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Serie "Bunte Liga":Angefeilte Taktik

Die "Flinken Finger Bruck" spielen in der Tipp-Kick-Bundesliga: Von Lupfern und Leidenschaft.

Von Johannes Kirchmeier

Der FC Bayern, na klar. Oder der EHC Red Bull München: Serien-Meister. Aber der Sport in München und der Region ist mehr als Fußball, Basketball und Eishockey. Zum Beispiel Frisbee, Bogenschießen oder Tipp-Kick. In einer Serie stellt die SZ Bundesligisten und Sportarten vor, von denen viele noch nie etwas gehört haben, die das Angebot aber erst bunt machen. Und es verdient haben, gewürdigt zu werden. Diesmal: Tipp-Kick.

Versuch eins scheitert. Schlicht ein wenig zu hoch angesetzt war der Lupfer, der Ball trifft den Sitznachbarn am Tisch. Für Peter Funke kein Grund, sich zu ärgern. Er schnappt sich den Ball und platziert ihn noch einmal vor seiner Spielfigur. Wie ein Golfer vor dem entscheidenden Putt macht er ein paar Trockenübungen, schlägt Luftlöcher, erst sachte, dann stärker. Funke scheint zufrieden zu sein, schiebt die Figur an den Ball heran, dann drückt er ab. Der Ball fliegt los, senkt sich nun aber schneller, direkt in den einige Zentimeter entfernten Bierkrug. Funke grinst verhalten, dann lacht er. So, als ob er erstaunt wäre, wie ihm dieser Kunstschuss gelingen konnte.

Es ist ein Augenblick der Glückseligkeit, denn Funke, 59, kann seinem Lieblingssport nicht nachgehen in diesen Tagen. "1,50 Meter Abstand, das schaffen wir nicht", sagt er. Hinzu kommt, dass einige Mitspieler Vorerkrankungen oder ein gewisses Alter erreicht haben.

Beim Tipp-Kick kommen sich die Duellanten um den 106×70 Zentimeter kleinen Tisch herum nahe, immer auf der Suche nach der Lücke in der gegnerischen Abwehr. Schließlich müssen sie mit dem fingernagelgroßen Ball in winzige Tore treffen. Funke macht das ziemlich erfolgreich. Er spielt für die Flinken Finger Bruck in der Bundesliga, die schon seit Monaten virusbedingt ruht. Einst startete sein Team in Fürstenfeldbruck, mittlerweile kickt es in München. Nur der Name erinnert noch an den Beginn. Die Flinken Finger sind die einzige Bundesliga-Mannschaft aus Bayern. Dort treffen sie auf den TKC Gallus Frankfurt, auf PWR 78 Wasseralfingen, die SpVgg Balltick Kiel oder Celtic Berlin. Passionierte Tipp-Kicker verbringen viel Zeit miteinander im Auto, in der Liga entstanden über die Jahre Freundschaften: Drei Teams treten in der Regel an einem Wochenende zum Doppelspieltag an, den Abend verbringen sie meist gemeinsam. Zurzeit alles unmöglich.

Noch ist fraglich, ob die aktuelle Saison nach vier Spielen abgebrochen oder, wie Funke anregt, 2021 zu Ende gespielt wird. "So würde diese Saison zwei Jahre dauern. Da ist die Mehrheit dafür. Aber leider nicht alle." Funke ist nicht nur Spieler, er ist auch Präsident des Deutschen Tipp-Kick-Verbandes, er muss die beste Lösung mit den Beteiligten aushandeln. Beim Kreisverwaltungsreferat in München kümmert er sich um die Schulwegsicherheit, ein besonnener Mann, der in erster Linie versucht, als milder Präsident gut mit allen auszukommen. Bei einer Mangoschorle erzählt er über seine Sportart, die er schon einzuordnen weiß: "Dass wir mit den meisten klassischen Sportarten nicht mithalten können, ist uns bewusst."

Den Namen Tipp-Kick kennt jeder. Das Spiel mit den Metallmännchen und dem eckigen Plastikball wurde bereits in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfunden, eine Spieleklassiker, den die meisten Kinder und Heranwachsenden irgendwann einmal ausprobieren. Das schwäbische Familienunternehmen Mieg, das 1924 die Lizenz erwarb, vertreibt es bis heute. Tipp-Kick teilt das Schicksal vieler Sportarten: Werden die Kinder älter, werden andere Dinge wichtiger, Schule, Freizeitgestaltung, die erste Liebe. Funke selbst fing 1975 als 14-Jähriger mit Tipp-Kick an - und blieb dabei. Er ist einer von aktuell etwa 300 in der Liga aktiven Spielern in Deutschland, darunter Mitarbeiter des Bundesaußenministeriums, Rechtsanwälte, Lehrer, Programmierer. "Es ist eine Leidenschaft", sagt Funke. "Faszinierend ist, dass dabei eine gewisse Pfiffigkeit und auch die Fähigkeit zum Analysieren gefragt sind."

Tipp-Kicker brauchen nicht nur flinke Finger. Sie tüfteln nicht nur jahrelang an Taktiken, sondern beweisen Erfindergeist auch abseits der Tischplatte. Funke schaut auf seine Spielfigur und sagt: "Das ist vielleicht der Unterschied zwischen jemandem, der das Spiel aus den Spielzeugpackungen kennt, und demjenigen, der in der Liga spielt." Was er damit meint? Die Schussbeine in der Liga sind aus Stahl, eigens angefeilt. Das Bein sieht ein bisschen wie eine Prothese aus, die Figuren im freien Verkauf haben im Vergleich dazu klobigere Schussbeine. Funke kann so präziser schießen, die Bälle anschneiden oder lupfen. Und auch direkte Eckentore schießen, seine Lieblingstreffer. Auch dahinter steckt viel Mühe: Abend für Abend hat Funke einst die Tipp-Kick-Bälle in Gläser oder um sie herum geschossen. 1984 erzielte er dann im Finale der deutschen Einzelmeisterschaft ein Eckentor - und gewann den Titel: "Das war für mich das Highlight."

Funke ist viel mehr Ästhet in der Offensive, der mal 8:7 gewinnt, denn rustikaler Abwehrmann. Solche gebe es aber auch - nur spielen die dann in den zehn Minuten "bedächtiger", manche Partien enden tatsächlich 0:0. "Wir hatten mal einen Spieler", erzählt Funke, "der hat eine Ballmaschine entwickelt, mit der er die Bälle aufs Tor geschossen hat wie im Tennis, um seine Reaktionen zu üben. Die Leute lassen sich schon was einfallen."

Trotzdem schwanden in den vergangenen Jahren die Mitglieder - und wie Funke wurde auch die Szene über die Jahre älter. Als er begann, waren mehr Spieler aktiv, ihr Altersschnitt lag bei etwa 20 statt bei rund 40 Jahren wie jetzt. Für Funke hat der Rückgang mit den Verlockungen des neuen Jahrtausends zu tun, gegen die sein Sport antreten muss. "Den Konsolen werden wir keinen erfolgreichen Widerstand leisten können", sagt er.

peter funke flinke finger bruck

Peter Funke, 59, ist Präsident des Deutschen Tipp-Kick-Verbandes und spielt selbst in der Bundesliga. Die Leidenschaft fürs Lupfen und Tüfteln ergriff ihn mit 14 Jahren.

(Foto: privat/oh)

Es ist der einzige Moment an diesem Abend, an dem er etwas traurig wird. Er selbst ist als Jugendlicher noch lange mit der S-Bahn zum Trainingsort gefahren. "Heute machst du die Konsole an, und wenn du keine Lust mehr hast, ziehst du den Stecker und gehst ins Bett." Da gehe es ja nicht nur den Tipp-Kickern so, sondern auch anderen Sportarten, die Probleme haben Jugendliche zu finden, meint Funke.

Ein Kern von Aktiven werde dem Tipp-Kick immer treu bleiben, da ist er sich sicher. Das Lächeln kehrt zurück in Funkes Gesicht, ans Aufhören denkt er nicht. Dafür ist einfach die Freude zu groß, die selbst ein schnöder Lupfer in den Bierkrug in sich birgt.

Bisher erschienen: Rot-Weiß München / Lacrosse (18.6.), Crash Car Team München-Nord / Stock-Car (9.7.), Munich Animals / Powerchair-Hockey (17.8.), Munich Rolling Rebels / Roller Derby (20.8.), Bavarian Bats / Blindenbaseball (31.8.), Süddeutscher Tauchclub / Unterwasserrugby (3.9.), Orientierungslaufclub München (31.10.)

© SZ vom 14.11.2020

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