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Paralympics:Auf Schwungsuche

Nach der Enttäuschung von Sotschi und Materialproblemen startet Monoskifahrer Georg Kreiter aus Wolfratshausen mit neuer Gelassenheit in Südkorea

Er hat nicht gebetet, beten bringt ja wahrscheinlich auch nicht viel, wenn es nicht aufhört zu schneien. "Man kann nichts machen", hat sich Georg Kreiter gesagt und es mit Humor genommen, er hat sich im Rollstuhl neben den Schneemassen fotografieren lassen, als im Januar in Tignes der letzte Weltcup vor der Nominierungsfrist für die Paralympics ausfiel, schon der zehnte in dieser Saison. Aber gehofft hat er schon, dass sie beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) trotzdem an ihn glauben, obwohl er es ihnen nicht zeigen konnte. Schließlich war er jetzt mal dran mit ein bisschen Glück.

Die vergangenen Jahre waren für den Monoskifahrer Kreiter, 33, auf der Skipiste eher von Pech geprägt. Doch als ihn Ende Januar der Bundestrainer anrief, sagte der: "Da hast du noch mal Glück gehabt." Am vergangenen Sonntag ist Kreiter mit der deutschen Mannschaft nach Pyeongchang geflogen. Und er hätte wohl nichts dagegen, sein Glück noch ein wenig auszureizen. Er überlegt, als er an einem Mittag im Februar im Wirtshaus in Sauerlach sitzt, Kreiter kommt aus Wolfratshausen. Er überlegt, aber dann sagt er es doch: "Mein Ziel ist ganz klar, eine paralympische Medaille zu holen."

Bei den Spielen von 2014 stürzte Kreiter, im Jahr darauf gewann er die WM. Danach? Nicht mehr viel

Mit diesem Ziel ist Kreiter, der nach einem Motorradunfall als 17-Jähriger querschnittgelähmt ist und 2006, zwei Jahre nach Abschluss seiner Berufsausbildung zum Mediengestalter, mit dem Monoskifahren begann, schon vor vier Jahren zu den Spielen nach Sotschi geflogen. Aber er stürzte, er gewann nichts. Im Jahr darauf gewann er WM-Titel im Riesenslalom und in der Superkombination, er gewann 2015 die Wahl zu Deutschlands Behindertensportler des Jahres. Danach gewann er nicht mehr viel.

Georg Kreiter

Öfter mal Schweinebraten und Genussschwünge: Der Wolfratshauser Georg Kreiter geht seinen Sport nicht mehr so verkrampft an. Wie hier im französischen Tignes, als der Weltcup wegen zu viel Schnee abgesagt wurde.

(Foto: oh)

Monoskifahren ist akribische Detailarbeit, am Training der Nacken-, Arm- und Schultermuskulatur, am Schwung - und am Sportgerät. 2015 wechselte Kreiter seinen Monoskibob, seiner war ein altes Modell, er habe technisch alles ausgereizt gehabt, sagt er. Kreiter entschied sich für ein moderneres Gerät, etwas schwerer, verstellbar für verschiedene Disziplinen, Dämpfung der neuesten Generation - aber etwas träge, schwerer zu steuern. Er kam nicht damit zurecht; immer, wenn die Pistenverhältnisse etwas anders waren als vorher, und das waren sie oft, fühlte es sich ungewohnt an. Er überlegte, zurückzuwechseln, entschied sich dagegen, bis es dafür zu spät war, weil es wieder Gewöhnungszeit gekostet hätte. "Zwei Jahre lang habe ich gekämpft, dass ich zu dem Gefühl komme, das ich gerne hab beim Skifahren", sagt er. In diesem Jahr hatte er kaum Gelegenheit, das Gefühl zu bekommen: Mal fielen Weltcup-Rennen aus, mal fiel Kreiter wegen einer Grippe aus, mal ließ das deutsche Team ein Rennen aus. Seine beste Weltcup-Platzierung war ein siebter Rang, der DBS nominierte ihn mit Wohlwollen.

In Südkorea freue er sich "auf dasDrumherum". So eine Medaille,"das ist ja nicht alles".

Das Material ist im paralympischen Sport oft ein wichtiges Thema, bei den Leichtathleten im Sommer etwa, Sprinter und Weitspringer optimieren bis ins letzte Detail Karbonfedern und Prothesenlängen. Die Geschichte von Georg Kreiter zeigt, dass der Wille zur Optimierung manchmal auch eine negative Seite hat. Oder wie es Karl Quade ausdrückt, Chef de Mission des deutschen Teams: "Wenn man versucht, sich zu verbessern, kann der Schuss auch nach hinten losgehen."

Es ist das Schöne an Kreiters Geschichte, dass er aus seinen Fehlern gelernt hat. Nicht nur in Bezug auf sein Sportgerät.

Vor Sotschi ernährte er sich strikt nach Plan. Inzwischen isst er zwischendurch auch mal Schweinsbraten oder Schinkennudeln. Er trainierte auch strikt nach Plan. Inzwischen geht er im Sommer nicht aufs Handbike, wenn es in Strömen regnet. "Dann geh ich halt morgen", sagt er. Kreiter, einer von sieben Wintersportlern, die zum paralympischen "Top Team" gehören und mit bis zu 1500 Euro pro Monat gefördert werden, machte sich lange selbst großen Druck. Inzwischen sagt er, dass es einer der wichtigsten Momente des Winters war, mit Freunden ein paar "Genussschwünge" zu machen. Einfach Skifahren, ohne auf den richtigen Moment am Tor zu achten. Er hat sich erinnert, warum er den Sport nach seinem Unfall für sich ausgewählt hat: "Geschwindigkeit, Freiheit. Tun zu können, was alle anderen auch machen, die keine Behinderung haben."

Premiere für Klausmann

Lutz Klausmann, der in München Finanz- und Versicherungsmathematik studiert, feiert sein Debüt als Begleitläufer in Pyeongchang. Der 25-Jährige betreut den sehbehinderten Freiburger Biathleten und Langläufer Nico Messinger in drei Rennen. Klausmann hat deswegen das letzte halbe Jahr in Freiburg verbracht, dort seine Masterarbeit geschrieben und zwölf Stunden pro Woche mit Messinger trainiert.

Deshalb also denkt er nach über die Frage nach seinen Zielen in Pyeongchang. Und deshalb ergänzt er etwas. Mehr als in Sotschi, wo er nur den Erfolg im Kopf hatte, freue er sich nun "auf das Drumherum". So eine Medaille, "das ist ja nicht alles".

Das letzte Trainingslager in Berchtesgaden begann im Nebel, doch am nächsten Tag schien die Sonne. Und vertraut man Kreiters letztem Eindruck vor dem Abflug, dann hat er vielleicht gerade rechtzeitig seinen Schwung gefunden.

© SZ vom 09.03.2018
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