Ski urban Himmel hilf!

Nach Stand der Dinge hat der Weltcup-Parallelslalom am Münchner Olympiaberg keine Chance auf eine Austragung. Veranstalter und Weltverband würden den auslaufenden Vertrag dennoch gerne verlängern

Von Ralf Tögel

Sie sind wieder da. Genauer gesagt waren sie eigentlich nie weg: die Jogger im Olympiapark. In leichter Kleidung kämpfen sie permanent gegen überflüssige Pfunde an, gegen den Weihnachtsspeck. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, wenn die Freizeitläufer mitten im Dezember durch den Park rennen, ein Anblick, an den sich Frank Seipp niemals gewöhnen wird. Wenn man dieser Tage mit ihm spricht, dann hört man einen geknickten Mann. Denn der Chef des Organisationskomitees für den Parallelslalom soll hier pünktlich am 1. Januar eine einem Weltcuprennen angemessene Piste auf den Berg zaubern. Womit man schon beim Thema wäre: "Ich kann nicht hexen", sagt Seipp.

Wer sich, ähnlich wie die bewegungssüchtigen Zeitgenossen, gerade im Olympiapark aufhält, dem drängt sich eine Frage auf: Wie soll hier bei diesen Witterungsbedingungen ein Skirennen auf höchstem Niveau abzuhalten sein? Zwar ist der Veranstalter, die Olympiapark München GmbH (OMG), seit etwa drei Wochen am Berg zugange, "die Basics", so sagt Seipp, stehen bereits: "Türme für die Beleuchtung, Container für die technischen Einrichtungen. "Wir sind von der Infrastruktur bestens im Zeitplan", erklärt Seipp, auch der See ist bereits abgelassen, dort soll eine große Tribüne entstehen, für eine Stadionatmosphäre. "Das ist unser Konzept für dieses Jahr", erklärt der OK-Chef, man will den City-Charakter dieses Events herausheben. Vielleicht ist aber genau das die Krux daran, vielleicht ist Skifahren in der Stadt doch keine dauerhaft realisierbare Idee.

Wo, bitte, geht's zur Piste? Wo am vergangenen Wochenende Jogger und Radfahrer ihre Kreise zogen, soll in zwei Wochen ein Weltcup-Rennen stattfinden.

(Foto: Florian Peljak)

Das lässt Seipp so freilich nicht stehen, denn allein ein Blick auf die bisher ausgefallenen oder gefährdeten Skirennen der Weltcupsaison zeigt, dass nicht nur München als Ausrichter große Probleme hat. Die Weltcuprennen der alpinen Skifahrer im französischen Val d'Isere und Courchevel wurden abgesagt und teilweise ins schwedische Åre transferiert, die Skicrosser mussten im französischen Val Thorens passen und die Rennen auf den Januar verlegen. "Ich bin es schon leid, auf die anderen verweisen zu müssen", sagt Seipp mit leiser Stimme, "das macht es für mich auch nicht besser." Schon im vergangenen Jahr musste der Parallelslalom in München ersatzlos ausfallen, doch momentan "sieht es noch schlimmer aus".

Zum vergleichbaren Zeitpunkt im Vorjahr seien die Schneedepots in Reit im Winkl bereits recht voll gewesen, und heuer? "Eine einzige Katastrophe", sagt der Organisationschef, "schauen Sie sich doch um." Auch die Vorhersagen seien einfach schlecht, "es ist alles schlimmer, als wir es uns erwartet haben". Was bleibt? Auch die Hoffnung, dass "wenigstens nachts die Temperaturen anziehen, schmilzt dahin. Technisch, so erklärt Seipp, sei alles getan worden. Schneekanonen in großer Zahl nach neuestem technologischen Stand stehen bereit, die in kurzer Zeit viel Schnee produzieren können. Drei, vier Tage könnten genügen, obwohl 70 bis 80 Prozent des Schnees an Ort und Stelle produziert werden. Schnee aus Depots ist nur zum Auffüllen gedacht. "Am Ende geht es aber um Luft und Wasser", sagt Seipp, entscheidender Punkt ist die Temperatur. "In einer idealen Welt würde sie vier, fünf Grad minus betragen", doch in der Welt des Frank Seipp ist derzeit wenig ideal. Das gilt auch für die Prognosen. Die sind wenig geeignet, auf Besserung zu hoffen.

Kein Schnee, kein See: Die grünen Kanonen können viel Schnee in kurzer Zeit produzieren - nur nicht, wenn es wie derzeit zu warm ist.

(Foto: Florian Peljak)

Am 24. Dezember ist die Schneekontrolle mit dem internationalen Skiverband Fis anberaumt, die kann aber geschoben werden. Wie vor dem 1. Januar 2013, als das Rennen letztmals stattfand, am heiligen Abend waren immerhin die Aussichten so vielversprechend, dass Fis und OMG vier Tage später die Lokalität nochmals in Augenschein nahmen. Und siehe da, drei weitere Tage später raste Felix Neureuther im Jubel von 17 000 Menschen als Sieger ins Ziel. Vor knapp einem Jahr war es zu warm, sie hatten alles versucht, den Schnee sogar mit Planen abgedeckt, doch die milden Temperaturen und immer wieder einsetzender Regen gaben der Piste den Rest. Ob Neureuther 2015 seinen Titel verteidigen kann? "Das Schlimmste ist die Machtlosigkeit, diese Untätigkeit", sagt Seipp resigniert, "das Thema Outdoor ist einfach mit einem Risiko verbunden."

Bislang waren vier Rennen in München anberaumt, zwei wurden abgesagt, zweimal versammelte sich die Slalom-Elite in der Landeshauptstadt. Ob die Quote nun besser oder schlechter als 50 Prozent liegt, wird sich in Kürze entscheiden. Denn das fünfte Rennen ist das vorerst letzte, der Vertrag zwischen OMG und Fis läuft aus. Olympiapark-Geschäftsführer Arno Hartung will das Event "für weitere drei bis fünf Jahre" ausrichten, alle Beteiligten haben bereits mehrmals ihr Interesse an einer Verlängerung des Abkommens bekundet. Doch es gibt auch viele Kritiker, die ein Skirennen in der Stadt schlicht für absurd halten und dafür die ökologischen und finanziellen Belastungen ins Feld führen. Hartung muss derzeit vor allem innenpolitisch für Zustimmung werben.

Daran mag Frank Seipp derzeit gar nicht denken. Er blickt zum Himmel und hofft, dass der möglichst schnell die Jogger vertreiben wird.