Pferdesport:In Champagnerlaune

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Reiten deutsche Meisterschaft Raphael Netz

Reif für die Senioren: Raphael Netz, 19, erhielt in Riem das Goldene Reitabzeichen – sehr ungewöhnlich für einen Athleten seines Alters.

(Foto: Foto-Design gr. Feldhaus/oh)

Sportlich überzeugt die Jugend-DM der Reiter in Riem: Der 19-jährige Raphael Netz etwa erhält das Reitabzeichen in Gold. Ein fader Beigeschmack bleibt dennoch.

Von Nico Horn

Wenn sich Viertplatzierte überschwänglich freuen, muss Außergewöhnliches passiert sein. Schließlich gibt es für diesen undankbaren Rang statt einer Ehrung auf dem Siegerpodest sprichwörtlich nur Blech. Dennoch war Raphael Netz mit Abstand der glücklichste Reiter bei den deutschen Jugendmeisterschaften (DJM) in München-Riem - obwohl er gerade mit seinem Pferd Lacoste in der Kür für die Jungen Dressurreiter (bis 21 Jahre) den vierten Platz geholt hatte. In der Gesamtwertung belegte Netz gar "nur" Platz sechs. Aber dem 19-Jährigen wurde am Samstag, dem dritten der vier Turniertage, eine Ehrung zuteil, die noch höher einzuschätzen ist als die Titel der vielen Jugendmeister.

Netz, der unweit von München in Aubenhausen im Stall von Jessica von Bredow-Werndl und Benjamin Werndl trainiert, bekam das höchste Leistungsabzeichen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) verliehen. "Das Goldene Reitabzeichen schon in so jungen Jahren zu haben, ist sehr bedeutend", sagte Netz. "Ich bin ganz aus dem Häuschen."

Der gebürtige Wiesbadener hat damit erreicht, was sich die meisten Reiter bei der DJM erträumen, schließlich dekoriert die FN nur die erfolgreichsten Turnierreiter mit Gold. Der Werndl-Schützling strebt nun zu den Senioren. "Ziel ist, nicht bei Jungen Reitern zu verharren", sagt Netz. Für die mehr als 300 Reiter, die in Riem um die Medaillen kämpften, dürfte er nun eine Art Vorbild sein. Wie die Ponyspringreiterin Ann-Sophie Seidl, 16, die am Sonntag auf dem Hufeisenplatz die Goldmedaille holte. Selbst als ihr Pferd Berkzicht Rob im letzten Umlauf vor der zweifachen Kombination verweigerte, blieb die Regensburgerin ruhig, ritt nochmals an und brachte den Parcours fehlerfrei zu Ende.

"Wir haben hier wirklich Spitzensport gesehen", sagt Heidi van Thiel, Bundesjugendwartin der FN: "Von anderen Nationen werden wir um unsere Nachwuchsarbeit beneidet." Talente wie Simone Blum oder Maurice Tebbel hätten den Schritt von der DJM bis in den Nationalkader bereits geschafft. Es sei wichtig, diese jungen Vorzeigereiter zu haben, dafür würde mittlerweile auch in Programme an Schulen investiert. Gleichzeitig bleibt die Frage, wer sich eine Reitkarriere leisten kann, für die es mehrere (meist teure) Pferde braucht. Auch Netz, der junge, goldgeschmückte Dressurreiter, bedankte sich ja explizit bei den Werndls, jenen Sponsoren, die seine Karriere erst möglich machen.

Indes hat van Thiel für die Ausrichter nur lobende Worte übrig: "So eine Anlage ist europaweit einzigartig." Besonders ist an Riem, dass hier mehrere Wettbewerbe parallel laufen können. Dadurch war Voltigieren wie 2017 Teil des Programms - und füllte die Tribünen. Das freute vor allem die bayerischen Junioren Gregor Klehe und Jannik Liersch, die Gold und Silber holten, wie auch die Turnierleitung um Michael Hohlmeier. "Die Zuschauer sind zu großen Teilen beim Voltigierern, das hilft auch den Gastronomen", stellt der Geschäftsführer des Bayerischen Reit- und Fahrverbands fest.

Unter besonderer Beobachtung standen an den vier Turniertagen die Springreiter, nachdem der Spiegel über Alkoholexzesse und Fälle sexualisierter Gewalt im Kreise einzelner Jungstars berichtet hatte. Die FN bestätigte übermäßigen Alkoholkonsum bei einigen Nachwuchs-Springreitern und bekräftigte, den Vorwürfen nachzugehen. Für die Partys am Freitag und Samstag wurde vorsichtshalber die Sperrstunde auf Mitternacht festgesetzt. Was man am Wochenende aber auch wieder sah, waren Zuschauer und Eltern, die während der Wettkämpfe der Jungsportler schon mittags Champagner und Sekt schlürften - mitunter direkt aus der Flasche. Zum Bild einer geläuterten Sportart trägt so etwas nicht bei. Es schadet jungen Athleten wie Raphael Netz, auch wenn die Dressur in den vergangenen Wochen nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung stand. Für Netz war die deutsche Meisterschaft "dahoam" trotzdem etwas Besonderes.

In fünf Jahren wäre München wieder als DJM-Ausrichter an der Reihe. "Wir stehen wieder zur Verfügung, falls wir den Auftrag bekommen", sagt Hohlmeier. Bis dahin zeigt der Reitnachwuchs hoffentlich auch neben den Reitplätzen eine positive Entwicklung.

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