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Schützen-Weltcup:Warmschießen fürs Team Tokio

Heimvorteil oder besonderer Druck? Auch der Lengdorfer Maxi Dallinger hofft beim Weltcup in Hochbrück auf einen Platz mit Aussicht.

(Foto: Robert Haas)

18 Medaillengewinner von Rio treten in Garching zum Weltcup an. Sie wollen sich für die nächste WM und Olympia 2020 empfehlen.

Von Julian Ignatowitsch, Garching

Weißblauer Himmel, Brezenduft, mancher trägt Dirndl oder Lederhose: Wenn die besten Schützen der Welt nach München kommen, darf auch das ein oder andere Bayern-Klischee nicht fehlen. Und auch wenn der Himmel in den vergangenen Tagen seltener weiß-blau erstrahlte, so ist es alljährlich auch das, was alle Beteiligten zum Weltcup auf der Olympia-Schießanlage in Hochbrück hervorheben: Familiär und kosmopolitisch gehe es hier zu, international geschäftig und doch bayerisch gemütlich. Das sei einmalig zwischen den Stationen von Salt Lake City bis Seoul, an denen der Schützenzirkus regelmäßig Halt macht.

800 Sportler aus 81 Nationen: Auch für die WM in Changwon wird das zur Standortbestimmung

Rund 800 Sportler aus 81 Nationen sind in diesem Jahr wieder in München, von diesem Mittwoch bis zum kommenden Dienstag schießen sie in neun unterschiedlichen Disziplinen an Gewehr und Pistole die Medaillen aus. Dabei geht es zwei Jahre vor den Olympischen Spielen zwar noch nicht um Quotenplätze, also deutsche Startplätze in Tokio, aber doch um die Möglichkeit, sich für das sogenannte "Top Team Tokio" (TTT) zu empfehlen. Nur wer sich bei einem internationalen Event, also einem solchen Weltcup, einer WM oder EM, für das Finale (Platz eins bis acht) qualifiziert, wird 2020 an der internen olympischen Qualifikation der deutschen Mannschaft teilnehmen dürfen.

Was machbar klingt, ist bei etwa hundert Teilnehmern pro Disziplin und einer Handvoll Chancen, die ein Schütze vor den Sommerspielen bekommt, doch eine echte Herausforderung. "Den TTT-Status früh zu schaffen, nimmt viel Druck für die weiteren Wettkämpfe weg", sagt Gewehrschützin Jolyn Beer. Sie muss es wissen, nach ihrem Weltcup-Finalsieg im vergangenen Jahr erreichte sie diese Saison schon drei Mal das Finale und hat ihren Platz sicher. In München gehört sie zu den Favoritinnen. Gleichzeitig ist der Weltcup in der Landeshauptstadt eine Standortbestimmung vor der Weltmeisterschaft in Changwon (Korea) im September. Denn dort beginnt mit der Vergabe der Quotenplätze dann endgültig das Rennen für Tokio 2020.

Die Konkurrenz für die 26 deutschen Schützen ist einmal mehr groß. 18 olympische Medaillengewinner von Rio 2016 sind in München am Start, unter ihnen die traditionell starken Asiaten Xuan Vinh Hoang (Vietnam, Luftpistole), Jongoh Jin (Korea, Freie Pistole) oder Zhang Binbin (China, Dreistellungskampf). Bei den Deutschen sind in Christian Reitz (Löbau, Schnellfeuerpistole) und Monika Karsch (Regensburg, Sportpistole) ebenfalls Edelmetall-Gewinner dabei. Die zuletzt in Fort Benning erfolgreiche Münchnerin Selina Gschwandtner und Julian Justus fehlen dagegen. Von den zahlreichen Spitzenschützen aus dem Großraum München dürften Isabella Straub (Kirchseeon, Gewehr) und Maxi Dallinger (Lengdorf, Gewehr) die besten Erfolgschancen besitzen und kämpfen noch um einen Platz im Top Team Tokio.

Von einem Heimvorteil wollen aber die Wenigsten sprechen. "Wir sind ja nicht im Fußball, wo die Schlachtenbummler durch Fangesänge aufmerksam machen", erklärt Gewehr-Bundestrainer Claus-Dieter Roth. Die Schießanlage in München bietet relativ faire Bedingungen und hat keine spezifischen Wind- oder Lichtbesonderheiten, die durch häufiges Training zum Vorteil gereichen könnten. Auch der Applaus in der Finalhalle ist meist fair verteilt - und kann auch schnell mal zur mentalen Bürde werden. "Eher ist der Heimstress blockierend", meint Pistolen-Disziplintrainer Jan-Erik Aeply.

Monika Karsch, die Silbermedaillengewinnerin von Rio, spricht vor den Wettkämpfen ganz offen darüber, dass die vielen bekannten Gesichter in München auch eine Belastungen seien. "Ich kann ja nicht den ganzen Tag rumstehen und ratschen, das mache ich bei anderen Wettkämpfen auch nicht", sagt sie. Natürlich "will ich auch Familie und Freunde treffen". Karsch plant deshalb exakt einen halben Tag dafür ein, "durch die vielen Servicestände zu schlendern, Dinge zu erledigen, den vielen Bekannten 'Hallo' zu sagen und die Atmosphäre zu genießen." Dann fokussiert sie sich auf ihren Wettkampf.

Für Bayerns Schützen ist es ein ungewohntes "Weltcup-Feeling": Die meisten nächtigen daheim

Auch mit dem "richtigen Weltcup-Feeling" sei das in München so eine Sache, meint Karsch. Sie selbst zieht das heimische Bett dem Hotel vor, sie reist erst am Trainingstag an und fährt zwischen den Wettkämpfen wieder nach Hause. So machen das hier viele bayerische Athleten, erklärt sie: "Anders als bei den Weltcups im Ausland, wo wir oft Tage miteinander verbringen, bis die Wettkämpfe beginnen oder der Flieger nach Hause geht. Das schweißt ja auch zusammen."

Und trotzdem ist der Weltcup in der Landeshauptstadt atmosphärisch immer etwas Besonderes. Schon die Ergebnisse sprechen dafür, denn sie sind jedes Jahr überdurchschnittlich gut. Karsch setzt sich dann, wie 2017, vor ihrem Wettkampf auch mal ins Grüne, auf eine der vielen abseitigen Wiesen. Auch dieser Gegensatz passt: Ruhe findet man auf der weitläufigen Schießanlage genauso schnell wie den alltäglichen Trubel.

© SZ vom 23.05.2018

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