Snowboard Im Schleudergang

Mysteriöse Knieentzündung, Knorpelschaden, Wadenbeinkopf-Prellung: Der Aschheimer Patrick Bussler verbringt seit Sommer 2014 fast mehr Zeit bei Ärzten und Physiotherapeuten als auf der Piste. Zum Weltcup-Auftakt am Samstag in Carezza ist der beste deutsche Alpin-Snowboarder schmerzfrei - aber noch nicht in Bestform

Von Ralf Tögel

Ein Knie, das dürfte auch dem Nicht-Snowboarder plausibel erscheinen, ist ein für diese Sportart nicht unerhebliches Gelenk. Der Umkehrschluss: Ein Snowboarder sollte tunlichst keine Probleme mit dem Articulatio genus haben, denn zum optimalen Ausüben seiner sportlichen Betätigung sind zwei uneingeschränkt funktionierende Radwinkelgelenke in der Beinmitte nahezu unabdingbar. Patrick Bussler ist seit Jahren der beste deutsche Alpin-Snowboarder, einer, der sein Handwerk zweifellos versteht. Er sagt: "Mittlerweile geht es mir wieder ganz gut." Er sei einfach nur froh, dass er wieder schmerzfrei trainieren und Snowboard fahren kann. Seit dem Sommer 2014 laborierte er an einer bakteriellen Entzündung im linken Knie, deren Ursache bis heute im Verborgenen blieb. Und die zwischenzeitlich sogar seine gesamte Karriere in Frage gestellt hatte. An diesem Samstag beginnt die Weltcup-Saison mit dem Parallel-Riesenslalom im italienischen Carezza, ein Rennen, auf das sich der 31-Jährige einfach nur freut. Denn Bussler hat die hartnäckigen und so belastenden Schmerzen im Knie überwunden.

Die Entzündung hatte sich zu einem Knorpelschaden ausgewachsen, für einen Leistungssportler oft gleichbedeutend mit dem Ende der Karriere. "Die Physiotherapeuten haben das gut in den Griff bekommen", erzählt Bussler. Er spricht leise und wählt seine Worte mit Bedacht - was aber eher seinem Naturell als der überstandenen Leidenszeit geschuldet ist. Natürlich ist er noch nicht in Bestform, wie zuletzt bei den Winterspielen in Sotschi, wo er als Vierter im Parallel-Riesenslalom denkbar knapp an höchsten olympischen Weihen vorbeigefahren war. 18 Monate sind seither vergangen, eine endlos scheinende Zeit, die der Aschheimer zu einem nicht unerheblichen Teil mit Behandlungen in diversen Arztpraxen verbringen musste, anstatt sich auf seinen Wintersport zu fokussieren.

"Ihm fehlt ein komplettes Trainingsjahr": Patrick Bussler muss sich nach seiner Verletzungsserie erst wieder an die Weltspitze herankämpfen.

(Foto: Imago)

Dabei waren die Ergebnisse im abgelaufenen Winter alles andere als enttäuschend, die Weltcup-Saison hatte Bussler mit einem dritten Platz im Parallel-Slalom eröffnet. Das große Ziel war die WM, dort verfehlte er allerdings klar die vorderen Plätze. Es war eine Saison mit Höhen und Tiefen, Rang 28 im Heim-Rennen (Riesenslalom) folgte ein zweiter Platz Ende Februar beim Slalom-Weltcup im japanischen Asahikawa. Die Vorbereitung auf diesen Winter indes geriet wieder zu einer Schleuderpartie. Im Sommer musste sich Bussler wegen der anhaltenden Knieprobleme noch auf Training im Kraft- und Athletikbereich beschränken, beim ersten Schneetraining im September im Gletscherskigebiet Zermatt zog er sich eine Wadenbeinkopfprellung zu. "Ich weiß nicht, ob das zusammenhing", sagt er, jedenfalls war das Knie wieder zwei Wochen lang dick angeschwollen. Wieder ein Dämpfer inmitten einer sensiblen Vorbereitungsphase. "Die Vorbereitung ist gesundheitlich gesehen nicht ganz rund gelaufen", sagt Bussler, er muss dabei selbst kurz lachen. Abgehakt.

Immerhin gab es in Sachen Material, das in diesem sensiblen und hoch technisierten Sport eine wichtige Rolle spielt, für den Aschheimer keinerlei Schwierigkeiten. "Ich bin sehr gut aufgehoben", bekräftigt Bussler, der auf identische Unterstützung wie im Vorjahr bauen kann. Die ersten Europacup-Rennen im Oktober im niederländischen Landgraaf und nun Anfang Dezember in Hochfügen liefen indes nur bedingt nach Wunsch. Zuletzt in Österreich waren zwei Parallel-Riesenslaloms angesetzt, der zweite zugleich die nationale Meisterschaft. Bussler wurde erst Zehnter und fuhr dann bei der DM auf Rang 18, weit entfernt von seinem Anspruch.

Patrick Bussler, 31, ist bereit für den Weltcup.

(Foto: Imago)

Weder überraschend noch problematisch, so ordnet Bundestrainer Andreas Scheid diese Ergebnisse ein. "Natürlich fehlt es im Bereich Athletik nach dieser Vorbereitung", erklärt er, "wir sind erst mal happy, dass er schmerzfrei ist." Denn es sei klar, dass Bussler nach diesem Sommer "noch nicht bei 100 Prozent ist", so Scheid, "ihm fehlt praktisch ein komplettes Trainingsjahr". Scheid ist mit dem bisher Gesehenen dennoch weitgehend zufrieden, auch sein Athlet fand einzelne Fahrten bei den ersten Europa-Cup-Stationen schon ziemlich in Ordnung. "Ich fühle mich ganz gut in Form", sagt Bussler, jetzt sei er bereit für den Weltcup. Auch die Tatsache, dass in diesem Winter für die alpinen Snowboarder kein Großwettbewerb ansteht, trägt zur positiven Grundstimmung bei. Bussler kann frei von Verbandsvorgaben fahren, er kann sich seine Ziele weitgehend selbst setzen. Die allerdings fallen deswegen nicht sonderlich klein aus: "Mir geht es in erster Linie darum, Konstanz zu zeigen und mich möglichst immer unter den besten Zehn der Welt zu platzieren." Ein so ehrgeiziges wie erreichbares Ziel, das hat Bussler in der Vergangenheit schon zur Genüge bewiesen.

2017 steht die WM auf dem Programm, im Winter darauf die Olympischen Spiele im südkoreanischen Pyeongchang, auf dieses Ziel arbeiten alle Snowboarder hin. "Olympia steht über allem", sagt Bundestrainer Scheid. Er traut seinem Besten durchaus "etwas Glänzendes" im fernen Ostasien zu. Bussler ist zurückhaltender: Er habe WM und Winterspiele im Fokus, erst einmal aber denkt er nur an Carezza. Er ist nervös, immer noch, trotz seiner zahllosen Auftritte und Erfolge. An eines aber will er gar nicht denken: an sein Knie.