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Bild in neuer Seite öffnenSport in der Region, Serie "Bunte Liga", Orientierungslauf

Checkpoint im Herbstwald: Ronny Natho vom Orientierungslaufclub München dokumentiert mit einem Chip an seiner Hand Laufweg und Zeit.

(Foto: privat / oh)

Dornen, Tümpel und Passanten machen Orientierungslauf zu einer echten Herausforderung.

Von Leon Wohlleben

Der FC Bayern, na klar. Oder der EHC Red Bull München: Serien-Meister. Aber der Sport in München und der Region ist mehr als Fußball, Basketball und Eishockey. Zum Beispiel Frisbee, Bogenschießen oder Tipp-Kick. In einer Serie stellt die SZ Bundesligisten und Sportarten vor, von denen viele noch nie etwas gehört haben, die das Angebot aber erst bunt machen. Und es verdient haben, gewürdigt zu werden. Diesmal: Orientierungslauf.

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Es ist gar nicht nötig, Ronny Natho zu fragen, wie denn sein Rennen eigentlich lief. Eine Menge lässt sich schon an seinen Laufschuhen ablesen: feucht und matschig. Manchmal haben sich Dornen daran verfangen, manchmal klebt auch Blut daran. Dann ging es wahrscheinlich querfeldein durchs Gebüsch, dazu muss man kein Hellseher sein. "Und im letzten Jahr bei einem Mehrtageslauf in Schottland", Natho erinnert sich, "da gab's auch Leute, die kamen nur noch mit einem Schuh ins Ziel, weil der andere im Sumpf hängen geblieben ist."

Nun gehört das nicht zum Alltag eines Orientierungsläufers. Aber es zeigt, wie sehr die Läuferinnen und Läufer ihre Grenzen austesten können, wenn sie denn wollen. Der Sport an sich ist durchaus inklusiv. Gerne betont man beim Orientierungslaufclub München (OCM), dass auch ein paar Damen und Herren im gesetzteren Alter über 75 mitlaufen - und ihren Spaß haben.

Natho, Jahrgang 1977, drahtig, Sportmütze auf dem Kopf und eine kleine Rundbrille vor den Augen, ist noch ein gutes Stück von dieser Altersgruppe entfernt. Aktuell läuft er in der Klasse Ü35 und war in dieser Saison dort der Zweitschnellste in Bayern. Im Vergleich zu anderen Sportarten spielte sich das Jahr für ihn und die anderen Mitglieder des OCM verhältnismäßig normal ab. Seinen kleinen Kompass in einem Plastikgehäuse hat Natho sich um den Zeigefinger geschnallt, sodass er zusätzlich noch die Papierkarte halten kann. Er und die anderen Orientierungsläufer gehen beziehungsweise sprinten ihren Weg durch Parks, Wälder und Städte alleine - an den Hygieneabstand ist nur im Start- und Zielbereich zu denken, wo sich die Teilnehmer sammeln.

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Der Weg ergibt sich aus mehreren Punkten, die wüst im Wettkampfgebiet verteilt und in einer festgelegten Reihenfolge abzulaufen sind. Die Route hat sich zuvor ein ausgewählter Kartenschreiber, ebenfalls ein Mitglied des Vereins, überlegt. Erst mit dem Startschuss bekommen die Teilnehmer die Karte ausgehändigt. Zwischen den Punkten auf der Strecke kann sich alles Mögliche befinden. Hecken, ein Tümpel, ein Hügel - ob einfach geradeaus darüber hinweg oder doch lieber drumherum muss jeder für sich selbst entscheiden. Das Entwerfen der Übersichtskarten allein ist eine Wissenschaft für sich. Es reicht nämlich nicht, einfach einen Ausschnitt aus Google Maps auf ein Blatt Papier zu pausen. Für den Kartografen gehört dazu, jeden Trampelpfad, jede kleine Böschung ausfindig zu machen. Als Hilfestellung gibt es noch kleinere Orientierungspunkte auf der Karte. "So ein besonders markanter Baum zum Beispiel", sagt Natho.

Der Orientierungslauf spricht das ganz ursprüngliche Bedürfnis im Menschen an, sich schnellstmöglich zurechtzufinden. Der Sport findet nur draußen statt, meist im Grünen und kann unter freiem Himmel praktisch überall ausgeübt werden. Trotzdem war und ist er eine absolute Randsportart, da machen sie sich beim OCM nichts vor. Woran liegt das?

Wie vielen anderen Disziplinen fehlt dem Orientierungslauf hierzulande der traditionelle Charakter. In Skandinavien ließ sich die vergangene Weltmeisterschaft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verfolgen, dort entwickelte er sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zum Volkssport. Vielleicht, weil es in Skandinavien noch mehr Wälder gibt, die eine schnelle Orientierung erfordern? In Schweden starten gerne mal ein paar Tausend Teilnehmer bei den größten Läufen. Die Bilder, die dabei entstehen, sind faszinierend. Wenn Frauen und Männer durch tiefe Wälder hetzen, erinnert das an eine Wehrsportübung.

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Beim OCM sammeln sich zum vorletzten Trainingsrennen, bevor es in die Winterpause geht, rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Riemer Park. Das war schon in der Vor-Corona-Zeit ein guter Wert für den einzigen Orientierungslauf-Verein in der Region.

Womöglich hängt die überschaubare Popularität mit dem ganz speziellen Charakter des Wettbewerbs zusammen. Dadurch, dass keine genaue Route vorgegeben ist, bleibt das Rennen immer ein wenig unberechenbar, immer überraschend. Genau darin liegt der besondere Reiz: Jede kleine Unebenheit, jede Abkürzung können trotz tagelanger Vorbereitung Sekunden kosten. "Wenn ich die Strecke noch nicht kenne, laufe ich die ersten zwei, drei Posten erst einmal langsam an, um in die Karte reinzukommen", sagt Ronny Natho. "Jeder Kartenzeichner sieht, interpretiert und zeichnet die Objekte ein bisschen anders."

Das unberechenbarste Hindernis ist aber der Läufer selbst. Bei Park- oder Stadtläufen kreuzen Passanten die Strecke. Das ist kein Drama für die Orientierungsläufer, sie arrangieren sich damit, auch wenn das einen Umweg bedeutet. Im Radsport wird über jedes zusätzliche Gramm am Rahmen diskutiert, im Fußball ist mal der Rasen und nicht die eigene Leistung für die Niederlage verantwortlich. Im Orientierungslauf brauchen die Sportler eine gewisse Gleichgültigkeit, sonst verzweifeln sie schnell an den ungleichen Verhältnissen.

So war das auch mal in Venedig. Es war November, Hochwasserzeit, erzählt Natho. Keine Hochsaison, doch die Touristen drängelten sich auf den Stegen und in den engen Gassen. Er brauchte eine Menge Geduld. "Da kann man meckern, wie man will, das hätte einen anderen genauso treffen können." Viel wichtiger sei es in solchen Situationen, die Streckenposten im Auge zu behalten und nicht im Ärger daran vorbeizurennen. Im Kanal ist Natho damals zum Glück nicht gelandet. Seine Schuhe blieben trocken.

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Bisher erschienen: Rot-Weiß München / Lacrosse (18.6.), Crash Car Team München-Nord / Stock-Car (9.7.), Munich Animals / Powerchair-Hockey (17.8.), Munich Rolling Rebels / Roller Derby (20.8.), Bavarian Bats / Blindenbaseball (31.8.), Süddeutscher Tauchclub / Unterwasserrugby (3.9.)

© SZ vom 31.10.2020

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