept geschrieben. Die relevanten Themen sind: Diagnostik, Grundlagentraining, Fertigkeitstraining und Krisenintervention. "Alle Spitzenverbände verfügen aktuell über Sportpsychologie-Projekte", sagt Olav Spahl, Ressortleiter Leistungssport im DOSB.

Und Fußball, der Sport mit der höchsten Leistungsdichte? Natürlich hat auch er längst zum modernen Trainingsstandard aufgeschlossen. Vorbei sind die Zeiten, als Berti Vogts, gefragt nach sportpsychologischen Trainingsmaßnahmen, naserümpfend abwinkte. Damals, während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich, entsprach seine Haltung allerdings noch genereller Trainer-Denke. Lediglich in den USA wurde die psychische Schulung bereits ins Coaching einbezogen.

Es dauerte, bis auch der europäische Fußball dafür bereit war. Selbst 2008, als Trainer Jürgen Klinsmann zu den Bayern wechselte, irritierten seine Ideen noch. Bald schon stieß aber Philipp Laux, einer der bekannten deutschen Sportpsychologen, zum Team in der Säbener Straße. Sein Engagement reichte bis in die Van-Gaal-Phase hinein.

Auch im neuen Nachwuchsleistungszentrum des FCB, das von August an seinen Betrieb aufnehmen soll, setzt man auf den Gefühlsexperten. Sportpsychologin Beckmann hat das Mentalkonzept entworfen. "Mittelfristig ist sogar ein Büro für den Sportpsychologen geplant." Alles ganz im Sinne des DFB, der die Sportpsychologie inzwischen zur Auflage im Nachwuchstraining gemacht hat.

So liegen die Junglöwen des TSV 1860 München ganz im Trend. Seit 2013 arbeitet Sportpsychologe Michael Kuhn für den Traditionsklub. Jeden Dienstag- und Donnerstagnachmittag ist er auf dem Trainingsgelände, hat Sprechstunde - in einem Büro, das er sich mit einem Arzt und einem Physiotherapeuten teilt. Dort kümmert er sich auch um die angekratzten Seelen der Langzeitverletzten.

Kuhn will wissen, wie die Sportler mit Stress und Emotionen umgehen, ganz genau fragt er nach, um seine Klienten zu verstehen, um auch Zusammenhänge im Befinden aufzudecken, die nicht gleich offensichtlich sind. Ziel ist es, die Leistung zu stabilisieren und zu verbessern, Leistung auch unter Druck abrufen zu können, neue Spieler sozial verträglich und motivationssteigernd zu integrieren. "Sie sollen lernen, eigenverantwortlich zu handeln. Anders als in der Schule, wo der Lehrer alles vorgibt", sagt Kuhn.

Wichtig ist auch das so genannte Umfeldmanagement. "Junge Menschen, die in die Schule gehen, dann essen müssen und anschließend eine Stunde zum Training fahren - die brauchen Organisation, Struktur, um Qualität im Training zu liefern", findet Kuhn. Und die erwachsenen Sportler, die Löwen-Profis? Sie haben keinen Sportpsychologen, auch jetzt in der entscheidenden Relegationsphase nicht. Dafür wäre es ohnehin reichlich spät. "Sportpsychologie braucht, egal welcher Wettbewerb, Zeit, muss sich entwickeln", sagt Kuhn. Seit 15 Jahren ist er im Dienst der Psyche unterwegs. Curling gehört zu seinem Repertoire, Handball, Basketball, alles in München. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London hat er die Hockey-Nationalmannschaft der Männer betreut, in München viele Jahre den MSC, Hockey-Bundesliga.

Und im ruppigeren Pendant auf Eis: Seelenpflege als Trainingsinhalt? Vor ein paar Wochen lud der Deutsche Eishockey-Bund zumindest zum Gespräch über sportpsychologische Maßnahmen. Zaghafte Öffnung also im Profilager, ambitioniertes Handeln indes, einmal mehr, in der Nachwuchsabteilung. In der Red Bull Akademie in Salzburg, aus der jede Saison im Schnitt drei bis vier ausgebildete Athleten zum EHC nach München gelotst werden sollen, arbeiten zwei Sportpsychologen. Festangestellt. Über eine dritte Stelle wird nachgedacht.

Helmut de Raaf, der frühere Co-Trainer des EHC, heute als Director of Development Nachwuchsleiter der Akademie, kennt die besondere Situation der jungen Athleten. "Die wichtigsten Themen sind Stressverarbeitung, die Bereitschaft, an Grenzen zu gehen, und der Druck, der von Eltern und Beratern aufgebaut wird." Mehr als die Hälfte der 150 Eishockey-Talente seien im Internat und in betreuten Wohneinheiten in Salzburg-Liefering untergebracht. "Da spielt auch Heimweh eine Rolle." Ein weiteres Thema fürs Coaching.

Sportpsychologin Rita Regös relativiert die Arbeit ihrer Zunft: "Ich mache aus schlechten Athleten keine guten, aber aus guten bessere."

Die Handlungsfelder der Sportpsychologie sind lang bekannt, der Effekt ist wissenschaftlich belegt. Jürgen Beckmann, Professor und Lehrstuhlinhaber Sportpsychologie an der TU München, stellt das in vielen Büchern und Fachartikeln dar. Stärker noch sind die Belege der Athleten. "Mir haben die Tipps wahnsinnig geholfen", sagt Michael Niedermeier, zweimaliger Kunstradweltmeister aus Bruckmühl. Oder Theresa Stoll: "Durch Atemtechniken konnte ich besser mit der Nervosität umgehen."

Rita Regös, Sportpsychologin am OSP Bayern, relativiert die Arbeit ihrer Zunft: "Ich mache aus schlechten Athleten keine guten, aber ich mache aus guten bessere." Eine Verbesserung, die viel Geld kostet, der DOSB greift in die Tasche: 500 000 Euro bekommen die Spitzenverbände, 400 000 Euro die Olympiastützpunkte - davon 30 000 Euro der OSP Bayern. Doch das Budget ist schnell aufgebraucht. Auch deshalb geht man oftmals dazu über, nicht jeden einzelnen Athleten, sondern ihre Trainer zu betreuen, die Multiplikatoren also. Das spart Zeit und damit auch Geld.

Coach the Coach heißt die Maßnahme - angewandt etwa bei den Skispringern wie auch im erfolgreichen Nachwuchsleistungszentrum der SpVgg Unterhaching. Denise Beckmann macht dort Videoanalysen und bannt das Kommunikationsverhalten aufs Bild. Sie trainiert die Trainer, auch den Chefcoach Claus Schromm. Er, frei von Allüren, wollte ein Exempel statuieren. Wenn er sich auf das Mentaltraining einlasse, so seine Überzeugung, dann würden bestimmt auch die anderen rund 15 Trainer darauf vertrauen. Ein Psychotrick, er hat es verstanden.

Denn ganz am Ende liegt es im Kalkül des Entscheiders, eben des jeweiligen Cheftrainers. Es gibt Trainer, die Angst haben und sich in ihrer Kompetenz beschnitten fühlen. Andere, wie Hachings Claus Schromm, sind offen. "Unter Trainer Marco Kurz hatten wir sogar einen fest angestellten Sportpsychologen", erinnert sich Joachim Mentel aus der 1860-München-Redaktion. Vítor Pereira, der aktuelle Trainer, kümmert sich lieber selbst ums Seelenwohl seines Teams. Und beim FC Bayern? Auch dort wird man, wie früher schon, und wie auch in Leipzig, Dortmund und Hoffenheim, nicht auf sportpsychologisches Knowhow verzichten. Nur will man es halt nicht verraten.