Schwimmen Capo auf der Baustelle

Geht nach Berlin, behält aber vorerst das Startrecht für die SG München: Johanna Roas, zweimalige deutsche Meisterin über 50 Meter Rücken und EM-Teilnehmerin, sieht in der Hauptstadt größere Chancen auf eine Olympiateilnahme 2020 in Tokio.

(Foto: imago/Annegret Hilse)

Sheela Schult tritt als Nachfolgerin von Münchens Stützpunktleiter Olaf Bünde, ein schweres Erbe an - und baut auf einen Neustart.

Von Sebastian Winter

Sheela Schult empfängt auf der Baustelle. Der Haupteingang der Olympia-Schwimmhalle ist verriegelt, es geht also nach rechts, einen schmalen, von Bauzäunen eingefassten Pfad entlang, durch den provisorischen Eingang. Dann eine karge Treppe hinunter und hinein in die Schwimmhalle, die nach jahrelanger Sanierung von Mitte März an mit frischem Antlitz wieder Münchens Prunksaal für Schwimmer und Springer werden soll. Allein, man fragt sich, wie das funktionieren soll binnen drei Monaten. Der Blick in die Halle zeigt: Da ist noch sehr viel Baustelle für sehr wenig Zeit.

Schult, die neue Cheftrainerin der SG-Stadtwerke-Schwimmer, hat sich mit der Baustelle arrangiert. Aus der Not haben die Stadtwerke und die Schwimmstartgemeinschaft ohnehin eine Tugend gemacht. Denn die SG-Athleten, die von Donnerstag an bei der deutschen Kurzbahn-Meisterschaft in Berlin starten, können im bereits sanierten 50-Meter-Becken unter der Tribüne trainieren. Dort strahlt schon alles im und ums Wasser herum. Kleinere Kinderkrankheiten gebe es noch mit dem Hubboden und anderen Dingen, sagt Schult. Ansonsten ist sie aber durchaus zufrieden mit der Zwischennutzung, die das große Becken in der Halle ersetzt, das noch immer ein monströses Betonloch ist.

Schult, 33, blonde Haare, bunter Schal, ist seit dem 1. September Nachfolgerin des Stützpunkttrainers Olaf Bünde, der in den vergangenen Jahren eine Ära geprägt hat. Es ist kein leichtes Erbe, das sie nun antritt. Bünde hatte die SG ja auch in Richtung Regensburg verlassen, weil seine gesamte Trainingsgruppe auseinandergefallen war. Zuerst hatte der hoch veranlagte Freistilexperte Florian Vogel im Juni 2017 sein Karriereende verkündet - mit 22 Jahren. Ihm folgte nur ein paar Monate später in Philipp Wolf, 25, der nächste Münchner Olympia-Teilnehmer. Beide hatten keine Motivation mehr, unter schwierigen Trainingsbedingungen und ohne große Einnahmen ihren trainingsintensiven Hochleistungssport weiter auszuüben.

Die dritte Olympia-Fahrerin und das wohl größte Aushängeschild des Vereins, Alexandra Wenk, ist wie Andreas Wiesner und Max Nowosad inzwischen aus München weggezogen. Das Trio startet seit dieser Saison für die SG Neukölln in Berlin, wo es am Bundesstützpunkt beste Bedingungen gibt. Für die SG ist das durchaus ein Problem, weil ihr dadurch auch Fördergelder für ihre (nun fehlenden) Kaderathleten wegbrechen. Johanna Roas, Münchens derzeit letzte Spitzenschwimmerin auf internationalem Niveau, wird übrigens denselben Weg gehen. Wie die anderen Schwimmer auch sieht sie am Bundesstützpunkt in Berlin bessere Bedingungen für ihr Ziel, die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. "Johanna behält aber das Startrecht vorerst bei uns", sagt Schult, die nun den Komplettumbruch managen muss: "Es wird sicher einen Neuanfang in München geben. Der Schwerpunkt wird noch mehr auf den Nachwuchs fallen."

Das sieht man alleine schon an der Meldeliste für die Kurzbahn-DM, die generell an Stellenwert eingebüßt hat. Neben Roas, 25, startet als ältester SG-Schwimmer Felix Richtsfeld, 22, in Berlin, daneben nur noch drei weitere Athleten: Henning Dörries, Jahrgang 1998, Sebastian Wenk, der seiner erfolgreichen Schwester nacheifert, Jahrgang 2000, und Julia Titze, Jahrgang 2001. Die jüngeren Jahrgänge, immerhin 33 Talente, einige davon sehr vielversprechend, schwimmen parallel einen Einladungswettkampf in Magdeburg.

Schult baut künftig auf eine noch weitaus intensivere Zusammenarbeit mit der Eliteschule des Sports, dem Olympiastützpunkt und auch den anderen Vereinen, von denen manche nach wie vor große Vorbehalte haben, ihre Talente an die SG und den dortigen Stützpunkt abzugeben. "Noch weht leider großer Gegenwind", sagt Schult, die sich zugleich den Ruf einer hervorragenden Trainerin erarbeitet hat.

Die gebürtige Bambergerin, die in München ihr Abitur machte und dort auch ihr Magisterstudium in Kunstgeschichte abschloss, ist seit drei Jahren Trainerin bei der SG. Hauptamtlich, wie drei weitere Übungsleiter auch, mit denen sie ein eingespieltes Quartett bildet. Sie wollte eigentlich promovieren, nachdem sie in ihrer Magisterarbeit bayerische Himmelfahrtsaltäre analysiert hatte, doch dann kam das Schwimmen dazwischen. "Bereut habe ich es bislang nicht", sagt Schult - auch wenn ihr Trainergehalt in einer Stadt wie München gerade so zum Leben reiche. Und das, obwohl "wir alle hier eine Sieben-Tage-Woche haben". Ein Büro fehle auch, wo die Übungsleiter sich zu Sitzungen treffen und Organisatorisches erledigen könnten. Es bleibt also viel zu tun, auch für Schult, die neue, starke Frau am Trainerruder der SG.

Dann verlässt sie ihre Dauer-Baustelle und macht sich auf den Weg in ein Café. Zum zweiten Frühstück, aber vor allem zur nächsten Trainerbesprechung zwischen Brot und Semmeln.