bedeckt München 21°

Speedway:Flucht nach vorn

„Ich bin der Gejagte, mich wollen hier alle schlagen“: Martin Smolinski (rote Haube) fuhr trotz seines Sturzes auf Platz eins.

(Foto: Voxbrunner Carmen)

Nach einer Schreckminute rast Martin Smolinski in Olching zum zweiten German-Open-Sieg seiner Karriere.

Von Karl-Wilhelm Götte, Olching

Den 2500 Zuschauern in Olching stockt der Atem. Bei den German Open im Speedway duelliert sich Lokalmatador Martin Smolinski im zweiten Rennen des Tages mit Michael Härtl aus Dingolfing. Beide Fahrer schneiden mit Vollgas durch die erste Kurve. In extremer Schräglage kommt es zu einer Kollision, beide Piloten stürzen und landen mit ihren Maschinen im Airbag, einem riesigen Luftkissen, dem sofort die Luft ausgeht. Härtl, 21, rappelt sich schnell wieder hoch, Smolinski dagegen bleibt auf dem Rücken liegen. Ein Arzt und Sanitäter eilen herbei, die Zuschauer befürchten Schlimmes. "Das ist schon eine Kontaktsportart", kommentiert Stadionsprecher Philipp Schmuttermayr die Szene flapsig. Nach einigen Minuten steht Smolinski endlich auf, winkt in die Menge. Die Zuschauer applaudieren. Erleichtert, dass Smolinski auf seinen eigenen Beinen ins Fahrerlager geht.

Für den 34-jährigen Speedway-Profi aus Olching werden an diesem Tag noch vier weitere Rennen folgen. Und schließlich der Gesamtsieg beim traditionellen Spektakel an Fronleichnam. Damit war nach dem Sturz nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Smolinski hat Schürfwunden an den Armen und an der Hüfte davongetragen und musste im Sanitätsraum verarztet werden. "Mein linker Arm tut mir weh", meint er, aber das sei alles nicht so schlimm. "Das ist ein Männersport", sagt er. "Wir sind keine Fußballer."

Den letzten bösen Sturz hat Smolinski vor einem Jahr erlebt. Schlimmer sah es für sein rund 10 000 Euro teures Motorrad aus. Das steht im Fahrerlager in der Box, Rahmen und Gabel sind verbogen. Selbst eine Spazierfahrt wäre damit nicht mehr möglich. In Windeseile machen die beiden Mechaniker Michael Völkner und Stefan Popovits die Ersatzmaschine startklar. Smolinski rollt darauf sofort ins Oval hinaus, um das abgebrochene Rennen wieder aufzunehmen. "Magic Martin Smolinski ist wieder da", kündigt der Sprecher ihn an. Er wird nach vier Runden Zweiter hinter Härtl werden.

Der Zwischenfall und der dadurch bedingte Tausch seines Arbeitsgeräts beunruhigen den Olchinger spürbar. "Der Motor geht nicht", sagt er in der Box. Er macht sich selbst an die Arbeit, ist aber skeptisch: "Da kannst du nicht viel tun." Smolinski nimmt den Luftfilter heraus und säubert den Vergaser. "Wir basteln nicht", sagt er, "wir versuchen, den Motor technisch zu optimieren." Smolinski, der zurzeit in der schwedischen und deutschen Liga fährt und in den Läufen zur Langbahn-WM in Führung liegt, bemängelt vor allem zu wenig Leistung in der Kurve. Das scheint im nächsten Rennen behoben zu sein. Der Olchinger gewinnt den Lauf deutlich. Gerade in den Kurven überholt er seine Gegner spielend. Auch im vierten von fünf Rennen ist er nicht zu schlagen.

Trotzdem wird weiter am Motorrad geschraubt. Das letzte Rennen des Tages muss über den Gesamtsieg entscheiden. Mit dem hat Celina Liebmann nichts zu tun. Doch die 17-jährige Speedwayfahrerin vom MSC Olching ist ständig im Einsatz und kann sich mit den besten Profis messen. Gerade wird der Tscheche Zdenek Simota wegen Frühstarts disqualifiziert und Liebmann wird erneut als Ersatzfahrerin auf die Bahn gerufen. Helm aufgesetzt, sofort aufs Motorrad geschwungen und zum Start gefahren. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich hier so gut mithalten kann", sagt sie kurz vor dem erneuten Einsatz. Sie wird Zweite in diesem Lauf und holt ihre ersten Punkte an diesem Nachmittag. "Ist das nicht cool?", fragt sie vor Freude strahlend, als sie wieder im Fahrerlager ist.

Dann wird das letzte Rennen des Tages aufgerufen. Jeder Pilot geht fünf Mal an den Start: Dramaturgisch perfekt stehen die vier Punktbesten aller 17 Akteure an der Startlinie. Der Australier Sam Masters hat vier Siege und damit zwölf Punkte eingefahren, der Schwede Peter Ljung, der Deutsche Erik Riss und Smolinski jeweils elf Punkte auf ihrem Konto. "Ich bin da ganz entspannt", versichert Smolinski. "Masters kann ich schlagen", sagt er noch, ehe er an den Start rollt.

Dreißig Sekunden zeigt die Uhr bis zum Start. Da merkt Masters plötzlich, dass er die gelbe Startkappe auf dem Helm hat, rast mit dem Motorrad über den Rasen und besorgt sich die notwendige weiße Kappe, sonst wäre er disqualifiziert worden. Zwei Sekunden, bevor das Startband in die Höhe schnellt, steht der Australier wieder auf seinem Platz. Doch die Panikaktion hat Masters offenbar die Konzentration geraubt. Er wird nur Dritter. Souverän beherrscht Smolinski den letzten Lauf und holt sich mit 14 Punkten den Gesamtsieg. Zweiter wird der Schwede Ljung, Dritter Masters, beide mit jeweils 13 Punkten. "Mich wollen hier alle schlagen", hat Smolinski vorher gesagt. "Ich bin der Gejagte." Er beweist einmal mehr starke Nerven und gewinnt nach 2014 erneut die German Open.

© SZ vom 22.06.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB