Serie "Alte Meister" In zehn Wörtern zur Weltklasse

Der ehemalige Hochsprung-Weltrekordler Carlo Thränhardt weist als Mentalcoach der deutschen Tennis-Elite in Oberhaching den Weg

Von Alexander Mühlbach

Eigentlich gibt es keine Formel dafür, wie man zu einem der besten Athleten der Welt wird. Carlo Thränhardt glaubt dennoch, sie gefunden zu haben. Der ehemalige Hochspringer, der mit 2,42 Metern immer noch den deutschen Hallenrekord hält, erklärt, dass es entgegen allen Behauptungen gar nicht so schwierig sei, ein herausragender Leistungssportler zu werden. Schließlich lässt sich alles, was man dafür wissen muss, in einem Satz zusammenzufassen: "Um außergewöhnlich gut zu werden", sagt Thränhardt, "musst du außergewöhnliche Dinge tun." So einfach ist das.

Thränhardt lässt den Satz eine Weile nachhallen. So, wie der 59-Jährige das immer macht, wenn er seine Zehn-Wörter-Botschaft verbreitet, mit der er inzwischen seinen Lebensunterhalt verdient. Seit 2015 arbeitet der gebürtige Bad Lauchstädter als Mental- und Fitnesscoach für den Deutschen Tennis Bund (DTB). In München bitten ihn Profis wie Philipp Kohlschreiber öfters um eine Trainingseinheit, während große Unternehmen Thränhardt als Redner oder als Anzeigen-Testimonial buchen. "Glauben Sie mir, es geht nur so", fügt Thränhardt nach einer Weile an. "Nur mit außergewöhnlichen Dingen."

Der zweimalige Olympiateilnehmer (1984 und 1988) weiß, dass sich das alles im ersten Moment verrückt anhört, deshalb nimmt er sich Zeit, um seine Worte mit Inhalt zu füllen. Er könnte dabei wieder die üblichen Anekdoten aus seiner Karriere erzählen, die schon so oft in Artikeln dokumentiert wurden: Wie er als Jugendlicher in sechs Sportvereinen gleichzeitig aktiv war. Wie er, der 1,99-Meter-Mann, eigentlich ein vielversprechender Handballer war und trotzdem vom einen Tag auf den anderen damit aufhörte, weil er es leid war, elf Tore in einem Spiel zu werfen und dennoch zu verlieren - nur, weil seine Teamkollegen nicht mithalten konnten. Oder wie Thränhardt mit 17 Jahren spät zum Hochsprung wechselte, weil er den Bewegungsablauf so faszinierend fand, weil er darin der beste Deutsche werden wollte. Vor allem aber, weil er bei dieser Sportart die eigenen Ergebnisse unter Kontrolle hatte. Nur er gegen die Latte, ohne störende Teamkollegen. Dafür aber mit dem winzigen Problem, dass sein Heimatort in der nördlichen Eifel damals gar keine Hochsprunganlage hatte. Was Thränhardt nicht stoppte. Er baute sich auf einer Wiese einfach selbst eine Anlage zusammen.

Dieses Mal lässt Thränhardt alle alten Geschichten unerwähnt. Außergewöhnlich wurde schließlich alles erst Ende der 70er Jahre, nach diesem Abend in Warschau, als Thränhardt nach nicht einmal drei Jahren Hochsprungtraining den deutschen Rekord einstellte. Doch während sich der 20-Jährige am Höhepunkt seiner Karriere wähnte, kam ein Trainer auf ihn zu und sagte: "Carlo, du hast noch gar nichts erreicht."

Es gibt Sportler, die in jungen Jahren an so einem Satz zerbrechen. Thränhardt aber zog daraus die größte Motivation: "Der Trainer meinte damit doch nur, dass es jetzt erst richtig losging mit dem Sport, dass die Grenzen nach oben hin völlig offen waren." Plötzlich hieß das Ziel nicht mehr Deutschlands bester Hochspringer zu sein, sondern in Höhen zu gelangen, in die bislang kein Mensch vorgedrungen war. Was, das glaubt Thränhardt heute noch, nur durch eine Charaktereigenschaft möglich war: Bedingungslosigkeit.

Thränhardt fing an, mehr als früher zu trainieren, obwohl er nebenher noch Publizistik studierte. Fünf bis sechs Stunden pro Tag, in denen er seinen Körper immer wieder durch Sprünge, Krafttraining und Sprints an die Grenzen und darüber hinaus brachte. Thränhardt wollte den "inneren Schweinehund" immer überwinden. Nur er gegen seinen Körper. Manchmal fing er schon um fünf Uhr morgens mit dem Training an, damit er noch eine zweite oder eine dritte Trainingseinheit am Tag einschieben konnte. Dazu machte er 30 Wettkämpfe pro Saison. Heute sind nicht einmal mehr als zehn Wettkämpfe üblich.

Klar, sagt Thränhardt, habe er da manchmal überdreht. Klar, der Körper habe immer wieder wehgetan. Und klar, heute sei alles durch wissenschaftliche Trainingspläne viel mehr durchkalkuliert. "Aber heute wird auch viel zu rational und viel zu selten trainiert", sagt Thränhardt. "Vierzehn oder 15 Stunden Training pro Woche reichen nicht aus, um gut zu sein. Die Leichtathletik ist eine mühsame Arbeit, man muss da mit Haut und Haaren dabei sein. Die eigenen Träume müssen doch mit Arbeit unterlegt werden."

In der Weltspitze trainierten in den 80er Jahren alle genauso erbarmungslos: die Russen, die Amerikaner, die Kubaner, die nationale Konkurrenz wie Dietmar Mögenburg, Olympiasieger von 1984, oder Gerd Wessig aus der DDR, der 1980 in Moskau Gold holte. Alle hatten sie dasselbe Ziel wie Thränhardt: der erste Mensch zu sein, der 2,40 Meter überspringt. Während der Saison lieferten sie sich jede Woche woanders die reinste Nervenschlacht. Es wurde gepokert, spät in den Wettkampf eingestiegen, Höhen wurden ausgelassen, um noch die Power zu haben für den einen, den historische Sprung. Thränhardt liebte diese Psychospielchen, aber bei Olympia und Weltmeisterschaften blieb ihm immer ein Platz auf dem Podest verwehrt. "Aber die Medaillen interessierten mich nicht, mir ging es nur um die Höhe." Vom Deutschen Leichtathletik-Verband wurde er dafür kritisiert.

Medaillen, sagt Thränhardt, verblassen schnell. Rekorde dagegen sind manchmal für die Ewigkeit. Sein deutscher Freiluftrekord von 2,37 Meter aus dem Jahr 1984 hat bis heute Bestand. Seinen Hallenweltrekord von 2,42 Meter, aufgestellt 1988, haben nur zwei Athleten jemals überboten. Mit Glück, sagt Thränhardt zum Schluss, hatte das nichts zu tun: "Jahrelang habe ich bei jedem Aufstehen, jedem Einschlafen, bei jeder Übung darüber nachgedacht, dass ich diesen Weltrekord aufstellen will." Denn: Nur wer außergewöhnliche Dinge tut, kann außergewöhnlich gut werden.

Bisher erschienen: Rudi Vogt (6.8.), Michael Hahn (4.8.), Monika Schäfer (30.7.), Kurt Szilier (28.7.), Andrea Eisenhut (23.7.)