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Speedway-Weltmeisterschaft:Mit Scheuklappen ans Ziel

Martin Smolinski, 33, aus Olching gewinnt erstmals den Titel auf der Langbahn. Dieser Erfolg sei für ihn ein "Ritterschlag", den ihm nicht jeder Konkurrent gönnt.

Von Christoph Leischwitz, Mühldorf/München

Sechs Mal war das Risiko schon hoch gewesen, doch alles war gut gegangen. Vor dem Finale kam das Team dann noch einmal zu einem ernsten Gespräch zusammen: Können wir das Risiko buchstäblich noch einmal hochschrauben? Was spricht dafür, was dagegen? "Es ging um fünf Stundenkilometer Endgeschwindigkeit mehr", erklärt Martin Smolinski das Pro. Das Contra: Der Motor gibt den Geist auf. Ergebnis der Debatte: "Wir haben's gewagt", sagt Smolinski.

Der Motor hielt. Smolinskis Nerven ebenfalls, als er am späten Sonntagnachmittag noch einmal auf das weiße Startband zurollte. Eine gute Minute später war der 33-jährige Speedway-Profi aus Olching zum ersten Mal in seiner Karriere Langbahn-Weltmeister. Smolinski hat schon viele spektakuläre Siege gefeiert, doch als Einzelfahrer ist das, was er in Mühldorf am Inn vollbrachte, wohl sein bisher größter Erfolg, er selbst bezeichnet ihn als "Ritterschlag". Schon auf der Ehrenrunde hatte er Tränen in den Augen. Nach der Siegerehrung feierten viele der knapp 10 000 Fans, die zum fünften Wettkampftag der WM-Serie gekommen waren, mit ihm. Ebenso ausgelassen ging es mit dem Team nach der Heimfahrt in Smolinskis Stammrestaurant in Olching zu. Am Montag kündigte der neue Weltmeister auch noch eine Saisonabschlussfeier für seine Fans an, die schon bald steigen soll.

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Gold auf den letzten Metern: Martin Smolinski kurz nach seinem Sieg im 35. und finalen Lauf der Saison.

(Foto: Jesper Veldhuizen / oh)

Der WM-Titel war ursprünglich Smolinskis großes Ziel für die Saison 2018 gewesen, doch dann war erst einmal fast alles schief gelaufen. Am zweiten Wettkampftag des Grand Prix im französischen La Réole war er schwer gestürzt und hatte obendrein 14 Punkte auf Dimitri Bergé eingebüßt, den größten Konkurrenten um den WM-Titel.

Als der Tross nach Mühldorf zog, hatte Smolinski aber nur noch drei Punkte Rückstand. Und schon nach dem ersten direkten Aufeinandertreffen im zweiten Rennen des Tages waren es nur noch zwei. Bergé ging zwar nach dem Start in Führung. Aber schon in der zweiten Kurve zeigte Smolinski, wie entschlossen er war, und schob sich in den engen Korridor zwischen Bergé und einem weiteren Fahrer. In der dritten Kurve ging er in Führung und holte die ersten vier Punkte. Bis zum Finale sollten vier weitere "Vierer" folgen, einmal bekam er drei Punkte für einen zweiten Platz. Vor dem alles entscheidenden Lauf lagen Smolinski und Bergé gleichauf, Titelverteidiger Mathieu Trésarrieu war da schon abgeschlagen. Dass Smolinski nach insgesamt 34 Rennen im 35. und letzten noch die Chance auf den WM-Titel haben würde, war aber nicht nur seiner technischen Risikobereitschaft geschuldet. "Ich bin ja auch eine ganz andere Linie gefahren", sagte er. Auf der Gegengeraden wählte er meist den Weg ganz außen, direkt an der Wand, wo der unbefahrene Sand noch etwas griffiger ist. Dabei hätte ein Fahrfehler schwerwiegende Konsequenzen gehabt, mehrmals hatte er mit dem Hinterrad die Wand berührt - den Sturz von Mitte Juni hatte er stets im Hinterkopf. Doch er habe in diesem Jahr auch verstärkt an seiner mentalen Stärke gearbeitet, sagt Smolinski, um "in entscheidenden Momenten Scheuklappen" aufzuhaben.

Auch im letzten Lauf ging Bergé an die Spitze. Diesmal setzte Smolinski noch früher zum Angriff an und überholte, für Bergé wohl überraschend, auf der Gegengeraden. Er nutzte dafür den Spalt zwischen Bergés Maschine und der Holzwand und gab die Führung nicht mehr her. "Das Uhrwerk hat an diesem Tag tadellos funktioniert. Und diesen Sieg haben wir uns ganz ohne Schützenhilfe erarbeitet", sagte Smolinski, der mit den anderen deutschen Fahrern hart ins Gericht ging. Einer habe seinen Konkurrenten Bergé in einem Rennen durchgewunken und damit einen Punkt geschenkt, gratuliert hätten hernach auch nicht alle. Smolinskis Kommentar: "Neid muss man sich wirklich hart erarbeiten."

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Geschafft! Martin Smolinski mit WM-Pokal zwischen Dimitri Bergé (links im Bild) und Titelverteidiger Mathieu Trésarrieu.

(Foto: Jesper Veldhuizen/oh)

Als Mensch sei er einfach nur glücklich, als Profi freue er sich nun auf die zu erwartende höhere Aufmerksamkeit von Zuschauern und Sponsoren. Noch in diesem Jahr steht eine Gala aller Titelträger der vom Weltverband ausgetragenen Wettbewerbe an, dafür wird Smolinski nach Andorra reisen. An diesem Mittwoch steht mit den Landshut Devils die wahrscheinliche Bundesliga-Titelverteidigung an, am kommenden Wochenende dann das Rennen um das Goldene Band im Olchinger Stadion, "wo ich mich hoffentlich von den heimischen Fans feiern lassen kann", sagt Smolinski. Und auch, wenn die Saison noch nicht ganz zu Ende ist: Nachdem er sie vor wenigen Wochen noch als Berg- und Talfahrt bezeichnete, könne er jetzt schon sagen, dass ganz sicher das Positive überwiegt.

© SZ vom 02.10.2018

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