Süddeutsche Zeitung

Skeleton:Die letzte Dino

Die Münchnerin Ashleigh Pittaway ist das einzige noch aktive Vereinsmitglied im Bayerischen Skeletonclub. Im Weltcup startet die 18-Jährige für England, die Heimat ihres Vaters.

Bäuchlings, Kopf voraus, die Nase 30 Zentimeter über dem Eis, so jagen Skeletonfahrer mit 130 Sachen durch die Eiskanäle dieser Welt. Wie man zu diesem Sport kommt? David und Melanie Pittaway haben eine kuriose Erklärung. Ihre Tochter Ashleigh sei schon als kleines Mädchen gerne Achterbahn gefahren, also hätten sie einen Sport gesucht, "der mit dieser Leidenschaft übereinstimmt". Vielleiht liegt es auch an ihrem Namen: In Ashleigh steckt das englische Wort für Schlitten - sleigh - quasi schon mit drin. So kommt es, dass die inzwischen 18-jährige Britin Ashleigh Pittaway bis heute für den Bayerischen Skeletonclub (BSC) München fährt.

Mit zehn Jahren hat sich Pittaway, die damals von der Grundschule in München auf die Christophorus-Oberschule nach Berchtesgaden wechselte, in Königssee erstmals auf so ein Metallgerippe gelegt: Skeleton bedeutet "Skelett". Bereut hat sie das nicht, versichert sie. 2016 gewann sie Gold bei den Youth Olympic Games in Lillehammer und gehört seitdem zum Kader der britischen Nationalmannschaft.

Vergangene Woche hat die neue Saison begonnen, Pittaway fährt für das britische Team beim Intercontinental-Cup (IC), der Rennserie unterhalb des Weltcups, und würde sich gerne für den Weltcup-Kader empfehlen. In Innsbruck-Igls belegte sie zweimal Rang sieben, im ersten Wettkampf lag sie nach dem ersten Durchgang auf Rang fünf. Im Weltcup-Team ist ein Platz frei geworden, da Lizzie Yarold, Olympiasiegerin von 2014 und 2018, ihre Karriere beendet hat. "Ich muss im IC mindestens einmal unter die Top Fünf kommen", weiß Pittaway, was allerdings schwierig ist: Weil die Weltcupserie erst Anfang Dezember beginnt, nahmen auch viele Topfahrerinnen den Start des Interkontinental-Cups zu Trainingszwecken mit.

Vor dem Auftakt in Innsbruck hatte Pittaway schon einige Läufe in Lillehammer absolviert und ein internes britisches Quali-Rennen in Winterberg gewonnen. Auffallend: Ihre Startzeiten, in den Vorjahren nur bedingt konkurrenzfähig, waren um knapp zwei Zehntel besser geworden. 2017 brauchte sie auf den ersten Metern oft noch mehrere Zehntel mehr als die Topstarterinnen - viel zu viel in einer Sportart, in der es um Hundertstelsekunden geht.

2017 verlief für die junge Britin, die dank ihrer Mutter Melanie auch einen deutschen Pass besitzt, wenig zufriedenstellend, sie durfte zwar bei vier Weltcuprennen starten, qualifizierte sich aber einzig in Whistler für den zweiten Lauf. "Ich war zuvor im Gegensatz zu sehr vielen Konkurrentinnen noch nie auf den Bahnen von Lake Placid, Park City und Whistler", erklärt sie. Als sie dann auch noch auf der ihr bestens vertrauten Winterberger Kunsteisröhre nach dem ersten Durchgang ausschied, wurde sie in den IC versetzt. "Das war schade. Als nächstes wären nur noch europäische Bahnen gekommen, die mir teilweise sehr gut liegen." Im Sommer hat sie viel Athletiktraining gemacht. David Pittaway, Bundestrainer der deutschen Trampolinturner, ist allerdings bewusst, dass seine Tochter nie eine Rakete am Start sein wird. "Sie hat zwar eine gute Technik, doch es fehlt ihr die Grundschnelligkeit. Die Verbände suchen mittlerweile ganz gezielt Quereinsteigerinnen aus der Leichtathletik oder dem Fußball."

Zurzeit lebt Ashleigh Pittaway im englischen Bath, besucht dort ein Internat. Danach soll der Sport Toppriorität genießen. Ihr Fernziel heißt Olympia 2020 oder 2024. "Sie ist ja noch sehr jung", sagt David Pittaway. Dass sie ein Näschen für richtige Fahrlinien und starke Nerven besitzt, zeigte sie nicht zuletzt 2016 bei den Olympischen Jugendspielen, zu denen sie alle Qualifikationsrennen gewonnen hatte.

Die Familie Pittaway hat viel Zeit und Geld in den Sport ihrer Tochter investiert. Wie viel, will der Vater gar nicht wissen: "Wir haben es bislang vermieden, das auszurechnen", sagt David Pittaway. Das Wohnmobil der Familie parkte in den Schulferien schon mal tagelang auf dem Gelände der Anschubbahn in Ohlstadt, wo zum Training ein spezieller Startschlitten auf trambahnähnlichen Schienen steht. Allein der Erwerb von vier Rennkufensätzen, die für unterschiedliche Eistemperaturen gebraucht werden, kostete die Familie kürzlich knapp 2000 englische Pfund. Höherwertige Fahrschlitten - Mindestpreis 5000 Euro - stellt dagegen ihr Verband.

David Pittaway sagt, man habe lange abgewogen, ob Ashleigh für Deutschland oder England starten soll. Für Großbritannien sprach, dass es dort mit drei Olympia-Siegerinnen bei den vergangenen drei Winterspielen Topniveau gebe. Die Spitze in Deutschland sei allerdings um ein Vielfaches breiter. England verfügt über keine eigene Bahn, Deutschland über vier.

In Sachen Material und Tipps kann Ashleigh Pittaway seit Jahren auf die Unterstützung des BSC zählen. Der Klub, der bis zur Aufnahme ins olympische Programm fast ständig den deutschen Meister stellte, zählt laut seinem Vorsitzenden Frank Fijakowski nur noch 13 Mitglieder, die ihre Laufbahn alle vor Jahren beendet haben. In besten Zeiten waren es mehr als 50, dazu gab es sportbegeisterte Gönner. Bei bayerischen Titelkämpfen waren teils mehr als 30 Aktive im Einsatz. Fijakowski, 65, ehemaliger Nationalfahrer und im Bob lange Jahre beim BC Unterhaching Anschieber von Anton Schrobenhauser senior, versuchte vergeblich, junge Leute für seinen Sport zu begeistern. Vereinskollege Franz Kleber aus Planegg, EM-Zweiter von 1982, hat ebenfalls resigniert. Er sagt: "180 Kilometer einfach zur nächstgelegenen Bahn nach Königssee zu fahren und im Optimalfall drei Fahrten zu absolvieren, macht jungen Leuten keinen Spaß." Die Kosten für Bahn und Übernachtungen könne sein Verein nicht stemmen. Vorbei seien auch die Zeiten, als Tüftler wie Horst Lohrer den Aktiven eigenhändig gebaute Schlitten überließen. Ashleigh Pittaway könnte auf absehbare Zeit die letzte Aktive ihres Vereins sein. "Wenn wir ihr irgendwie helfen können, tun wir das noch immer gerne", versichert Fijakowski: "Wer einmal Skeleton gefahren ist, kommt davon nicht los."

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Quelle:
SZ vom 21.11.2018
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