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Serie "Bunte Liga":Crash! Boom! Bang!

Stock-Car-Piloten dürfen nicht zimperlich sein. Ihr Hobby kostet Zeit und Geld.

Von Fabian Dilger

Der FC Bayern, na klar. Oder der EHC Red Bull München: Serien-Meister. Aber der Sport in München und der Region ist mehr als Fußball, Basketball und Eishockey. Zum Beispiel Frisbee, Bogenschießen oder Tipp-Kick. In einer Serie stellt die SZ Bundesligisten und Sportarten vor, von denen viele noch nie etwas gehört haben, die das Angebot aber erst bunt machen. Und es verdient haben, einmal gewürdigt zu werden. Diesmal: Stock-Car.

Marcus Bauer hat sich jetzt ein Boot gekauft. Ohne irgendetwas Motorisiertes den Sommer verbringen? Nein, einen wie Bauer kann man nicht einfach stilllegen. Ein Boot von sechs Metern Länge mit einem V-6-Motor, damit kann er samt Familie auf der 800 Meter entfernten Donau herumfahren. Enthaltsam muss Bauer aber mit diesem Gefährt dennoch bleiben: Andere Boote anstreicheln oder rammen, über die Achse springen lassen oder herumdrehen - alles, was er sonst so anstellt, das geht in diesem Jahr nicht. Der 43-Jährige aus dem niederbayerischen Arbing hat es nämlich mit einem Auto zu solcher Kunst im Anfahren, Rammen und Herumdrehen gebracht, dass er 2019 bayerischer und deutscher Meister im Stock-Car-Rennen wurde, in einer der am höchsten motorisierten Klassen.

Den Meistertitel verteidigen: Fußballer und Basketballer durften es. Für die Stock-Car-Fahrer war die Saison 2020 beendet, bevor das erste Mal eine Startflagge geschwenkt wurde. "Man hat es leider kommen sehen", sagt Robert Häubl, 53, vom Crash Car Team München-Nord. Weil er derzeit der einzige Aktive beim CCT ist, fährt er die offiziellen Rennen für einen Klub nahe Ingolstadt. Häubl kann seinen bayerischen Meistertitel aus dem vergangenen Jahr, als er alle Rennen und auch den Endlauf gewann, ebenfalls unfreiwillig länger behalten. Der Bayerische Stock-Car-Verband (BSCV) hat schon Anfang April beschlossen, dass diese Saison ausfällt. Zu diesem Zeitpunkt entschieden die Bundes- und Länderregierungen, dass Großveranstaltungen bis Ende August untersagt sind. "Dann war für uns verständlich, dass wir die Saison absagen", sagt Andreas Straube, 49, der Präsident des BSCV. Die mehrtägigen Stock-Car-Rennen seien "im Endeffekt Großveranstaltungen" mit mehr als 1000 Menschen. "Bei uns besteht auch nicht die Möglichkeit, dass wir bestimmte Sachen leicht kontrollieren können, wir sind ja auf der freien Flur", erklärt Straube. Stock-Car wird auf Sandbahn-Rundkursen unter freiem Himmel gefahren, ohne großes bauliches Drumherum. Und letztlich hätten auch die Feuerwehren und Sanitätsdienste, die bei den Rennen anwesend sein müssen, signalisiert: Wir wissen nicht, ob das so schlau ist.

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Viel Reparaturarbeit gehört für Stock-Car-Piloten aus offensichtlichen Gründen dazu.

(Foto: BSCV / OH)

Die mehr als 50 bayerischen Stock-Car-Vereine, die verwegene Namen tragen wie Black Mambas, Outsiders, Devil Drivers oder Pit-Bullz, hätten die Entscheidung akzeptiert, sagt Straube. "Die Rückmeldungen waren alle positiv. Sie verstehen das." Für die einzelnen Fahrer zwar ärgerlich, für die gesamte Sportart aber nicht existenzbedrohend. Die goldenen Jahre, als Rennen im Fernsehen übertragen wurden, sind vorbei. Die offiziellen Meisterschaftsrennen richten die Vereine auf ihren Heimbahnen aus. Dieses Jahr fehlen somit zwar die Zuschauereinnahmen, es entstehen aber auch keine Auslagen. "Es hat kein Verein einen großen finanziellen Nachteil", sagt Straube. Stock-Car ist ein Hobby, wenn auch ein aufwendiges.

Marcus Bauer hat sich zum Beispiel letztes Jahr ein neues Rennfahrzeug gebaut. Die Autos werden dabei komplett "entkernt" und aufgeschweißt, dann verstärkt, ein Überrollbügel kommt hinein, und die Außenhaut darf auch selbst gemacht werden. Bauer hat noch ein älteres Auto, während einer normalen Saison nimmt ihn das ziemlich in Beschlag: "Man fährt das Auto von der Rennbahn direkt in die Werkstatt und fängt an es wieder zu richten." Die Wochenenden sind für Bauer und Straube von Mai bis Oktober eigentlich komplett für Stock-Car reserviert, Sommerurlaub gibt es nicht. Der finanzielle Aufwand für die Fahrer richtet sich danach, wie heil das Auto bei den Rennen bleibt. Einmal hat Bauer innerhalb von zwei Rennen drei Motoren verschlissen, Stoßdämpfer braucht es ab und an neue, die Reifen können kaputt gehen. Zwischen 5000 und 8000 Euro investiere man pro Saison in der verbauten Klasse, schätzt Bauer. In der "unverbauten" Klasse, in der man sich nur ein Auto kauft und nichts daran ändert, kommt man günstiger weg. "Nachdem mir das Auto letztes Jahr nicht kaputtgegangen ist, musste ich nicht viel investieren", sagt Robert Häubl.

Stock-Car-Fahrer wie Robert Häubl vom Crash Car Team München-Nord verbringen sehr viel Zeit mit ihren Gefährten in der Werkstatt.

(Foto: Claus Schunk)

Viel Geld und noch mehr Zeit also, das die Stock-Car-Szene jetzt übrig hat. Präsident Straube fährt zwar nicht mehr selbst, doch an den Wochenenden ist er natürlich ebenfalls unterwegs, er und seine Frau übernehmen normalerweise die Rundenzählung bei jedem Rennen. Stock-Car ist eine Szene, in der jeder jeden kennt. Alle drei Männer betonen: Sehr schade sei das, dass man die Freunde den ganzen Sommer über nicht sehe. "Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft", erklärt Bauer. "Das ist blöd."

Robert Häubl fährt im Juli und August mit mehreren anderen Fahrern zumindest auf zwei "Trainingslager", einmal in Bayern, einmal in Tschechien. Dann wird eine Sandbahn gebucht, die Fahrer reisen mit ihren Rennwagen auf Autoanhängern an und können ihre Runden drehen. Mit einem Auge schaut Häubl aber weiter in den Süden: Eventuell finden im August Autoslalom-Rennen in Österreich statt. Zwar werden dabei nur Pylone umfahren, also ohne Rempeleien, aber immerhin. Ähnliches hat Marcus Bauer im Sinn: Vielleicht gehen in Tschechien dieses Jahr noch einige Auto-Cross-Rennen über die Bühne. Ebenfalls auf der Sandbahn, aber ohne Crashen. Ansonsten bleibt nur das Boot. Bevor es auf die Donau geht, steht Bauer aber noch eine andere Prüfung bevor: Im Juli muss er den Kurs für den Binnenführerschein machen.

Bisher erschienen: HLC Rot-Weiß München/Lacrosse (18. Juni).

© SZ vom 09.07.2020

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