Sportpolitik "Schachteldenken ist passé"

Zum Abschied des Münchner Sportamtsleiters Günter Schwarz: Ein Gespräch über Sport auf Flachdächern, unsichtbare Eishallen, Tribünenheime und andere Wollmilchsäue.

Protokoll:  Sebastian Winter

Günter Schwarz, 64.

(Foto: Michael Nagy)

Der Münchner Sportamtsleiter Günter Schwarz (Porträt unten) ist eine der entscheidenden Figuren, wenn es um die Frage geht, wann, wie und wo sich erwiesenermaßen rund eine Million Münchner Bürger bewegen, spielen, joggen, oder wann was wo gebaut wird. Von Actionsport bis Zumba, von SAP-Arena bis Audi Dome, Schwarz weiß über (fast) alles Bescheid. Am Ende seiner beinahe 50-jährigen Laufbahn bei der Stadt hat er die SZ auf einen Streifzug mitgenommen: über Rasen und Asche, zu Arenen und Löwen, in die Vergangenheit und Zukunft.

Familienrettung

"Der wichtigste Haken, auch wenn er sperrig klingt: Wir haben gerade 21 Sportvorbehaltsflächen gesichert. Also Flächen, die nur für Sportbauten reserviert sind. Das ist deshalb so wichtig, weil uns die Flächen ausgehen in München. Der zweite Haken: Wir hatten für die Bezirkssportanlagen lange die Sechs-Tage-Woche und im Sommer die 54-Stunden-Woche für den Platzwart. Das muss man sich mal vorstellen! Die hatten nur montags frei und waren jedes Wochenende im Einsatz. Viele haben mir gesagt, ihre Ehen und Familien gehen kaputt. Jetzt sind wir bei einer Fünf-Tage-Woche mit 39 Stunden und Zwei-Schicht-Betrieb. Mit verlängerten Öffnungszeiten. Der dritte Haken: die Schwimmoffensive. In den letzten drei Wochen der Sommerferien hatten wir 27 Schwimmbäder geöffnet, 39 Schulen, 140 Klassen, 2800 Schüler im Wasser. Zusammen mit der DLRG und der Wasserwacht haben wir über 800 Abzeichen geschafft. Da bin ich stolz drauf."

Fehler der Vergangenheit

"In den 50ern, 60ern, 70ern hat München von der Substanz gelebt, nur wenig saniert, da ist alles vor sich hingebröckelt. Da hat man eher überlegt, wie man die Bezirkssportanlagen an die Vereine abgeben kann, damit die Stadt sie nicht mehr betreiben muss. Es gab noch vor zehn, 15 Jahren auch in der Stadtspitze die Ansage: Ihr müsst jetzt soundsoviel hunderttausend Euro im Jahr sparen, welche Anlage macht ihr zu? Das Grünwalder Stadion sollte in ein Einkaufszentrum umgebaut werden, anstelle des Landesleistungszentrums für Rudern und Kanu wollten manche Stadträte den ,Trog' zuschütten und stattdessen lieber eine Driving Range. Eine Schande wäre es gewesen. Der Audi Dome sollte plattgemacht werden, weil man das Geld für den Brandschutz nicht in die Hand nehmen wollte. Jetzt ist er hierzulande eine der besten Basketballhallen. Für solche Dinge ist das Bewusstsein erst wieder entstanden in letzter Zeit, nach dem Motto: Lasst uns diese Juwele sichern!"

Déjà-vu im Grünwalder Stadion

Wo vor Jahren noch ein Einkaufszentrum geplant war, wird wieder Fußball gespielt – das Grünwalder Stadion stößt an seine Kapazitätsgrenzen.

(Foto: Claus Schunk)

"Seit 1994 betreue ich dieses Dauerthema. Inzwischen haben wir ein drittligataugliches Stadion für die Münchner Fußballer ausgebaut. Ziel war, Sechzig II, Bayern II und die Bayern-Frauen dort unterzubringen. Und plötzlich hatten wir die erste Mannschaft von 1860 München drin. Obwohl wir vor einigen Jahren kurz vor dem Abriss waren. Und jetzt will auch Türkgücü hinein, wenn sie in die Regionalliga aufsteigen. Da kommen wir an die Kapazitätsgrenze. Die einen Anwohner sagen, super, wieder was los in Giesing, die Kneipen sind voll, die anderen sagen, ich habe die Wildpinkler vor dem Gartenzaun, so geht's nimmer. Dann hast du wie kürzlich beim Spiel gegen Halle Randale in der U-Bahn. Das ist der Spagat, der uns zu schaffen macht. Und nun wollen die Sechziger am liebsten statt 15 000 ein Stadion zwischen 25 000 und 30 000 Zuschauerplätzen. Und VIP-Räume. Wir wissen ganz genau, was wirklich geht an Zuschauern im Stadion, um den Bestandschutz nicht zu gefährden. Voraussichtlich im Januar gibt es den Stadtratsbeschluss. Aber eins ist klar: Es geht nicht mehr viel. Für 20 000 Zuschauer brauchst du 2000 Stellplätze. Wo kriegst du die in Giesing her? Die Quadratur des Kreises. Und eine Lösung habe ich nicht."

Schmuckstück SAP-Arena

Die SAP-Arena (der Siegerentwurf im Architektenwettbewerb) soll bald den Olympiapark bereichern.

(Foto: Red Bull/oh)

"Die beiden Architektenvorschläge sind nun bekannt, Bauherr Red Bull sagt jetzt A oder B, dann geht es los, Mitte 2019. Wir haben das Raum- und Funktionsprogramm entwickelt, gesagt, wie viele Eisstunden wir für Vereins-, Breiten- und Schulsport brauchen. Wir kaufen über 7200 Eisstunden pro Jahr ein! Es gibt eine Spielfläche für die Profis und drei Trainingsflächen, schön eingebettet ins Gesamtensemble, die werden von außen gar nicht so sehr sichtbar sein - eine tolle städtebauliche Geschichte. Die Halle ist ein großer Schritt nach vorne und dem Olympiapark würdig. Das Lichtkonzept wird fantastisch. Und die Umbauzeit von Basketball- zu Eishockeyspielen ist marginal. Deckel drauf, Deckel runter. Mit Schubsystem und mobilen Elementen wird das Eis abgedeckt. Red Bull wird uns noch überraschen."

Eier legende Wollmilchsäue

"Für die Vereine ist es komplizierter geworden. Ein ehrenamtlicher Vorstand soll bei einer Baumaßnahme Fachplaner sein, Architekt, er soll die Datenschutzgrundverordnung beherrschen, Personal führen,interkulturell ausgebildet sein: Das ist die Eier legende Wollmilchsau. Aus meiner Sicht geht es in München nur dann, wenn sich größere Einheiten bilden, wenn die Vereine fusionieren. Mit dem Fachanwalt im Vorstand, dem EDV-Spezialisten. Der 4000 Mitglieder starke Verein mit hauptamtlichem Geschäftsführer, Kindersportschule und Angebot von früh bis spät für alle Altersgruppen ist die Zukunft. Der Einsparten-Verein mit 100 Mitgliedern gehört aus meiner Sicht der Vergangenheit an."

Die mittelgroße Halle

"Was der Olympiapark gut vertragen könnte, wäre eine Halle mit 4000 bis 6000 Zuschauern. Wir brauchen auch noch eine 1500-Zuschauer-Halle. Die könnte beim Hockeyklub Münchner SC gebaut werden. Seine alte, marode Halle müsste weg, dann könnte man dort Tischtennis, Hockey und anderes unterbringen. Es gibt konkrete Pläne vom Tischtennisverband. Der Volleyball müsste in die 4000er-Halle rein. Die Herrschinger warten ja nur, dass sie Münchner Verein werden und Spitzenvolleyball anbieten. Die wandern ja durch den Landkreis Starnberg und jeder sagt ihnen, was alles nicht geht. Das Potenzial für Spitzenvolleyball in München ist da. Du brauchst ein Jahr, um das hochzuziehen."

Olympiaregatta-Strecke

Auch die Olympia- Regattastrecke soll wieder mit mehr Leben gefüllt werden

(Foto: Claus Schunk)

"Wir sind in der Abstimmung mit dem Baureferat und werden im Frühjahr 2019 den Vereinen und Nutzern unsere Planungen vorstellen. Uns schwebt eine Kombi-Nutzung mit einem starken Sportschullandheim mit über 100 Plätzen vor. Integriert in die Tribüne. Dort sollen auch Funktions- und Aufenthaltsräume rein, Wettkampfbüros, das Pressezentrum. Es wird sich viel unter dem Tribünendach abspielen. Eine Doppelhalle mit Kraftraum ist geplant, das Schwimmbad ist noch in der Schwebe. Und in Sachen Leistungssport bei Rudern und Kanu hoffe ich sehr, dass die European Championships 2022 nach München kommen. Wenn sie kämen, würde auch die Sanierung der Regattastrecke Fahrt aufnehmen, weil wir mit Bund und Land kooperieren könnten. Einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag wird das aber kosten."

Asche zu Asche

"Wir legen Kunstrasen auf unsere Sportplätze, wo es nur geht. Asche zu Asche, die roten Plätze müssen weg. Pflegeleichter, im Winter bespielbarer Kunstrasen ist die Zukunft. Er ist jetzt in der vierten Generation, Granulat, sandverfüllt, ganz was Feines. Wenn einer bei der ersten Generation hingefallen ist, hat er sich alles aufgeschürft, war mit Pusteln übersät. Und jetzt? Kürzlich hat mal ein kleiner Steppke bei der Einweihung eines Kunstrasen-Platzes auf die Frage der Sport-Bürgermeisterin geantwortet, wie der Rasen denn sei: "Der ist Scheiße." Die Bürgermeisterin: Warum? Der Steppke: "Ich bin Torwart. Und wenn ich mich da schmeiße, möchte ich gar nicht mehr aufstehen, so schön weich ist der."

Länger, höher, tiefer

"Wir verwalten immer noch einen Mangel. Es kann auch nicht mehr sein, dass hier eine Schule steht, dort ein Kindergarten und da ein Sportplatz. Das Schachteldenken ist passé. Eine reine Schulsportanlage? Eine reine Schulturnhalle? Ein reines Schulschwimmbad? Warum? Die sind für jeden da. Es kann auch nicht sein, dass eine Halle um 20 Uhr zugesperrt wird, weil der Hausmeister sagt, wenn da Basketball gespielt wird, knallt der Ball an die Wand seiner Wohnung nebenan und stört seine kleinen Kinder beim Schlafen. Haben wir alles schon gehabt. Wir brauchen eine durchgehende Öffnung, von acht bis 23 Uhr, an Wochenenden, in den Ferien. Und wir müssen in die Höhe und Tiefe denken. Volleyball- oder Basketballplätze auf Flachdächern: Warum nicht? 50-Meter-Schwimmbecken im Kellergeschoss mit toller Beleuchtung? Gibt es alles. Wir müssen nur umdenken."