Schießen Mamas 399 Ringe

Mit 20 war Olena Kostevych (r.) schon einmal Olympiasiegerin für die Ukraine, mit 33 arbeitet sie auf eine Wiederholung dieses Erfolgs hin. Inzwischen ist sie allerdings auch Mutter.

(Foto: Imago)

Olena Kostevych stellt für die HSG München mit der Pistole einen neuen Bundesligarekord auf. Dabei verbindet die Olympiasiegerin aus der Ukraine ihre Sportkarriere seit fast einem Jahr mit ihrer Rolle als Mutter.

Von Julian Ignatowitsch

Sie hat jetzt einen neuen Zahlencode für ihr Kofferschloss. "399", sagt Olena Kostevych auf russisch und ihr Mann Igor übersetzt. "Vorher war es 395." Die Sportschützin der HSG München hat in der Luftpistolen-Bundesliga am vergangenen Wochenende nämlich einen neuen Rekord geschossen. 399 Ringe - so gut war in der 20-jährigen Ligageschichte noch niemand. Nur einen Ring also vom perfekten Wettkampf entfernt. Sie sei natürlich stolz und selbst ein bisschen überrascht, sagt die Ukrainerin Kostevych. Also geht sie an ihr Gepäckstück ran.

Mit ihrer herausragenden Leistung hat Olena Kostevych die HSG München am Samstag zum 3:2-Sieg gegen die Schützengilde Waldenburg geschossen. Dass sie am folgenden Tag nur 384 Ringe, ihre schwächste Saisonleistung, erzielte und die HSG mit 2:3 gegen den Meister SV Kelheim-Gmünd verlor, begründet Kostevych mit ihrer besonderen Situation: Vor fast einem Jahr ist sie Mutter geworden. Am 18. November 2017 kam ihr Kind zur Welt, zwei Monate später stand sie wieder am Schießstand und gewann einen Wettkampf in München. Jetzt reist sie samt Mann und Nachwuchs um die ganze Welt. "Freizeit haben wir gar keine mehr", erzählt ihr Mann Igor. "Wenn Olena trainiert, bin ich mit dem Kinderwagen unterwegs."

Der studierte Softwareentwickler kommt um 16 Uhr aus der Arbeit, dann beginnt für Olena Kostevych der Sportleralltag, sie geht joggen, ins Fitnessstudio oder direkt an den Stand. "Ich habe so viele Aufgaben, da bleibt gar keine Zeit zum Nachdenken", sagt sie und ergänzt: "Ich bin jetzt Mutter und Sportlerin." Natürlich nicht immer ganz einfach.

"Olena zieht das ganze Team mit", heißt es bei der HSG München

Manche Schützinnen beenden mit der Geburt des ersten Kindes ihre Karriere, manche machen eine längere Pause - Kostevych bereitet sich jetzt auf die Olympischen Spiele vor. Hausfrau? Das wäre ihr viel zu langweilig, sagt sie. 2004 holte sie in Athen die olympische Goldmedaille, der größte Erfolg ihrer Karriere gleich zu Beginn. 20 Jahre war sie da jung. Heute, mit 33, möchte sie diesen Erfolg wiederholen. Die letzte Schützin, die als Mutter Olympia-Siegerin wurde, war 2016 die Deutsche Barbara Engleder. Kostevych gehört nach wie vor zu den besten Schützinnen der Welt, gerade erst wurde sie Weltmeisterin in Changwong. "Von meiner Topform bin ich trotzdem noch ein wenig entfernt", sagt sie. "Schritt für Schritt" will sie bis 2020 ihr Leistungsmaximum erreichen.

Die Bundesliga ist dafür ein guter Gradmesser. Hier schießen in jedem Verein internationale Hochkaräter. An der Spitzenposition kann sich Kostevych fast wöchentlich mit den Besten messen, so wie diesmal mit den Olympia-Teilnehmern Joao Costa und Damir Mikec. "Das ist ein einzigartiges Event, um im Winter die Wettkampfpraxis zu behalten", erklärt Kostevych. Die laute Fankulisse und der Eins-gegen-eins-Modus unterscheiden die Bundesliga von den internationalen Veranstaltungen, die erst wieder im Februar beginnen.

Kostevych wohnt in Linz und fährt mit Mann, Kind und Auto zu den Vereinen, bei denen die Duelle stattfinden, wie diesmal nach Peiting. Dass sie überhaupt noch für München schießt, ist der Verdienst des neuen Trainers Arben Kucana. Er hatte Kostevych im Vorjahr sogar davon überzeugt, in der zweiten Liga für die HSG zu starten. Nachdem der Verein 2016 die Bundesliga-Mannschaft wegen Streitigkeiten mit dem Verband abgemeldet hatte, blieb Kostevych trotz mehrerer Anfragen von anderen Vereinen. Der gute Kontakt zu Kucana sei ausschlaggebend gewesen. "Olena ist unsere Anführerin und zieht das ganze Team mit", sagt Kucana. "Die anderen Schützen können sich von ihr viel abschauen." Die Münchner Athleten Michael Heise oder Aleksandar Todorov sind von den Ergebnissen der Nummer eins doch ein gutes Stück entfernt, treffen im Schnitt nicht ganz 380 Ringe. In diesem Vergleich wird der Unterschied zwischen internationaler Spitze und erweitertem Kreis sehr deutlich. Auch wenn Kostevych eher introvertiert und schüchtern auftritt, ist sie in der Mannschaft beliebt, gibt auch mal Ratschläge und geht mit ihrer Ruhe voran.

Zu ihrem Ziel in der Bundesliga sagt sie: "Die Finalteilnahme" - und schiebt hinterher: "mindestens". Nach zwei Siegen und zwei Niederlagen zum Start muss sich die HSG München noch ein wenig steigern, um dafür unter die besten Vier der Gruppe Süd zu kommen. "Es kann ja nicht an jeder Position eine Olena Kostevych schießen", sagt Trainer Kucana und lacht. Dann wäre die Sache relativ einfach. Denn momentan hat nur ein Schütze in der Liga einen besseren Saisonschnitt als Kostevych, nämlich ihr ukrainischer Nationalmannschaftskollege Oleg Omelchuk, der in der Gruppe Nord für Braunschweig antritt. "Wir haben ein Fernduell", sagt Kostevych. Diesmal hat sie gewonnen. Viel besser als 399 geht ja auch nicht.