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Münchner Flüchtlings-Fußballklub FC Bayern Kaserne:Spiel des Lebens

FC Bayernkaserne

Der Chef auf dem Platz: René Gomis, links, war Nationalspieler für Senegal. Heute trainiert er jugendliche Flüchtlinge in der Bayernkaserne.

(Foto: Wolfgang Maria Weber)

Im Team des FC Bayern Kaserne machen junge Flüchtlinge eine neue Gemeinschaftserfahrung. Der Fußball hilft ihnen, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten

Wenn René Gomis mal anhält, steht er breitbeinig da, die Schuhspitzen auf der Seitenlinie. Das passiert aber selten. Am liebsten tigert der Trainer auf und ab. "Auf geht's! Go, go, go! Allez!" Er fuchtelt mit den Armen, geht bei jeder Aktion mit, schreit seine Anweisungen über den Platz. Auf Deutsch, Englisch und Französisch.

Gomis trainiert keinen normalen Fußballverein. Er trainiert den FC Bayern Kaserne - ein Team aus unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die in der Bayernkaserne leben, der oberbayerischen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in München. Seit 2014 kickt der FC Bayern Kaserne in der Royal Bavarian Liga, einer Freizeitliga, und misst sich mit Hobby- und Thekenmannschaften wie Funkturm United oder Caipiranha. Der FC Bayern Kaserne ist das einzige Flüchtlingsteam.

Es ist der vierte Spieltag, der FC Bayern Kaserne empfängt den FC Hewal. Die Mannschaft muss ihre Gegner zu sich auf den Platz des Flüchtlingsheims bitten: Es wäre ein zu großer organisatorischer Aufwand, umherzufahren. Der FC Bayern Kaserne spielt in roten Trikots, wie sein Namenspatron. "Es macht mir Freude, mit den Jungs zusammenzuarbeiten", erzählt René Gomis und kratzt sich den angegrauten Bart. Der 40-Jährige stammt aus dem Senegal, früher war er Nationalspieler, bestritt vier Länderspiele. Das Team trainiert er nebenbei, eigentlich ist er für die Sicherheit in der Bayernkaserne zuständig. Anfangs war er skeptisch: "Ich hatte Angst, dass mir die Sache hier als Afrikaner zu nahe geht." Doch nach drei Probetagen war er sicher: Hier wird er gebraucht.

In der Kaserne leben im Frühling 2015 mehr als 1000 Flüchtlinge. Sie kommen vor allem aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Knapp die Hälfte von ihnen sind minderjährig und ohne Familie nach Deutschland gekommen. Wie Sainey. Der 17-Jährige aus Gambia wohnt in Haus 19. Der Platz ist knapp, er teilt sich ein Zimmer mit drei Jungen aus Gambia und Senegal. "Wir verstehen uns aber gut und sind freundlich zueinander", sagt er. Ihr Zuhause sieht aus wie ein Schullandheim: etwas abgewrackt und voll junger Leute, die ziellos umherlaufen. Amseln zwitschern, es duftet nach Sommer - allerdings nur, solange der Wind nicht durchzieht. Dann riecht es nach Gemeinschaftsklo.

Sainey hat schwarze Haare, weiche Züge, ein freundliches Lächeln. Ein Jungengesicht. Nur seine Augen passen nicht dazu: Rote Fäden durchziehen die Augäpfel. Es sind Augen, die zu viel gesehen haben für ihr Alter. Saineys Eltern schickten ihn auf die Reise. 6000 Kilometer bis nach Deutschland. Als er von seiner Familie erzählt, zittert sein Körper. Sein Atem wird schneller, seine Stimme heller. "Niemand passte auf mich auf. Meine Eltern sind arm, sie konnten mir nicht helfen", sagt er. In seinen Augen bilden sich Tränen.

Sainey hat sich von Westafrika aus nach Libyen durchgeschlagen. Für seinen Platz auf dem Flüchtlingsboot zahlte er 1000 Libysche Dinar, etwa 650 Euro. "Ich bin nach Deutschland gekommen, um mich selbst zu ernähren." Er wird leiser. "Ich will auch meinen Eltern helfen." Er will nicht nur, er muss. Aber er sitzt in der Bayernkaserne fest, geht zur Schule, muss Deutsch lernen. Seiner Familie in Gambia hilft das nicht.

Eigentlich träumt Sainey davon, Fußballprofi zu werden. Seine Freunde zu Hause riefen ihn "Messi". Doch für eine Profikarriere hätte Sainey einen Förderer gebraucht, einen, der ihm die Ausbildung zahlt. Er fand keinen. Der Ballkünstler Sainey wurde nicht entdeckt.

Sainey ist einer der besten Spieler in der Kaserne, das ist jeden Dienstag und Donnerstag beim Training zu sehen. "Bis jetzt hatte ich nie die Chance, mich zu zeigen. Aber wenn es soweit ist, dann bin ich da", sagt er. Allerdings dürfen Flüchtlinge, einmal in Deutschland angekommen, nicht gleich in einem richtigen Verein spielen, das verbieten die Regeln des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Deshalb gibt es das Team in der Freizeitliga. Ein Stück Rasen und ein Ball lenken die oftmals traumatisierten Jugendlichen ab. René Gomis sagt: "Fußball bedeutet den Flüchtlingen alles. Das kennen sie von zu Hause." Auch er ist früher jeden Tag sofort nach der Schule zum Fußball gegangen.

Gomis kickt heute noch gerne. In der Partie gegen den FC Hewal spielt er eine Weile im zentralen Mittelfeld. Man merkt ihm den ehemaligen Nationalspieler an: Hat er den Ball nicht, joggt er in Trippelschritten übers Feld, die Füße heben sich kaum vom Boden. Er beobachtet die Laufwege seiner Jungs und ruft: "Spielt die Bälle ab, der alte Mann kommt nicht mehr hinterher!" Dass er es noch kann, zeigt sich wenig später, als er den Ball aus 16 Metern versenkt. Keine Chance für den Torhüter, Gomis' Schuss landet links unten im Netz. Kurz darauf wechselt er sich selbst aus, er hat ein Ziehen im Bein gespürt. Sein altes Problem: Gomis musste seine Profikarriere beenden, weil seine Oberschenkelmuskulatur zu anfällig geworden war.

In der Bayernkaserne ist Gomis nicht nur als Sicherheitsbeauftragter und Trainer, sondern auch als Vermittler zwischen den Welten gefragt. "Da ich Schwarzafrikaner bin, bin ich für die meisten eine Bezugsperson", sagt er. Manchmal wird die Arbeit zum 24-Stunden-Job: "Manche Flüchtlinge brauchen auch am Abend Hilfe und Zuspruch", sagt Gomis. Oft geht es darum, den Jungen zu helfen, mit der Realität in der Kaserne zurechtzukommen: "Anfangs sind viele enttäuscht. Europa gilt in Afrika als Eldorado." Auch Sainey hatte gehört, wie schön Deutschland sei.

René Gomis wohnt in München, ist mit einer Deutschen verheiratet, hat zwei Kinder. Er ist nicht als Flüchtling nach Deutschland gekommen, aber er weiß, wie es sich anfühlt, hier fremd zu sein. "Ich setze mich sehr dafür ein, dass die Jungs schnell Deutsch lernen", sagt er. Auch er sei erst richtig angekommen, als er die Sprache konnte. Seine Anweisungen an die Mannschaft ruft er deshalb immer zuerst auf Deutsch. Abseits des Sports ist es ihm wichtig, für alle da zu sein: "Mit den Fußballern habe ich natürlich am meisten zu tun. Und die Schwarzafrikaner sind mir auch näher, schon der Sprache wegen." Aber er versucht, ein wenig Distanz zu halten. Er will auch für Araber ein glaubwürdiger Partner sein. Die Jugendlichen suchen Gomis' Rat; wenn sie verzweifelt sind, wollen manche nur mit ihm reden.

Philipp Rank hat das mehrmals erlebt. Der Münchner, der in der Verwaltung der Bayernkaserne arbeitet, hat den FC Bayern Kaserne vergangenes Jahr gegründet. An die jungen Flüchtlinge kommt Gomis aber näher heran als er, sagt der 28-Jährige: "In der Kaserne kennt ihn jeder. Ich glaube, viele Flüchtlinge sehen ihn als Vaterfigur." Das versteht Rank gut: "Sie sind in ein fremdes Land gekommen, und da ist plötzlich einer, der ihre Sprache spricht."

Die Aufgabenteilung ist klar: Rank zieht die Spielfeldlinien nach, kümmert sich um die Tornetze, hält den Kontakt zu den gegnerischen Teams und springt als Spieler ein. Gomis ist der Chef auf dem Platz. Gegen den FC Hewal steht er nun wieder an der Seitenlinie und drückt sein Bäuchlein heraus. Inzwischen treibt er nicht mehr an, sondern versucht, seine Mannschaft zu beruhigen: "Kommt mal wieder runter, Leute!" Das Spiel ist unfair geworden: Die Teams provozieren sich mit bösen Fouls. "Fuck you", hallt es über den Platz. "Afrikaner sind sehr emotional beim Fußball", sagt Gomis entschuldigend. "Das legt sich erst nach ein, zwei Monaten, wenn sich die Flüchtlinge an die Kultur hier gewöhnt haben." Für die Spieler des FC Bayern Kaserne gibt es sowieso keinen Grund, sich aufzuregen: Am Ende gewinnt die Mannschaft 4:1. Anfang Oktober, als die Saison zu Ende geht, wird sie auf Platz zwei der Tabelle stehen, mit acht Siegen und drei Niederlagen. Jetzt aber trotten die Spieler in die Kabine, ziehen ihre roten Trikots aus und machen sich auf den Weg zurück zu den Wohnhäusern. Nicht mehr als Einheit, jeder für sich.

René Gomis lässt sich mehr Zeit. Er duscht erst, dann steigt er in sein Auto und fährt zurück ins Büro. Er muss heute noch arbeiten. Er wird hier gebraucht.

Die hier vorab veröffentlichte und leicht gekürzte Reportage erscheint im Magazin "Vegas" der Klasse 53B der Deutschen Journalistenschule in München. Dieser und alle weiteren Texte sind vom 15. Dezember an in voller Länge unter www.klartext-magazin.de/53B zu lesen.