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Serie "Bunte Liga", Teil 5:Klingspiel mit Banane

Die Bavarian Bats, "Team des Jahres 2019", müssen sich beim Baseball auf ihr Gehör verlassen - sehen können sie nicht. Sie wollen eine Liga aufbauen.

Von Laura Dahmer, Freising

Der FC Bayern, na klar. Oder der EHC Red Bull München: Serien-Meister. Aber der Sport in München und der Region ist mehr als Fußball, Basketball und Eishockey. Zum Beispiel Frisbee, Bogenschießen oder Tipp-Kick. In einer Serie stellt die SZ Bundesligisten und Sportarten vor, von denen viele noch nie etwas gehört haben, die das Angebot aber erst bunt machen. Und es verdient haben, einmal gewürdigt zu werden. Diesmal: Baseball für Blinde.

Eigentlich sollte es ein großes Jahr werden, vielleicht eines der bisher größten in der Vereinsgeschichte. Die Bavarian Bats hatten so einiges geplant auf dem internationalen Parkett: Ein Spiel im norditalienischen Staranzano war angesetzt, im September sollte der "Mole Cup" steigen, das einzige internationale Blindenbaseballturnier der Welt. Und zwar auf Freisinger Boden. Teams aus den USA, Italien, Großbritannien, Frankreich und sogar Pakistan wollten anreisen. Statt um den "Mole Cup" zu kämpfen, musste sich die Mannschaft aus Freising jetzt erst mal mit dem Titel "Team des Jahres 2019" begnügen, den ihr der Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern kürzlich zugesprochen hat. "Und der für uns natürlich trotzdem als große Freude kam", sagt Trainer Hubertus Hagemeyer. "Er gibt uns wieder ein Stück mehr Aufmerksamkeit."

Diese Aufmerksamkeit brauchen die Bavarian Bats für ihren großen Traum: Eine deutsche Liga aufzubauen, nach Vorbild der Italiener. Denn bisher ist das Team die einzige deutsche Blindenbaseballmannschaft. Das möchten sie ändern. Seit drei Jahren bauen die Freisinger gemeinsam mit dem FC Inter 09 Regensburg einen zweiten Standort auf, in Stuttgart soll ein dritter folgen.

Wegen der Corona-Pandemie herrschte für die Baseballspieler aber erst einmal Stillstand. Nach knapp fünf Monaten Pause durften die Bavarian Bats endlich wieder auf ihren heiß geliebten Platz, endlich wieder die Schläger in die Hand nehmen. "Aber jeder seinen eigenen", wie Hagemeyer betont. Auch sonst achtet er sehr darauf, dass seine Mannschaft die Hygienevorschriften einhält. "Nur das mit dem Abstand halten, das ist wirklich schwer", bemerkt er. Denn Hagemeyers Spieler sind alle sehbehindert oder blind - was sie seit mehr als zehn Jahren nicht vom Baseballspielen abhält.

Blind Baseball spielen - wie funktioniert das eigentlich? Schließlich ist es schon beim regulären Baseball eine Kunst, den Ball mit dem Schläger zu treffen. Die Blindenbaseballer benutzen eine andere Technik, und sie verlassen sich beim Spielen voll und ganz auf ihre anderen Sinne. Den Ball schlagen die Bats aus der eigenen Hand heraus. Das Spielgerät ist rundum mit Löchern versehen, damit das Klingeln der zwei Glöckchen, die sich im Inneren des Balls befinden, besser zu hören ist. Besonders für die Abwehr ist das essenziell. Generell geht es beim Blindenbaseball vor allem ums Gehör. Auch hier müssen, wie beim regulären Baseball, nach dem Abschlag vier Bases überwunden werden. Damit ein Spieler sie erkennt, steht an der zweiten und dritten Base jeweils ein Coach, der ihn durch Aufeinanderschlagen von zwei Holzpads in die richtige Richtung lotst. An der ersten Base ist eine "Beep-Box" in den Boden integriert, die letzte Base muss der Spieler dann alleine finden.

Wenn Hubertus Hagemeyer oder einer seiner Kollegen "Play Ball" rufen, muss deshalb alles ruhig werden. Dann schlägt der Spieler, der gerade an der Reihe ist, den Ball. Wenn er ihn trifft, fängt er ab dem ersten Aufprall an, zu klingeln. Jetzt hört die Abwehr ganz genau hin. Und das bei zunehmender Geräuschkulisse: Denn während sie den Ball suchen, macht ein Teil der Coaches Lärm, um den Schläger zu den Bases zu lotsen. Wähnen die Abwehrspieler den Ball in ihrer Nähe, schmeißen sie sich auf den Boden, ganz flach, um möglichst viel Aufprallfläche zu bieten. Es ist die "Banane", wie die Bavarian Bats diese Abwehrbewegung nennen. Kommt jemand mit dem Ball in Berührung, muss dieser möglichst schnell zum Abwehrcoach, der an der zweiten Base wartet und mit dem Aufruf "Zwei" signalisiert, in welche Richtung der Ball fliegen muss. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, Schläger gegen Abwehr. Ist der Ball vor ihm an der zweiten Base, im Handschuh des Abwehrcoachs, ist der Schläger "out". Nach drei "Outs" werden Angriff und Abwehr gewechselt.

2010 brachte Franz Fischer dieses Konzept nach Freising. Er war Baseballspieler bei den Freising Grizzlies, die - genau wie die Bavarian Bats heute - dem BC Attaching angehören. In einer Reportage lernte Fischer Blindenfußball kennen und hatte eine Idee: Er wollte auch Baseball für Blinde zugänglich machen. Bei seiner Recherche fand er heraus, dass in den USA bereits eine solche Variante existierte. Allerdings war das dafür nötige Equipment teuer, und weil die Amerikaner den Ball beim sogenannten "Beep Baseball" eben doch aus der Luft schlagen, entpuppte sich das Unterfangen von Beginn an als schwierig. Stundenlang, so erzählte Fischer 2011 in einem Gespräch mit dem Freisinger Wochenblatt, traf beim ersten Training keiner auch nur einen Ball.

Die ersten Bavarian Bats gaben sich unermüdlich, aber Fischer suchte trotzdem nach einer Alternative. Und fand sie in Italien. Dort ist Blindenbaseball gut ausgebaut, es gibt mehr als ein Dutzend Teams und eine Liga. Bei dieser Variante wird der Ball aus der Hand geschlagen. Damit hatte Fischer in Freising deutlich mehr Erfolg, und damit möchte Hagemeyer den Blindenbaseball in Deutschland groß machen, ganz nach italienischem Vorbild. Auch wenn 2020 vielleicht nicht mehr das große Jahr für die Bats wird.

Bisher erschienen: Rot-Weiß München / Lacrosse (18.6.), Crash Car Team München-Nord / Stock-Car (9.7.), Munich Animals / Powerchair-Hockey (17.8.), Munich Rolling Rebels / Roller Derby (20.8.)

© SZ vom 31.08.2020
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