Sport im Stresstest:Mentaler Lockdown

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Joggerin im Englischen Garten während der Corona-Krise, 2020

„Man fängt wieder von vorne an“: Alleine laufen im Englischen Garten geht in diesem November immerhin noch. Die Zumbagruppen und Freizeitkicker müssen aber auf Dezember oder das nächste Jahr warten.

(Foto: Robert Haas)

Spielverlegungen, verschobene Saisonstarts, Quarantäne: Die Pandemie-Beschränkungen sind gerade für Spitzensportler eine Zumutung. Mediziner und Profis sagen, was helfen kann.

Von Sebastian Winter

Wer in den letzten Monaten aufgrund der Corona-Pandemie schon einmal in einer zweiwöchigen Quarantäne war, der weiß: Es ist eine zähe, lähmende, anstrengende Zeit. Frischluftzufuhr bekommen Betroffene höchstens auf dem eigenen Balkon oder im Garten - falls vorhanden. Oder durch ein offenes Fenster, durch das dann auch die verdammten Aerosole verschwinden sollen. Die Familie? Hält man den Vorgaben des Gesundheitsamtes entsprechend auf Distanz, isst in getrennten Räumen zu verschiedenen Zeiten, schläft im Gäste- oder Arbeitszimmer. Und dort hat sich jede Netflix-Serie irgendwann erschöpft. Single-Haushalte haben es noch schwerer. Soziale Kontakte fehlen - und irgendwann ist der Kühlschrank leer und man muss auf nette Nachbarn oder Freunde hoffen, die einem Einkäufe vor die Tür stellen.

Willkommen im deutschen Corona-Herbst, der nun im November die nächste gefühlte Quarantäne bereithält: Freizeit- und Amateursport sind genauso wie Kulturveranstaltungen, Restaurant- oder Barbesuche gestrichen. Profisport findet weiterhin statt - theoretisch. Denn auch dort schrumpft das Angebot fast täglich. Eishockeyspieler, Ringer, Sportschützen, Badmintonspieler, Judoka - sie haben selbst in der Bundesliga ihren Spielbetrieb ausgesetzt, verschoben oder ganz abgesagt. Münchens Erstliga-Rollstuhlbasketballer bliesen Ende Oktober ihren Saisonstart ab, weil ihnen das Risiko zu hoch war, sich mit dem Virus zu infizieren. Und jenen, die noch spielen, schwirrt ständig die drohende Quarantäne in den Köpfen herum.

Wie Hachings Erstliga-Volleyballern, die Anfang Oktober wegen eines Corona-Falls bei der Teampräsentation zwei Wochen zu Hause saßen. Wie Fürstenfeldbrucks Drittliga-Handballer, die kürzlich wegen angeblich positiver Fälle Spiele absagten, bis sich nach Tagen herausstellte, dass die Tests gar nicht positiv waren - ein Fehler im Labor. Wie Unterhachings und Türkgücüs Drittliga-Fußballer, die gerade Stöckchen ziehen könnten, wer als Nächstes wieder von einer virusbedingten Spielabsage betroffen ist. Hachings Volleyball-Kapitän Roy Friedrich sagt: "Ich hoffe, wir gehen kein zweites Mal in Quarantäne. Sonst fragt man sich irgendwann nach dem Sinn des Ganzen." Zumal Friedrich mitten im Beruf steht. Die nächste Quarantäne würde wohl auch den Chef irritieren.

Durch den Strukturverlust fallen manche Athleten psychisch in ein Loch

Hinzu kommt, dass die Leistungsfähigkeit zu Hause auf dem Sofa sinkt. Von Abstimmungsproblemen und geringerer Fitness sprechen Betroffene wie Friedrich: "Danach fängt man wieder von vorne an."

"De-Training" nennt das Henning Wackerhage, Professor für Sportbiologe an der TU München: "Man verliert motorische Fähigkeiten. Feinkoordination, Stoffwechsel und Sportlerherz gehen zurück."

Die Quarantäne - oder auch die großen Einschränkungen im vergangenen Frühjahr und Sommer, als Teams lange Zeit ja auch keinen gemeinsamen Sport machen konnten - haben aber längst nicht nur Auswirkungen auf den Körper. Einer gerade erst abgeschlossenen Studie am Lehrstuhl für Sportpsychologie der TU München zufolge ist die Situation gerade für den Kopf der Sportler ein massiver Stresstest. Als "Mental Lockdown" bezeichnet Sportpsychologin Vanessa Wergin, die die Studie betreut, den Effekt, wenn Individualathleten oder Teams durch fehlenden Sport in ein Loch fallen. "Die ganze Tagesstruktur bricht weg, und auf den Strukturverlust reagieren viele mit Stress oder leicht depressiven Symptomen", sagt Wergin, die aber darauf hinweist, dass die befragten Spitzensportler mit der Situation gar nicht so schlecht zurechtkämen - wohl wegen ihrer im Vergleich zu Freizeitsportlern erhöhten mentalen Widerstandskraft.

Wergin hält es im Lockdown wie in der Quarantäne für essenziell, Strukturen aufrechtzuerhalten. Sie selbst organisierte mit ihrem Sportteam und dem Trainer im Sommer Videotelefonie-Treffen, die verpflichtend für alle waren - als virtuelles Training. Wergin zufolge zeigt die Forschung sogar, dass durch das gemeinsame Anschauen von Spielvideos und die gedankliche Vorstellung der Szenen dieselben Gehirnareale angesteuert werden, die auch im realen Sport aktiv sind.

Brauchen Hachings Volleyballer und die anderen also künftig Cyberbrillen, mit denen sie sich fürs Training direkt von zu Hause aufs Spielfeld projizieren können? So weit sind die Aktiven noch nicht. Sie wären schon froh, einfach mal wieder befreit spielen zu können. Ohne die nächste Auszeit vor Augen zu haben.

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