Schach Besuch von den Söldnern

An diesem Wochenende startet die erste Bundesliga in die Saison, und die Münchner Schachakademie Zugzwang hat am ersten Heimspieltag in Hockenheim und Viernheim gleich zwei Meisterschafts­favoriten zu Gast.

Von Karl-Wilhelm Götte

Stefan Kindermann kennt die Schach-Bundesliga wie kaum ein anderer. Der gebürtige Österreicher lebt seit 50 Jahren in München und hat schon 1980 den Auftakt dieser Mannschaftsmeisterschaften miterlebt. Mit dem FC Bayern München gewann er neun deutsche Meistertitel und einmal den Europacup. "Wir waren damals noch überlegener als die Fußballer im Verein", blickt der heute 58-Jährige zurück. Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Mittlerweile spielt Kindermann seit mehreren Jahren für die Bundesligamannschaft der Münchner Schachakademie (MSA) Zugzwang. Der FC Bayern ist vergangenes Jahr nach einer entscheidenden Niederlage gegen den Münchner Kontrahenten aus der ersten Liga abgestiegen. Nun gastieren am ersten Heimspieltag am Samstag und Sonntag in der Sportarena der Bayern LB in der Osterwaldstraße gleich zwei Mitfavoriten um den Meisterschaftstitel: Hockenheim und Viernheim.

Geht es nach der Papierform, müsste Zugzwang gar nicht erst in der obersten deutschen Schachliga antreten. Zu groß ist der Leistungsunterschied zu den 15 Konkurrenten - betrachtet man das Ranglistenrating. Doch das Team um Kindermann und den jungen Großmeister Léon Mons am Spitzenbrett stellt sich wieder der vermeintlich übermächtigen Konkurrenz. Eigentlich dürfte es für die Münchner Achterformation gegen Hockenheim und Viernheim nichts zu erben geben, doch im Schach entscheidet oft die Tagesform; oder ob man mit Weiß eröffnen kann. Auch die Erfahrung spielt eine Rolle, wenn wie bei Kindermann die Wettkampfpraxis fehlt, die Profis fast jede Woche haben.

Viernheims Shakhriya Mamedyarov aus Aserbaidschan ist die Nummer drei der Welt

Überraschend hat sich vier Tage vor dem Saisonstart Aufwärts Aachen aus der Bundesliga abgemeldet und steht schon als einer der vier Absteiger fest. "Genaues weiß ich noch nicht, aber meistens springt in so einem Fall der Sponsor plötzlich ab", vermutet der MSA-Vorsitzende Herbert Gstalter. Normal ist auch nicht, dass Hockenheim nur Großmeister im Kader hat, und sogar ein Aufsteiger wie der Schachclub Viernheim aus Südhessen ein Team mit zwölf Großmeistern meldet. Am Spitzenbrett spielt etwa Shakhriyar Mamedyarov aus Aserbaidschan. Der 33-jährige Schachprofi ist mit 2817 Elo-Ranglistenpunkten die Nummer drei in der Schachwelt. "Mal sehen, ob er in München antritt", sagt Gstalter. Seine Zweifel sind berechtigt, hat doch der Ausnahmekönner in der vergangenen Zweitligasaison nur zwei Partien absolviert. Kuriosum am Rande: Gewinnen konnte der Aserbaidschaner keine, er spielte zweimal Remis.

Nummer eins: Léon Mons stellt sich am Spitzenbrett der vermeintlich übermächtigen Konkurrenz.

(Foto: Claus Schunk)

Mamedyarov und andere Profis - Gstalter nennt sie "Schach-Söldner" - vagabundieren in der Welt herum und spielen dort, wo es gerade finanziell am lukrativsten ist. Unter Viernheims zwölf Großmeistern findet sich kein deutscher Spieler - dafür Profis aus der Ukraine, Ägypten, Israel, Frankreich, Spanien, Lettland oder Russland. Alle Spieler liegen über 2600 Weltranglistenpunkten, Kindermann, seit 30 Jahren Großmeister, steht aktuell bei 2500. "Etwa 50 Punkte Rückstand auf diesem Niveau bedeutet eine Spielstärke schlechter als der Gegner", kalkuliert er. Die meisten ausländischen Akteure verdingen sich gleichzeitig in mehreren europäischen Ligen, Antrittsgagen von 2000 bis 3000 Euro pro Partie sind auch bei den deutschen Spitzenklubs üblich. Wie bei Serienmeister OSG Baden-Baden, dessen Etat sich bei etwa 300 000 Euro bewegen soll.

Das Budget des Münchner Schachklubs Zugzwang, der 1982 gegründet wurde und 2009 mit der Münchner Schachakademie fusionierte, bei der Kindermann Geschäftsführer ist, liegt bei etwa einem Zehntel. Damit hält sich der Verein jetzt in der dritten Saison in der Schach-Beletage - auch wenn es immer knapp ist. Neben dem 23-jährigen Mathematikstudenten Léon Mons an Brett eins und Kindermann dahinter setzt die MSA Zugzwang darauf, dass die anderen zwei Großmeister Gerald Hertneck und Stefan Bromberger die notwendigen Punkte sammeln. Auch der Internationale Meister Robert Zysk, der am vierten Brett antritt, überrascht immer wieder so manchen Favoriten und sicherte der Mannschaft im Vorjahr wichtige Punkte für den Klassenerhalt. Gespielt wird in der Bundesliga eine einfache Runde bis April.

Nummer zwei: Auch Routinier Stefan Kindermann darf mit zwei enorm starken Gegnern rechnen.

(Foto: Claus Schunk)

Kindermann bezeichnet sich als einen "eher strategischen Spieler", der "nicht wild taktisch" agiert. An Brett zwei trifft er auf zwei enorm starke Gegner. Seine Befürchtung: "Dass sie mir während einer Partie manchmal 20 schwierige Probleme zu lösen aufgeben. Und das unter Zeitdruck", so Kindermann, der sich auch als Schachtrainer, Führungskräftecoach und Kommentator von WM-Duellen im Schach betätigt. Dann gilt es die Ruhe zu bewahren, wenn die Bedenkzeit von zweieinhalb Stunden für ein Match gnadenlos herunter tickt.