Ski alpin Lektionen von Neureuther

Linus Strasser hat es mit Skigefühl, Athletik und Ehrgeiz ins DSV-Weltcup-Team geschafft. Nun will der 22-Jährige vom TSV 1860 München zur WM. Doch er ist ein Draufgänger - in den Rennen will er manchmal noch zu viel

Von Korbinian Eisenberger

Beaver Creek, Vail, USA. Riesenslalom. Linus Strasser, 22, trägt den Zebra-Rennanzug des Deutschen Skiverbands (DSV) an diesem Dezember-Nachmittag zum dritten Mal im Weltcup. Auf seinem Rennleibchen steht die 59, eine der höchsten Startnummern, um die er angesichts der zerfurchten Piste nicht zu beneiden ist. Doch der Zollwachtmeister aus München hat "ein gutes Gefühl", als er sich aus dem Starthäuschen in den Hang katapultiert. Damit seine Zeit für die besten 30 reicht, die sich für den zweiten Lauf qualifizieren, müsse er "extrem gut drauf sein". Strasser ist gut drauf. Er drückt die Schläge in der Spur weg, trifft eine schnelle Linie. Nach 1:17,78 Minuten ballt er die Faust. Auf der Ergebnistafel leuchtet die 24 auf. Strasser ist erstmals im zweiten Lauf. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.

In diesen Tagen, an denen Linus Strasser seinen Namen häufiger in der Zeitung ließt, überkommt ihn das Gefühl, dass sich die harte Arbeit lohnt. Dann, wenn sein Heimatverein 1860 München seine Fahrten auf der Homepage lobt. Oder wenn DSV-Sportdirektor Wolfgang Maier über ihn sagt, er sei "einer von denen, die über kurz oder lang den Sprung unter die 30 schaffen werden".

Wenn Strasser seine blonden Locken unter dem Skihelm versteckt, zählt nur noch der Stangenwald. Sein, wie Maier sagt, "gutes Skigefühl und seine Athletik" hätten ihn mittlerweile zu einem "richtig professionellen Sportler gemacht", so Maier. Vorbei die Zeiten, in denen er bei Buckelpistenrennen - so erzählt es ein Teamkollege aus Jugendjahren - "wie ein Verrückter" im Schuss über die Huckel preschte. "Er hat kapiert, worum es im Profisport geht", sagt Maier. Der Weg dorthin, sagt Strasser, "der war nicht immer einfach und schön".

Strasser spricht mit fester Stimme. Sein Leben, erzählt er, das dreht sich seit seiner Kindheit ums Skifahren. Keine Partys, kaum längere Urlaube - schon in seiner Zeit am Sportgymnasium in Berchtesgaden sei das so gewesen. Während der Skisaison sei er bisweilen nur tageweise in der Schule gewesen. "Das war oft hart, weil wir Skifahrer trotzdem den gleichen Stoff lernen mussten wie die anderen." Oft habe er einen Großteil des Pensums komprimiert und gebündelt nach Saisonende gelernt.

Christian Ferstl kennt Strasser schon aus Kindertagen. Damals, bei den deutschen Schülermeisterschaften, habe er meist vor Strasser gelegen. "Er war einer von den kleinen Schmächtigen und musste vieles mit Technik ausgleichen", sagt Ferstl, Bruder des Abfahrtsläufers Josef Ferstl. Schon damals hätten Strasser aber ein aggressiver Fahrstil und seine Risikobereitschaft ausgezeichnet. Tugenden, die Strasser bis heute pflegt - und die ihm Ende März den deutschen Meistertitel im Riesenslalom bescherten. "Mit mir haben die Sechzger wenigstens einen deutschen Meister", sagt Strasser. Er kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, wohl wissend, dass die derzeit besten deutschen Riesenslalomfahrer Fritz Dopfer, Stefan Luitz und Felix Neureuther im letzten Rennen der nationalen Titelkämpfe nicht am Start waren.

Sein aggressiver Fahrstil und seine Risikobereitschaft zeichnen Linus Strasser schon immer aus - manchmal endet das auch im Fangzaun.

(Foto: Imago/Eibner Europa)

Es sind Sätze wie diese, an denen man merkt, dass Strasser mit seinen 22 Jahren bereits ein "gesundes Selbstvertrauen" hat, wie Alpindirektor Maier es formuliert. Auch, um Rückschläge wie den Ausfall beim Slalom im schwedischen Åre wegzustecken. Tatsächlich wurde Strassers Leidensfähigkeit bereits früh geprüft: In der Saison 2011/12 hätte der damals 19-Jährige nach einer Hüft-Operation eigentlich nur kurz pausieren sollen. Dann streckte ihn jedoch das Pfeiffersche Drüsenfieber über die komplette Wintersaison nieder. "Ich konnte nicht mehr trainieren und keine Rennen mehr fahren", sagt Strasser. Er habe immerhin leichte Skitouren gehen dürfen. "Ein Winter ohne Skifahren", sagt Strasser, "das geht nicht."

Strasser kämpfte sich zurück, seit dieser Saison zählt er zum festen DSV-Weltcup-Team in den technischen Disziplinen. Im zweitklassigen Europacup hat er mittlerweile zwei Siege auf dem Konto, zuletzt gewann er im November den Slalom im finnischen Levi. Und dennoch: Um bei der Weltmeisterschaft in Beaver Creek dabei sein zu können, müsste Strasser im Weltcup punkten. Zwei Top-15-Ergebnisse oder einmal unter den besten acht, so erfordert es die DSV-Norm. Wären da nur nicht die Fahrten, die im Fangzaun enden.

"Teilweise überzieht er und geht die Läufe zu ungestüm an", sagt Wolfgang Maier. "Ich bin da ein bisschen wie früher der Felix", sagt Strasser selbstkritisch. Teamkollege Felix Neureuther also, der einst reihenweise zweite Läufe verpatzte. Er versorgt Strasser mittlerweile mit Tipps. Etwa, dass er in eng gesteckten Toren nicht auf letzter Rille fährt, sondern erst danach wieder Gas gibt. Strasser hat sich die Neureuther-Lektionen gut gemerkt. Sie umzusetzen fällt ihm jedoch nach wie vor schwer, gerade jetzt, wo die WM immer näher rückt.

Beaver Creek also. Fünf Wochen, fünf Slaloms und ein Riesenslalom bleiben Strasser, um nominiert zu werden. Er hat noch eine Rechnung offen mit dem Hang von Beaver Creek. Dieser verflixte zweite Lauf im Riesenslalom Anfang Dezember, als Strasser voll angreifen wollte. Als er dann im oberen Streckenabschnitt auf dem Innenski wegrutschte und alles verlor. Einer jener Momente, wenn der Kopf zu viel will, und damit Talent, Technik, Athletik und Material pulverisiert werden. Zum Haare raufen, wenn dann auch noch das Glück fehlt, wie zuletzt in Åre oder Madonna di Campiglio, wo Strasser zweimal als 31. nur um Hundertstel am zweiten Lauf vorbeischrammte. "Linus ist so knapp dran", sagt Sportdirektor Maier. Er hätte Strasser gerne dabei in Vail, sagt er. Ohnehin sei die Norm "nicht zementiert".