Sportpolitik "Männer halten an ihren Posten fest"

Fest in Frauenhand: Marion Schöne – hier mit Olympia ’72-Maskottchen Waldi – ist Geschäftsführerin der Olympiapark München GmbH und wünscht sich mehr Frauen in ähnlichen Positionen.

(Foto: Robert Haas)

Olympiapark-Chefin Marion Schöne erklärt im Interview mit der SZ, warum eine Frauenquote in Vereinen dem Sport guttun würde.

Interview von Ralf Tögel

Man muss nicht erst den Fußball bemühen, um auf das Problem aufmerksam zu machen: Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen ein Europameistertitel mit einem Kaffeeservice belohnt wurde, die Gleichberechtigung der Frauen hinkt im Sport dennoch hinterher. Besonders düster sieht es auf Funktionärsebene aus, davon kann Marion Schöne ein Lied singen. Als Geschäftsführerin der Olympiapark München GmbH (OMG) hat sie viel mit Verbänden, Vereinen und Gremien zu tun, was meist Umgang mit männlichen Kollegen bedeutet. Deshalb wird Schöne nicht müde, ein Umdenken zu fordern.

SZ: Frau Schöne, kürzlich haben Sie eine Frauenquote in Münchner Vereinsgremien gefordert. Wieso gerade jetzt?

Marion Schöne: Wir hatten eine große Debatte im Sportbeirat der Stadt, dort ist Michaela Regele bei 21 stimmberechtigten Mitgliedern als Vorsitzende der Münchner Sportjugend die einzige Frau, die seitens der Vereine entsandt wurde. Das finde ich ein bisschen wenig.

Sie sitzen doch auch im Beirat?

Ja, aber nur kraft meines Amtes. Ich wurde nicht entsandt.

Das soll nun durch eine Quote geändert werden?

Den Frauenanteil zu erhöhen, wird nicht so schnell gehen. Denn die Besetzung des Sportbeirates, bei dem die Vereine ein Vorschlagsrecht haben, war erst im Januar 2018, und die Personen sind vom Stadtrat für fünf Jahre berufen worden. Also wird sich erst einmal wenig tun. Wir haben aber für die Zukunft eine Quote von 30 Prozent Frauenanteil verabschiedet, und der Stadtrat hat im November grundsätzlich die Einführung einer Frauenquote bei städtischen Gremien beschlossen.

Kürzlich haben Sie Ihre Forderung bei einer Frühstücksrunde erneuert.

Der Bayerische Landessportverband (BLSV) hatte alle Frauen aus den Sportvereinen zu einem Frühstück eingeladen, die Geschäftsführungspositionen oder auch Vorstandsposten bei Vereinen bekleiden, und mich gebeten, ein Impulsreferat zu halten. Wir haben das Thema dann in dieser Runde diskutiert und es war Ziel, die Frauen zu motivieren, sich auch aktiv zur Wahl zu stellen und sich für wichtige Positionen zu bewerben.

Bei den Klubs wäre eine Quote von 30 Prozent doch auch eine schöne Sache?

Das ist zumindest jetzt mal das Ziel im Sportbeirat. Es ist aber grundsätzlich so, dass Frauen als Funktionsträgerinnen im Sport sehr, sehr schlecht vertreten sind.

Beim Deutschen Olympischen Sportbund hat sich immerhin etwas getan.

Da ist Veronika Rücker jetzt ganz oben an der Spitze. Der DOSB hat übrigens schon 2014 die 30-Prozent-Quote eingeführt bei allen Gremien. Das finde ich sehr gut.

Warum glauben Sie, ist es denn so schwer für Frauen?

An der Basis, also bei den Sporttreibenden im Breiten- wie im Spitzensport, kommt man im Schnitt auf eine Quote von 50:50. Aber wenn es um Ämter geht, wird der Frauenanteil immer geringer. Es ist tatsächlich eine jahrzehntelange Tradition, dass Funktionsträger im Sport in der Regel männlich sind. Für Frauen ist es daher nicht leicht, in diese Männerdomäne vorzudringen.

Eine Debatte, die ja auch auf anderen Feldern geführt wird.

Richtig. Nehmen wir ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann: Die musste nach der WM ja einen derartigen Shitstorm über sich ergehen lassen. Das zeigt doch leider auch die Einstellung vieler Zuschauer vor dem Bildschirm. Oder Bibiana Steinhaus als Schiedsrichterin in der Bundesliga: Was musste die sich am Anfang anhören. Im Fußball wird Frauen ja grundsätzlich die Kompetenz abgesprochen.

Glauben Sie, das hat auch mit Besitzstandswahrung zu tun?

Auf alle Fälle. Wer gibt schon gerne seine Position auf. Männer halten an ihren Posten fest und die Frauen übernehmen dann oft die Aufgaben, die keiner gerne macht.

Was meinen Sie?

Ich erzähle Ihnen mal ein Beispiel aus dem Verband der Stadionbetreiber - übrigens bin ich auch in diesem Kreis eine von zwei Frauen, und das ist ein größerer Kreis mit mehr als 40 Mitgliedern. Da sich der Verband hauptsächlich mit den Fußballstadien befasst, sind die Männer in der Mehrheit. Und was, glauben Sie, macht die einzige Frau? Die führt das Protokoll! Frauen bekommen Aufgaben, die mit Arbeit verbunden sind und nehmen diese Aufgaben auf sich. Repräsentative Aufgaben obliegen den Männern.

Weil Männer besser repräsentieren können?

Das war hoffentlich nicht ernst gemeint.

Nein.

Wenn man ein Amt gerne übernommen hat, dann ist sicher auch immer etwas Angst dabei, dass jemand kommen könnte, der es genauso gut oder sogar besser macht. Am Ende noch eine junge Frau, die genauso kompetent ist. Wir Frauen sind ja auch sehr kommunikativ und eloquent und können auf eine ganz andere Art auftreten.

Die Stadt München ist dann ja geradezu vorbildlich, drei Frauen in den obersten Positionen: Sportbürgermeisterin Christine Strobl, Beatrix Zurek leitet das Referat für Bildung und Sport, und Sie sind Olympiapark-Chefin.

Richtig, wir sind das Dreiergespann im Münchner Sport.

Ein Modell auch für Vereine?

Das wäre schön.

Glauben Sie daran?

Ja, bei den jüngeren Männer sehe ich schon ein Umdenken, und auch die Frauen werden immer aktiver.

Dominiert werden die Gremien aber nach wie vor von älteren Semestern.

Ja, das ist nach wie vor der Fall. Allerdings werden auch ältere Herren in leitenden Positionen nachdenklich, wenn deren Töchter ins Berufsleben einsteigen und sie mitbekommen, dass es für eine Frau nicht so einfach ist, Karriere zu machen, wie es für sie war. Dann stellen sie sich vielleicht die Frage, warum die Tochter, die top ausgebildet ist und einen guten Job macht, an bestimmte Stellen nicht rankommt. Ich glaube, dass langsam ein Umdenken eintritt.

Also Quote und basta?

So einfach geht das nicht, das muss ja auch von den Männern mitgetragen werden. Die Quote ist wichtig, man braucht sie, weil sonst die Frauen in einigen Bereichen wenig bis gar keine Chancen haben. Aber es macht keinen Sinn, gegeneinander zu arbeiten, sondern wie auch sonst im Berufsleben geht es am besten miteinander. Letztendlich geht es ja auch immer um die Vielfalt. Frauen bringen auch mal einen anderen Blickwinkel mit.

Mit weiblicher Intuition also?

Es gibt zum Beispiel Untersuchungen, die beweisen, dass Unternehmen, die Frauen im Vorstand und in leitenden Positionen haben, tatsächlich besser abschneiden als andere. Wichtig ist wie gesagt das Miteinander, dass man auch bereit ist, gegenseitig voneinander zu lernen.

Das geht nur mit Quote?

Leider. Ich bin der Meinung, dass es ohne einen gewissen Druck nicht geht. Das hat man in Wirtschaft oder Politik gesehen.

Kann man es so auf den Punkt bringen: Das Problem sind alte Männer, die von ihrem Affenfelsen herab alles bestimmen wollen?

Das haben Sie gesagt, so etwas werden Sie von mir nicht hören. Ich kann nur sagen, dass ich immer noch in einigen Bereichen wie im Sport Vorbehalte gegenüber Frauen spüre.

Sie können das sicher mit einem Beispiel belegen.

Nehmen wir den Handball. Wir hatten ja das Länderspiel-Doppel in der Olympiahalle. Zu den Frauen kamen zur ungünstigeren Uhrzeit 7000 Zuschauer, zu den Männern am Abend 9000. Das war eine tolle Kulisse, vor allem für die Frauen, die ein glänzendes Spiel abgeliefert haben. Vorher gab es leider bei einigen Männern Bedenken, dass der Frauenhandball vor einer schlecht gefüllten Halle stattfinden würde, da Frauenhandball doch angeblich nicht so attraktiv sei wie Männerhandball.

Ein deutsches Problem?

Konkret beim Handball hat mir der Frauen-Bundestrainer Henk Groener, der Niederländer ist, versichert, dass es mit der Anerkennung in Holland ganz anders ist.

Die Frauen sind aber auch deutlich erfolgreicher. Holland ist bei den Männern nicht gerade als Handballnation bekannt.

Sehen Sie, ein typischer Männer-Satz. Aber es passiert ja immerhin etwas, der DHB macht diese Doppelspieltage und gibt den Frauen die Chance auf eine große Kulisse. Und viele Männer mussten zugeben, dass Frauenhandball auf hohem Niveau gespielt wird.