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Rock 'n' Roll:Katzengleich gelandet

Am Ende einer turbulenten Saison feiern Anzings Formationen Rang drei bei der WM. Dabei standen sie im Herbst schon kurz vor der Aufgabe.

Von der Anzinger Katze geht eine doppelte Gefahr aus. Erstens die der Verwechslung, denn gemeint ist nicht etwa Torwartlegende Sepp Maier, der einst den Spitznamen Katze von Anzing trug. Mit dem 75-Jährigen wäre es vermutlich schwierig geworden, das Finale einer Rock-'n'-Roll-Weltmeisterschaft zu erreichen.

Die zweite Gefahr kann eigentlich nur ermessen, wer diese Katze mal gesehen hat. Es handelt sich um eine Tanzakrobatik, die dem so genannten Todessprung (Frau wird in die Luft geschleudert und mit dem Kopf nach unten vom Partner über den Rücken durch die Beine aufgefangen) noch eine halbe Drehung um die Längsachse hinzufügt. "Absolut crazy" findet Robert Obermeier dieses Element, und er muss es wissen. Gemeinsam mit seiner Frau Tini Jana-Obermeier trainiert er seit Jahren das "Rock 'n' Roll Dream Team" und hat die Anzinger Formation schon zu vier WM-Titeln geführt. Am vergangenen Wochenende ist die Gruppe aus dem Landkreis Ebersberg bei der WM im polnischen Zielona Gora Dritte geworden. Eine Platzierung, mit der nicht zu rechnen war, die Obermeier schlicht "Wahnsinn" nannte. Schließlich hatten sie lange überlegt, ob sie dort überhaupt antreten sollten nach all den Widrigkeiten, die ihnen widerfahren waren.

Streng genommen gibt es die "Anzinger Katze" gar nicht. Sie hätten das Element der Einzelkatze nur spaßeshalber umgetauft, weil es ihren Tänzern so synchron von der Hand geht. Auch eine Art Doppelkatze hätten sie kurzfristig ins Programm genommen, erzählt Obermeier, bei der ein Tänzer die Dame wirft und der nächste sie fängt - beide Elemente sind Höchstschwierigkeiten des Rock-'n'-Roll-Sports. Womit man endgültig beim Thema wäre: Eigentlich war vieles anders geplant gewesen.

Improvisation mit Risiko: Oben zeigt die ursprüngliche Anzinger Formation eine Variante des Todessprungs.

(Foto: oh)

Die Anzinger waren schon mit Handicaps in die Saison gestartet. Zum Beispiel, weil sie für ihre beste Main-Class-Formation nur vier Paare haben. Grundsätzlich werde es immer schwieriger, männliche Tänzer zu finden, in Anzing genau wie anderswo, weshalb der Trend zur Ladies-Klasse geht. Die allerdings kommt weitgehend ohne Akrobatik aus. Das Dream Team lebt dagegen schon immer von seinem Mix aus Akrobatik und Ausstrahlung. Allerdings gibt es eine Regel, die besagt, dass Formationen von weniger als sechs Paaren Punktabzüge bekommen. "Wir sind also schon mit minus vier Punkten reingegangen", erläuterte Obermeier - und seine Formation war in Polen die einzige, die sozusagen in Unterzahl auftrat. Aber das war bei weitem nicht ihr größtes Problem.

Wegen privater Verpflichtungen hatten sie auf die erste Jahreshälfte weitgehend verzichtet, im Juli dann einen prima Einstand gehabt beim Sommerempfang des Parlaments im Schloss Schleißheim. Im September fingen die Probleme an. Markus Ernst gab Terminprobleme bekannt, er war just zur WM als Trauzeuge gefragt; Pläne, ihn nachfliegen zu lassen und seine Skepsis, ob das nicht den Erfolg des ganzen Ensembles gefährdet, erledigten sich später durch einen Nasenbeinbruch, mit dem er endgültig ausfiel. Also reaktivierten sie Claudio Antoni, der 2016 nach der WM in Sotschi aufgehört hatte, dessen Bruder Valentin aber noch im Dream Team tanzt. Mitte Oktober zog sich dann Dennis Röcker eine Handwurzelverletzung zu, der Partner von Obermeiers Tochter Sonja. Nun musste Jonas Keil vom einzigen Ersatzpaar einspringen, der aus dem Training immerhin die Choreografie kannte. Womit man wieder bei der Katze wäre. Denn jede riskante Akrobatik basiert auf der Eingespieltheit der Paare, auf unbedingtem Vertrauen der Frauen in ihre Partner, die sie in die Luft werfen und fangen müssen. Jeder Partnerwechsel ist ein Wagnis. Einen ihrer beiden Doppelsalti strichen die Anzinger wegen der Verletzungsgefahr dann aus dem Programm, dafür kamen aber die Katzen hinein - irgendwann im Herbst hätten sie sich trotzdem die Frage gestellt, ob sie die WM wirklich riskieren sollten. Die Stimmung sei schlecht gewesen, erzählt Obermeier, "und die Mannschaft war gespalten: Eine Hälfte wollte, der anderen war es zu riskant. So eine Skepsis hatten wir noch nie." Schließlich hätten dann die Trainer beschlossen, es zumindest weiter zu probieren. Zur Not, sagt er, hätten sie ihren Start kurzfristig abgesagt.

Jubel – in neuer Besetzung und mit Trainern – über Rang drei bei der WM.

(Foto: oh)

Auf die vier Wochen vor der WM stattfindende deutsche Meisterschaft verzichteten die Anzinger, um lieber jede freie Minute zum Aufholen des Trainingsrückstands zu nutzen. "Wir sind gespannt, wer den Wanderpokal 2019 mit nach Hause nehmen wird", schrieben sie auf ihrer Facebook-Seite. Sie waren die Titelverteidiger.

Die WM-Vorbereitung wurde zur Punktlandung, fast in letzter Sekunde saß das Programm. Die Generalprobe brachen sie nach zwei von drei Versuchen ab, weil die Tänzer zu ausgelaugt waren. Die Vorrunde in Polen lief fast perfekt. Als sie sich gerade auf ihren Finalauftritt vorbereiteten, unterlief den Rock Komets, den russischen Titelverteidigern, ein Patzer, der zeigte, was alles schief gehen kann: Bei einer Todessprung-Variante, bei der die Frau von einem Mann geworfen und vom nächsten gefangen wird, stürzten Fänger und Geworfene nach hinten - nicht gerade ein Mutmacher. Doch die Anzinger hatten sich in den Wochen zuvor ihre Zuversicht zurückerarbeitet und kamen fehlerlos durch. Der Sieg ging an eine andere russische Paarung.

Die deutsche Meisterschaft war übrigens sehr kurios ausgegangen: Die Favoriten hatten, den Sieg vor Augen, plötzlich Fehler gemacht - und profitieren konnte ausgerechnet der Rockers Club. Das ist Anzings zweite Formation. Die hatte zuvor niemand auf der Rechnung. Sie nahm den Wanderpokal der Meister im Bus wieder mit nach Hause.